Bericht 16-15

 

 

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So, 08.03.2015, Willkommenskultur
Migranten und Flüchtlinge in Linden

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Über 50 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Gut 200.000 von ihnen kamen 2014 in Deutschland an, davon rund 2000 in Hannover und derzeit etwa 50 in Linden. „Das ist keine Welle,“ sagt Uwe Horstmann vom Unterstützerkreis, „sondern allenfalls ein leichtes Plätschern.“ Der ehemalige SPD-Lokalpolitiker ist sicher: „Dieser Stadtteil trägt die Flüchtlinge. Das hätte ich auch nicht anders erwartet“.

Im Jahr 2013 entstand mit der Einrichtung des ersten Lindener Wohnheimes der Unterstützerkreis „Flüchtlingshilfe D33“. Die rund 20-köpfige Gruppe trifft sich einmal im Monat beim Quartiersmanagement im Stadtteilladen Deisterstraße 66. Mittlerweile gibt es eine zweite Unterkunft in der Fössestraße. Von außen ahnt man nicht, dass in den gut erhaltenen Altbauten insgesamt 50 Flüchtlinge aus derzeit 13 verschiedenen Ländern leben. „Ich bin sehr glücklich über unsere Nachbarschaft“, sagt Heimleiterin und diplomierte Sozialwissenschaftlerin Olga Issak: „„So was wie in Linden habe ich vorher noch nicht gesehen!

Träger der beiden Einrichtungen im Stadtteil ist das Unternehmen European Homecare GmbH. Eigenwerbung: „Wir helfen der Politik in ganz praktischer Hinsicht.“ Die Dienstleistungen der Firma mit Zentrale in Essen lohnen sich offenbar auch in Hannover: Für Unterbringung und Betreuung der Flüchtlinge gibt es von der Stadt Kopfpauschalen, European Homecare betreibt und bewirtschaftet derzeit 10 Unterkünfte in der Landeshauptstadt. 

Linden und seine Zuwanderer

Flüchtlinge und Migranten gibt es in Linden schon lange. Bereits im 19. Jahrhundert zog der Industriestandort ausländische Arbeitskräfte an. Flüchtlinge in großer Zahl kamen nach dem 2. Weltkrieg, insbesondere aus den deutschen Ostgebieten. Die deutsche Zivilgesellschaft hat diese Zuwanderer gut eingegliedert.

Das galt auch für die sogenannten Gastarbeiter der 1950er und 60er Jahre: Italiener, Griechen, Spanier, Jugoslawen, Türken und viele andere Nationalitäten. Die Industrie warb im Ausland gezielt an – allein etwa 3000 Galizier arbeiteten bei der Hanomag. Arbeiter wurden gerufen, Menschen und Familien kamen, viele von ihnen blieben.

Es entstand eine multikulturelle Bevölkerung, allein in Linden-Süd leben heute mehr als ein Drittel Menschen mit Migrationshintergrund. Diese vielfältige und bunte Gesellschaft schaffte es auch immer wieder, Flüchtlinge willkommen zu heißen. Zum Beispiel Chilenen nach dem blutigen Militärputsch, die zunächst vom Schah und später vom Khomeiní-Regime verfolgten Iraner, die „boat-people“ nach dem Vietnam-Krieg, die Bürgerkriegsflüchtlinge vom Balkan und viele Ethnien mehr.

Immer wurden die Migranten aller Einwanderungswellen irgendwie untergebracht und integriert. Das Grundrecht auf Asyl bietet – mit Einschränkungen – Schutz vor Verfolgung und Bleiberechte. Beim Thema „Multikulti“ und bei der Lufthoheit über deutschen Stammtischen bleiben allerdings unterschiedliche Meinungen. Denken wir an Pegida, Hagida und wie sie alle heißen. Und auch an die erschreckenden Angriffe auf Flüchtlinge und deren Unterkünfte, die immer dann zunehmen, wenn Medien und Politik die angebliche „Flut“ mit dem Ruf nach schnellerer Abschiebung und verschärften Gesetzen eindämmen wollen.

