Bericht 27-15

 

 

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Die Linden-Limmer Zeitung bringt seit Dezember 2015 eine Folge von Interviews zum Thema Wasserstadt. Nachdem Moderator, Stadtbaurat, Bürgerinitiative und Investoren das Wort hatten, äußert sich jetzt die Politik. Und zwar auf lokaler und auf gesamtstädtischer Ebene.
Zuletzt hatte sich im moderierten Beteiligungsverfahren Betroffene und Interessierte mit großer Mehrheit für eine moderate Siedlungsentwicklung ausgesprochen. Statt der von der Bauverwaltung angepeilten 5.000 Einwohner sollen nur halb so viele Menschen in der zukünftigen Wasserstadt wohnen, also maximal 2.500, was einer Dichte etwa wie in der Vorzeigesiedlung Kronsberg entspricht. Ratspolitiker und Journalisten hatten dies als „Wünsch-Dir-Was-Bürgerbeteiligung“ und als „nicht zukunftsfähig“ kommentiert.
Oberbürgermeister Stefan Schostok regte auf der letzten Diskussionsveranstaltung am 14. April an, hierzu einen Kompromiss zu finden. Die moderierte Bürgerbeteiligung wird weitergehen, nächster Termin zur sogenannten „Feedback-Werkstatt“ ist der 12. Mai ab 18 Uhr im Freizeitheim Linden. Dort soll auch über die Zusammensetzung eines „Wasserstadtbeirates“ beschlossen werden, der die weitere Planung begleiten wird. Letztlich muss allerdings der Stadtrat die nötigen Entscheidungen fällen.

 

Interview Nr. 5
Rainer-Jörg Grube und Michael Dette
Die Lokalpolitiker

Rainer-Jörg Grube (59) ist Kaufmann der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft und Geschäftsführer des Ökologischen Gewerbehofs in Linden-Nord. Seit 2011 ist er der, von den Grünen nominierte, aber parteilose Bezirksbürgermeister von Linden-Limmer. Michael Dette (57) ist von Beruf Eisenbahner. Seit 14 Jahren ist er stellvertretender Vorsitzender der grünen Ratsfraktion Hannover und deren baupolitischer Sprecher.  Auf die Fragen von Wolfgang Becker erläutern die beiden Lokalpolitiker bereits Ende März Ihre Sicht auf die laufende Planungsdebatte.

 

Welche Leitbilder und Visionen haben Sie für die zukünftige Wasserstadt?

Rainer-Jörg Grube: Ich hoffe, es gelingt einen modernen Stadtteil entstehen zu lassen, der sich in die umliegenden Stadtteile integriert und so nicht zu einem Fremdkörper mutiert. – Ein identitätsloses Vorzeigequartier nach dem Motto „Quadratisch, energetisch, gut“ aber ohne eigene Wohlfühlqualitäten ist zu verhindern. Auch muss ein Ghetto, egal welcher Einkommensschicht, durch eine ausgewogene Planung und Mischung der zukünftigen Bewohnerschaft verhindert werden. Die aus Rats- und Verwaltungskreisen postulierte „Lösung der hannoverschen Wohnungsnot“ auf dem Wasserstadtgelände kann nur dann gelingen wenn die Wohnungen erstellt werden, die auch für breite Bevölkerungskreise benötigt werden. Man muss nicht hinzufügen, dass sich Einkommensstarke in der Regel gut selbst helfen und versorgen können und das bekanntlich auch ohne städtische Hilfen und baulichen Rahmenplanungen tun!

Michael Dette: Die Wasserstadt Limmer soll den Stadtteil infrastrukturell aufwerten und ergänzen. Deshalb soll hier die Chance genutzt werden, energetisch und ökologisch fortschrittlichste Gebäude für ein inklusives Leben zu etablieren. Gleichzeitig muss durch urbanes Bauen ein größtmögliches Angebot für die Versorgung der vorhandenen und zukünftigen Bewohner geschaffen werden. Hierzu zählen der Einzelhandel genauso wie Kitas, Kulturangebote sowie Sportanlagen bzw. sonstige Freizeitanlagen für alle Altersgruppen. Ebenfalls muss in einem gewissen Rahmen auch nicht störendes Gewerbe in der Wasserstadt ausgeübt werden können. Eine der Einwohnerzahl angemessene Verkehrsinfrastruktur innerhalb des Stadtteils, aber auch zur Anbindung benachbarter Stadtteile und an die hannoversche Innenstadt mit eindeutiger Priorisierung der ökologischen Verkehrsträger wie Fahrrad und ÖPNV muss genauso geschaffen werden. In der Wasserstadt sollen alle Bevölkerungsgruppen die Chance bekommen, ein Zuhause zu finden. Deshalb muss hier eine angemessene Zahl geförderter Wohnungsbau, studentisches Wohnen und insbesondere dem demographischen Wandel berücksichtigende Wohnungen gebaut werden.

