Bericht 54-14

 

 

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29.11.2014, Arbeitsgemeinschaft Lindener vereine (AGLV)
Grünkohlessen der AGLV, Horst Deuker's Kohlrede

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Die Lindener Arbeitsgemeinschaft traf sich zum traditionellen Grünkohlessen im Stern. Endlich ging es mal nicht um organisatorische Kraftakte, sondern einfach nur um ein entspanntes Zusammensein. Nach Brägenwurst und Kasseler servierte Horst Deuker als Dessert eine zünftige

Kohlrede:

"Wie  sagt schon unser volkstümliches Gedankengut „Neue Besen kehren gut". Natürlich will ich nicht damit sagen, dass unsere neue AGLV Vorsitzende Gaby Steingrube ein Besen ist, nein, nein, sondern, dass sie neu ist und neue Ideen hat!

Nun bat sie mich, ich möchte hier und heute eine Kohlrede halten, wie das so im allgemeinen im Oldenburgischen üblich ist. Na nu, dachte ich: Kohlrede und ich?? Kennt sie etwa mein gestörtes Verhältnis zum Altkanzler nicht? Wie kann ich, der ich ja der SPD sehr nahe stehe, eine Rede über Kohl halten? Das wird ja eine Katastrophe.

Bis mir plötzlich die Erleuchtung kam: sie meint eine Grünkohlrede...

Womit wir schon beim nächsten Problem sind. Weil ja diese uns bekannten Reden aus Oldenburg fast ausgesprochene Aschermittwoch-Reden sind, wo jeder über seinen politischen Gegner herzieht und ihn madig macht und auch sonst kein gutes Haar an ihm lässt.

So soll ich jetzt etwa in die selbe Kerbe hauen und schimpfen, dass der Neujahrsempfang im Freizeitheim Linden viel unspektakulärer ist als im Capitol? Oder soll ich mich ärgern, dass der Mittelaltermarkt völlig gestrichen ist? Nein, das hat Gaby Steingrube sicher nicht gedacht.

Nun zum nächsten Punkt. heißt es nun Grünkohl oder Braunkohl? Manche sagen, dass der Kohl durch mehrfaches aufwärmen eine bräunliche Farbe bekommt, auch wird angenommen dass nur der Frost den Kohl bräunlich färbt und verrückter weise kommen dann auch noch die Braunschweiger und sagen: er käme aus Braun-schweig,

Richtiger ist wohl: Es gibt viele Sorten dieser Gattung Kohl, die sich unter anderem in der Färbung der Blätter unterscheiden. Wir Hannoveraner und auch die Bremer sagen Braunkohl und meinen damit

Brassica  oleracea  variatus  sabellical

Ein sehr vitaminreiches Wintergemüse mit hohem Vitamin C Gehalt: 100 Gramm Grünkohl hat doppelt soviel Vitamin C wie 100 gr. Orangen.

Wir glauben noch immer, dass diese Pflanze ganz gewiss aus unserer Region kommen muss. Wieder falsch!! Schon 400 v. Chr. kannte  man „unseren" Grünkohl in Griechenland. Die Römer kultivierten ihn im Laufe der Jahrhunderte und sie wussten schon sehr bald, dass der Kohl eine Arzneipflanze ist. Vor allen Dingen, wenn man gerade ein Zechgelage hinter sich hat.

Schon 1545 feierten die Bremer Kaufleute mit ihren Kapitänen ein Fest, bevor diese mit ihrer ganzen Flotte auf große Fahrt gingen. Die „Schaffermahlzeit", das traditionsreiche Braunkohlessen, wird noch heute von Bremer Kaufleuten und Seefahrern, mit Gästen aus Politik und Prominenz, gefeiert.

Jedermann weiß natürlich, dass Grünkohl erst nach dem ersten Frost schmecken soll, weil nur der Frost einen Teil der Kohlehydrate in Zucker umwandelt, durch den die Blätter eine angenehme Süße bekommen. Ernährungswissenschaftler widersprechen dem, sie sagen, dass eine Reihe von kalten Tagen – auch ohne Frost – den gleichen Zweck der Symbiose erfüllen.

Der Frost bestimmt meistens den Zeitpunkt, an dem Vereine, Gesellschaften und Freundeskreise Kassensturz ihrer übers Jahr verteilten Aktivitäten machen. Sie überlegen meist gar nicht lange wo und wie das Gesparte unter den Hammer kommt.

Kohl- und Pinkelfahrt beherrschen in den Wintermonaten eine ganze Region.

Wobei, uns Hannoveranern will die Pinkelwurst so gar nicht schmecken, dieses Gemisch aus Rindertalg, Speck und Zwiebeln, Schmalz, Hafergrütze und Gewürzen.

Kassler und Bregenwurst gehören dazu und jede Menge Schnaps! Man begnüge sich aber mit dem 32% tigen -  die Menge machts! Es wird gewandert, gebosselt, gespielt. Und das sind Spiele, wie sie auf jedem Kindergeburtstag heute noch gespielt werden: Teebeutelweitwurf die Straße rauf und runter und an jeder Straßenkreuzung gibt's erst mal einen Korn.
Die Teilnehmer sind natürlich mit umgehängten Schnapsgläsern oder Eierbechern ausgerüstet. Schlussendlich landet man in seinem Stammlokal zum Grünkohlessen.

Oldenburg ist die Grünkohlhauptstadt Deutschlands. Aber sinnigerweise feiern sie das größte Fest in Berlin. Ja, da kommt dann die große Prominenz aus Politik und Wirtschaft. Hier küren sie den Grünkohlkönig, der dann genau wie ich, Horst Deuker, eine Rede halten muss. Manchmal denkt man es ist der zweite Aschermittwoch, es wird so richtig vom Leder gezogen! Da tummeln sich dann die großen unserer Republik und alle waren schon da: Helmut Schmidt, Gerhard Schröder, Angela Merkel und auch - Nomen est Omen -  Helmut Kohl.

Großer Bahnhof.

Nur die letzten Jahre hat es wohl nicht richtig geklappt. Ich habe nachgesehen:

Karl-Heinz Funke, Guido Westerwelle, Christian Wulff, Anette Schawan, Phillip Rösler, Günter Öttinger und natürlich:

Karl, Theodor, Maria, Nikolaus, Johann, Jakob, Phillipp, Franz, Josef, Sylvester, Freiherr von und zu Guttenberg.

Also Vorsicht, Liebe Frau Steingrube, schon mit mir war das ein großes Risiko. Aber bei mir ist das ja ganz anders. Die anderen scheiterten ja hauptsächlich mit ihren politischen Reden, wo sie ja stets ihren politischen Gegner aus Korn nehmen.

A pro pos Korn: Der darf natürlich auch hier und heute nicht fehlen. Ganz nach dem Motto: Bei Nebenwirkungen trinken sie einen Schnaps. Oder fragen sie ihren Arzt oder Apotheker.

Vielen Dank."

 

Text/Fotos: Evelyn Schaefer
Letzte Aktualisierung: 11..12.2014

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Ein Lindenquiz zur Heimatgeschichte: Fachmann Horst Bohne wird Sieger und Grünkohlkönig. Zepter: das spezielle Grünkohlwässerchen vom „Stern".

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Kohlspezialist Horst Deuker (re.), Archivar und Sammler der Lindener Historie.