Bericht 02-15

 

 

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Graffiti waren nicht immer „normal“. Erst in den letzten Jahrzehnten tauchten diese überall auf. Auch Linden ist voller bemalter Wände. Viele sehen inzwischen gut aus und wurden legal mit großem Engagement angebracht. Andere sind nur ein Ärgernis. Im Folgenden einige Überlegungen dazu von Hans-Jürgen Riefkogel aus Linden-Nord.

Als mein französischer Freund Momo mich irgendwann Mitte der 80er Jahre das erste Mal in Hannover besuchte und wir durch Linden und die Nordstadt gingen, stellte er begeistert fest: „Ici, les murs parlent“ (Hier sprechen die Wände). Es war die Zeit der Friedens- und Anti-AKW-Bewegung, Sprengel war gerade besetzt. Es wurde eine Tradition fortgeführt, die schon zu Zeiten der Sozialistengesetze Ende des 19. Jahrhunderts begann und in den 70er Jahren einen Höhepunkte fand, alte Mauern und z.T. auf freie Hausflächen wurden mit politischen Plakaten beklebt, mit Parolen, so „1. Mai KPD“ in Gelb am Faustschornstein, bemalt. Die alte Mauer an der Rampenstraße z.B. wurde innerhalb weniger Tage von sämtlichen linken Organisationen immer wieder überklebt.

Es gab -  unabgesprochene - Regeln: Nie an öffentliche Gebäude, schon gar nicht an Denkmäler, Privathäuser blieben verschont. Viele Menschen, die später eine gewisse Rolle im Leben der Stadt spielten, beteiligten sich daran…Simon und Garfunkel sangen davon, dass die Worte der Propheten an den Wänden der Untergrundbahn und Wartehallen standen (Sounds of Silence). Grafitti oder Wandparolen, wie sie noch auf deutsch hießen, waren politisch.

Graffiti sind keine Erfindung des Neuzeit. Ob man die Höhlenzeichnungen der Steinzeitmenschen dazuzählt, sei dahingestellt. Man fand aber Schriften an den Wänden Pompejis, an vielen alten römischen Mauern. Und natürlich waren sie seit Jahrhunderten an Gefängnismauern, somit immer schon ein Zeichen gegen Unterdrückung – die Mauern sprachen tatsächlich, Brecht machte daraus sogar ein Gedicht.

Seit Ende der 80er Jahre aber wurden sie zunehmend unpolitischer. Stand zunächst noch „die Mauer muss weg“ in Berlin, so wurde sie, je höher sie wurde, eine Wand für Kunst. In Hannover wurde eine U-Bahn-Station ausgeschmückt (Sedanstraße). Vorbild war die Subway in New York, die bereits in den 70ern gestaltet wurde. In der Schweiz erreichte Harald Nägli mit seinen Graffiti Kultstatus. Der etablierte Kunstbuchverlag Dumont widmete ihnen 1989 sogar ein Buch: An der Wand – Graffiti zwischen Anarchie und Galerie.

Auch in Linden sind einige Hauswände, z.B. in der Leinaustraße, wunderbar gestaltet, auch an Zügen und Straßenbahnen fand sich diese Kunstform. Heerscharen von Künstlern zogen Tag und Nacht los, entwickelten eine eigene Sprache und eigene Ausdrucksformen.

Leider ist die „Szene“ irgendwann stehen geblieben, heutige Wandmalerei unterscheidet sich nicht wesentlich von der der 80er Jahre.

Und es kommt noch etwas dazu: Viele junge (fast ausschließlich) Männer laufen nachts mit Sprühdosen herum und sprühen alles an: Egal ob Sandsteinfassaden historischer Gebäude, die frisch gestrichenen Wände von Privathäusern, auf Abstellgleisen geparkte Züge, Planen von LKW, überall wird das Tag, das eigene Zeichen, hinterlassen.  Mit den ursprünglichen Wandparolen oder –malereien vergangener Jahrhunderte hat das leider nichts mehr zu tun.

Es scheint, als müssen junge Hunde ihr Revier markieren, überall wird rücksichtslos „hingepisst“. Die Kastanie am Lichtenbergplatz ist daran eingegangen – und ehrlich, Linden wird an der Pisse an den Hauswänden nicht kaputtgehen, aber es sieht so aus, dass Momo heute seinem Satz hinzufügen würde: „Ici les murs parlent – que de la merde*“.

Hans-Jürgen Riefkogel

 

* „Hier sprechen die Wände – nichts als Sch...“

 

 

Text: Hans-Jürgen Riefkogel
Letzte Aktualisierung: 07.01.2015

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07.01.2015, Grundsätzliches
Überlegungen zu Graffiti

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