Wie ist der moderierte Bürgerdialog aus Ihrer Sicht gelaufen?

Rainer-Jörg Grube: Der moderierte Bürgerdialog hatte zwar seine anfänglichen Schwächen, die sich aber im Verfahren schnell durch zeitnahe Nachbesserungen erledigt haben. Der größte Mangel, der nicht behoben wurde, waren aber die nicht definierten Rahmenbedingungen, aus denen die Rechte und Pflichten des Verfahrens für jede/n vorher erkennbar hätten sein müssen. Die diesbezüglichen sehr konkreten schriftlichen Vorschläge und Forderungen aus dem Bezirksrat nach einem qualifizierten Verfahren, aus dem sich auch Verpflichtungen zur Umsetzung definiert hätten, wurden zwar von der Ratspolitik und der Bauverwaltung interessiert zur Kenntnis genommen, haben aber dann keinen Eingang in das Verfahren gefunden. Ein Rahmen wurde nicht definiert und führte schon zu Beginn zum Vorwurf, das Prozedere sei scheindemokratisch. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, aber es ist schon sehr bemerkenswert, wie sich die vorgenannten Akteure heute sträuben die Ergebnisse der Bürgerbeteiligung zu übernehmen und umzusetzen!

Michael Dette: An allen Abenden waren die Diskussionen von einer enormen Qualität geprägt. Es gab eine Vielzahl von Anregungen und Hinweisen sowie eindeutige Aussagen der Teilnehmer, welche den Horizont der Planung und insbesondere der Debatte sowie Meinungsbildung in den politischen Gremien erweitern wird. 

Es gibt Meinungsverschiedenheiten zur 'Dichte' der Siedlung. Warum sind die Wohnungs- und Einwohnerzahlen so wichtig?

Rainer-Jörg Grube: Nur wer sich intensiver mit den Problemen des Bezirks auseinandergesetzt hat, wird erkennen, wie wichtig ausreichende Lebensräume für die Bewohner/innen sind, um den Alltag lebenswert und konfliktfrei zu gestalten. Das gilt nicht nur für Grünflächen oder andere öffentliche Nutzungen, sondern für alle Bereiche, in denen es oft „zu eng für Individualität“ ist. Zum Beispiel hat in Linden-Nord nicht etwa die Toleranz der Bewohner/Innen abgenommen, sondern für durch von außen neu eingetragenen Lebensweisen - wie etwa das Limmern - besteht schlicht nicht genug Raum, um die unterschiedlichen Sicht- und Verhaltensweisen Aller konfliktfrei nebeneinander zu leben. Gleiches wird deutlich, wenn man diese Dichte alltäglich schon auf dem Weg zur Arbeit in der Strapazenbahn, anschließend in der Schlange beim Einkaufen und schließlich bei der Suche nach Ausgleich in den überfüllten Grünflächen ständig neu erlebt. – Dabei Linden-Nord als einer der dichtbesiedelsten Stadtteile Norddeutschlands hat heute „nur“ 169 Einwohner pro Hektar, während nach Meinung von Ratspolitik und Verwaltung der Wasserstadt zukünftig gar mehr als 208 Einwohner pro Hektar zugemutet werden sollen. Und das ohne angemessene Versorgung und eine Erschließung, die nicht die Nachbarstadtteile überfordert? Eine gute Orts- und Problemkenntnis wäre von den Entscheidern eher zu erwarten als in geschönten Gefälligkeitsgutachten alle Befürchtungen zu verharmlosen!

Michael Dette: In der Dialogveranstaltung am 4. März ist die Meinung zu über 100 Einzelpunkten abgefragt worden. Eine Vielzahl von Punkten, wie z. B. der soziale Wohnungsbau, inklusives Wohnen, Gewerbeausübung am Wohnort, Urbanität aber auch soziale, kulturelle und Freizeitanlagen sind unmittelbar von der zukünftigen Bevölkerungszahl abhängig.

Wie erklären Sie den Bürgern, wenn der Rat zu anderen Entscheidungen kommt, als es das Beteiligungsverfahren ergeben hat?