Unterbringung in „Modulbauten“ geplant

Derzeit wird wieder nahezu täglich über Flüchtlinge berichtet: Auch, dass Hannover in diesem Jahr noch etwa 2.600 Menschen unterbringen wird, dass es schon jetzt Massenunterkünfte in Turnhallen und im ehemaligen Oststadtkrankenhaus gibt und dass nach dem Burgweg noch weitere Containersiedlungen geplant sind. Derzeit gibt es bereits neben 160 über das Stadtgebiet verteilten Wohnungen 21 Gemeinschaftseinrichtungen.

Wird es in Linden-Limmer - nachdem vor Jahren schon einmal Container am Gilde-Gelände Stephanusstraße standen – auch wieder Massenunterkünfte geben? „Ja, es sind zwei weitere Standorte für Modulbauten geplant,“ sagt Stadtsprecher Alexis Demos, „an der Wunstorfer Straße auf dem ehemaligen Conti-Parkplatz und an der Steigerthalstraße.“ Es sollen – vielleicht schon zum Sommer - jeweils etwa einhundert Flüchtlinge untergebracht werden. Insider berichten allerdings, dass Wasserstadt-Investor Günter Papenburg den Conti-Standort ablehne. Er habe persönlich dem zuständigen Stadtbaurat Uwe Bodemann die Unterstützung bei der Suche nach einem geeigneten Alternativ-Grundstück - möglicherweise im Gewerbegebiet Nähe Bauweg - angeboten. 

 

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Deutschunterricht bei kargah e.V.

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Uwe Horstmann erzählt über die Flüchtlingsarbeit. Zahlreich erschienen waren Gemeindemitglieder von St. Martin.

Gebot der Stunde ist Willkommenskultur

Eine herausragende Rolle in der hannoverschen Flüchtlingsarbeit spielt seit 1980 der Verein kargah (persisch: Werkstatt). Was seinerzeit in der Nordstadt mit iranischen Dissidenten begann, entwickelte sich im Laufe von 35 Jahren zur global orientierten, vielsprachigen Unterstützungsorganisation. Kargah e.V. mit seinen unterschiedlichen Angeboten hat den Sitz in Linden-Nord im Kulturzentrum FAUST. „Wir versuchen im Rahmen unserer Möglichkeiten einen Beitrag zu leisten“, sagt kargah-Gründungsmitglied Asghar Eslami: „Sensibilisierte Menschen müssen dafür gewonnen werden, individuell Flüchtlinge zu begleiten. Damit würde sich unsere Stadtgesellschaft verbessern.

Willkommenskultur für Flüchtlinge ist eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft“, meint auch Dorothee Blaffert, Pastorin der Bethlehemgemeinde: „Für Flüchtlinge ist hier alles fremd, staatliches Handeln kommt schnell an Grenzen. Wir als Kirchengemeinden sehen uns in der Pflicht und versuchen auf die Flüchtlinge zuzugehen. Fremde aufzunehmen, Verfolgten beizustehen und Flüchtlinge gut zu behandeln ist ein Wesensmerkmal unserer jüdisch-christlichen Kultur. Im 3. Buch Mose heißt es: 'Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland.'“
Manche Sachen schaffen die nicht alleine“, sagt Uwe Horstmann vom Lindener Unterstützerkreis. So seien Patenschaften entstanden, beim „Weg durch den Behördendschungel“. Bei praktischen Arbeiten im Haushalt wie Möbelbeschaffung und Handwerkerarbeiten werde ganz persönliche Hilfe geleistet. „Warum mache ich das eigentlich?“, habe er sich gefragt, berichtet der pensionierte Grundschullehrer: „Bestimmte Dinge habe ich im Überfluss. Es ist selbstverständlich, dass ich die auch teile.

 

Wolfgang Becker

„Flüchtlingshilfe D33“: Mailadresse uwe.horstmann@htp-tel.de

Mehrsprachiges Internetportal:

welt-in-hannover.de

 

Text: Wolfgang Becker
Letzte Aktualisierung: 01.04.2015

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