Michael Dette: Ich habe großen Respekt vor dem Bürgerdialog und möchte auf der Abschlussveranstaltung am 14. April die über 100 Ergebnispunkte inklusive ihrer Gewichtung erst einmal zur Kenntnis nehmen. Es bringt nichts, wie vor Kurzem geschehen, einzelne Punkte solitär zu bewerten und viele weitere Ergebnisse des Dialogs damit nicht zu berücksichtigen bzw. unmöglich zu machen. Die Welt ist weder schwarz noch weiß, sondern glücklicherweise bunt, genauso wie ich mir die zukünftige Wasserstadt vorstelle.

Rainer-Jörg Grube: Der Rat und die Verwaltung mit seiner Spitze Stefan Schostok haben grundsätzlich die Verantwortung ihre Entscheidungen zu erklären und zu verantworten. Hier nun aber ganz besonders, da die zu Verfahrensbeginn geäußerten Befürchtungen tatsächlich wider anderer Versprechungen einzutreten scheinen. Kein gutes Signal an einen hochpolitischen Stadtteil, der schon immer sehr veränderungswillig war und stets geblieben ist, solange er denn angemessen beteiligt wird! – Es wirkt, als würde man die Fehler der Sanierungsgeschichte wiederholen wollen. Keine gute Idee, um im Jahr vor der Kommunalwahl der bekannten Politikverdrossenheit entgegenzuwirken. Es spricht für sich, dass dabei ausgerechnet hier die „Freiheit des Mandats“ strapaziert wird, während das „imperative Mandat“ verunglimpft wird. Gilt es doch eigentlich eher darum die wohnungspolitischen Verfehlungen der letzten Jahrzehnte zu geschickt zu vertuschen und den drastischen Folgen möglichst einfach zu begegnen. Leider erneut ohne Augenmaß und diesmal mit der Inkaufnahme des gravierenden Downgradings ganzer Bezirke!

 

Wolfgang Becker

 

Siehe auch Interview 1 + 2 + 3 + 4 + 5

Infos zum Thema im Internet:
wasserstadt-dialog.info
hannover.de/wasserstadt  (Stadt)
wasserstadt-limmer.org  (BI)
wasserstadt-limmer.de  (Investoren)

Bei wasserstadt-dialog.info werden aktuell die jeweiligen Informationen zum Stadtteildialog veröffentlicht.

 

Text: Wolfgang Becker

Letzte Änderung: 11.05.2015

 

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Rainer-Jörg Grube und Michael Dette    

Die,19.04.2015, Wasserstadt-Debatte, Interview Nr. 5
Positionen zur Wasserstadt Limmer

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Nach dem ersten Beitrag wird ein Diskussionsforum eingerichtet.

2014.02.04_Wassertadt Limmer_Lageplan_1000_1

Planung der Stadt, die am 04.02.2014 vorgestellt wurde und von der BI abgelehnt wird.

2014.11.19_IMG_3965_1

Auftaktveranstaltung der Bürgerbeteiligung am 19.11.2015

2015.02.16_Die_Entwurfswerkstatt_mit_medialer_Aufmerksamkeit_1

Entwurfswerkstatt am 16.02.2015 mit Medialer Aufmerksamkeit.

Leserbrief

Faktencheck

zur Aussage des Bezirksbürgermeisters R. Grube in der Linden- Limmer Zeitung, 4-2015:

„Dabei Linden-Nord als einer der dichtbesiedelsten Stadtteile Norddeutschlands hat heute „nur“ 169 Einwohner pro Hektar, während nach Meinung von Ratspolitik und Verwaltung der Wasserstadt zukünftig gar mehr als 208 Einwohner pro Hektar zugemutet werden sollen. Und das ohne angemessene Versorgung und eine Erschließung, die nicht die Nachbarstadtteile überfordert? Eine gute Orts- und Problemkenntnis wäre von den Entscheidern eher zu erwarten als in geschönten Gefälligkeitsgutachten alle Befürchtungen zu verharmlosen!“

Offizielle Statistik der Stadt zur Kenntnis (s. Anlage). Bei 2000 Wohnungen ergeben sich danach max. 157 Einwohner pro ha. Geht man von einer realistischeren mittleren Variante von 1500 – 1600 Wohnungen aus (OB Schostock: „zwischen 1000 und 2000 Wohnungen“), so ergibt sich für die Wasserstadt eine rechnerische Einwohnerdichte von 104 bis max. 125 EW/ha. Linden-Nord hat 169 EW/ha.

Mit freundlichem Gruß
E. Barkhoff