Bericht 50-14

 

 

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So, 05.10.2014, Bürgerbeteiligung bei der Planung
Von der Conti Limmer zur Wasserstadt

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Nach dem ersten Beitrag wird ein Diskussionsforum eingerichtet.

Die Verwaltung mauert", heißt es derzeit bei den Initiativen im Stadtteil. „Wir versuchen es so zu machen, wie die Politik es von uns erwartet", sagt dagegen die Bauverwaltung. Die Vorstellungen zur Bürgerbeteiligung Wasserstadt gehen offenbar auseinander. Die Stadt will nicht den von den Bürgerinitiativen geforderten Anwaltsplaner, sondern setzt für das kommende Halbjahr auf einen moderierten Prozess. Als externer Berater soll der Hannoveraner Klaus Habermann-Nieße vom Büro planzwei beauftragt werden. „Es ist richtig, dass wir ein entsprechendes Angebot abgegeben haben", sagt der u.a. als Vorstand der Woge Nordstadt bekannte Architekt, „einen Auftrag gibt es aber noch nicht".

Am Beginn des weiteren Beteiligungsverfahrens soll eine Auftaktveranstaltung stehen, auf der der Oberbürgermeister persönlich den Prozess und seine Akteure vorstellen wird. Über den Winter soll dann in mehreren Themenwerkstätten die Planungsvariante für die zukünftige Trabantenstadt überarbeitet, im Frühjahr 2015 das Bebauungsplanverfahren neu gestartet werden. So sieht es ein Ablaufdiagramm „Beteiligungskonzept Wasserstadt Limmer" aus dem Hause des Baudezernenten Uwe Bodemann vor, in dem auch schon der Name des Büros planzwei steht. „Ein sehr ambitioniertes Programm", hört man von den städtischen Planern, „wir hoffen sehr, dass es auch gelingt".

Die Basis in Limmer ist unzufrieden

Die vorliegende Planung, die mit 5000 neuen Bewohnern und bis zu achtgeschossigen Hochhäusern zu einer extremen Verdichtung führt, lehnen wir ab", heißt es schon seit Monaten auf der Homepage der Bürgerinitiative Wasserstadt Limmer (BI), „daher ist eine Beteiligung verschiedenster Gruppen und Initiativen und der Bevölkerung des Stadtteils im Rahmen einer Bürgerbeteiligung dringend notwendig."

Die BI ist ein Zusammenschluss von Bürgerinnen und Bürgern aus Limmer und den angrenzenden Stadtteilen sowie Menschen, die gerne auf dem Wasserstadtgelände wohnen wollen. Sie setzt sich für ein „lebendiges neues Viertel, welches gut in den bestehenden Stadtteil integriert" ist, ein und wehrt sich gegen eine „hochverdichtete Trabantenstadt".

„Über 10 Jahre lang wurde die Zukunft des Geländes in Sanierungskommission, Bezirksrat und allen Gremien diskutiert, es gab einen Architektenwettbewerb. Ergebnis war ein Flächennutzungsplan, der 600 Wohneinheiten vorsah", schrieb BI-Sprecher Thomas Berus im Februar dieses Jahres in der Linden-Limmer zeitung (LiZ): „Und jetzt treten plötzlich Herr Bodemann und Herr Papenburg vor den Bauausschuss und die Presse und verkünden: 2.000 Wohneinheiten, 5.000 Bewohner, so machen wir das. Wie unterschiedlich auch immer die Meinungen zu der weiteren Bebauungsplanung auf der alten Conti in Limmer sind, eins ist für mich klar: Das Mindeste ist eine echte Beteiligung der jetzigen Bewohnerinnen und Bewohner!"

Sanierung Linden - wie alles anfing

Partizipation oder bürgerschaftliche Beteiligung haben in Hannover eine lange Tradition. Schon bei der 1972 begonnenen Stadterneuerung in Linden-Süd wurde auf die Mitwirkung der Betroffenen großer Wert gelegt. Die Stadt Hannover als Sanierungsträger unterstützte die Unabhängige Bürgerinitiative Linden-Süd (UBI) auf vielfältige Weise. Sie stellte ihr Räume zur Verfügung, bezahlte den Protokollführer und bezahlte ihr mit dem Stadtplaner Klaus-Jürgen Holland auch einen Anwaltsplaner. Einen Experten, der zwar von der Verwaltung angestellt und entlohnt war, aber ausschließlich als Berater der UBI tätig war. Holland selbst bezeichnete die Initiative gern als „Konfliktregulierungsinstrument".

Zu regulieren waren sowohl die unterschiedlichen Vorstellungen über die Sanierungsziele als auch innerparteiliche Konflikte: SPD-dominierte Verwaltung und Stadtrat konnten sich über den Beteiligungsprozess mit der eigenen sozialdemokratischen Basis in Linden auseinandersetzen, Spannungen im Stadtteil ließen sich über die Bürgerbeteiligung bestens ausloten und entschärfen. Begünstigend kam hinzu, dass durch die kriselnde Konjunktur – 1973 war die sogenannte Ölkrise – Flächensanierungen und Großprojekte wie der Viktoriablock (ehemalige Fannystraße) oder das Ihmezentrum für Investoren nicht mehr interessant waren. Damit ergab sich die Option, von Flächensanierung auf erhaltende Erneuerung umzuschalten und dies als Erfolge einer modellhaften Bürgerbeteiligung darzustellen.

Auch für die Sanierung in Linden-Nord wurde das hannoversche Modell Bürgerbeteiligung übernommen. Anwaltsplaner Holland leistete die Beratung des Stadtteilforums, einem Zusammenschluss mehrerer Initiativen. Auch hier war die Verwaltung mit ihren Stadtplanern, Sozial- und Gemeinwesenarbeitern stets präsent und im ständigen Dialog mit den Bürgern. Zur weiteren Diskussion und Vermittlung in den politischen Raum wurden Sanierungskommissionen eingerichtet, die paritätisch und nach Parteiproporz aus Ratsherren und Bürgervertretern bestanden. Deren Beschlüsse hatten für den Rat und seine Gremien empfehlenden Charakter. Diese Konstruktion mit Anwaltsplanung, Stadtteilforum und Sanierungskommission wurde auch bei der Erneuerung der Nordstadt praktiziert und findet letztlich auch bei der im Oktober 2002 eingeleiteten Sanierung Limmer-Nord ihre Anwendung.

Bisherige Sanierung in Limmer

Das Sanierungsgebiet Limmer-Nord umfasste von Anbeginn auch die etwa 23 Hektar große Industriebrache der Continental-Fabriken. Nach der Aufgabe der Nutzung Ende der 90er Jahre und dem Kauf des Geländes 2002 durch die Papenburg-Gruppe wurde bald schon über eine Neubebauung diskutiert. Ein erstes städtebauliches Konzept sah den Bau von etwa 600 Wohnungen als Reihen- und Einfamilienhäuser vor. Der Vorentwurf des entsprechenden Bebauungsplan Nr. 1535 „Conti Limmer" ging 2003 in die frühzeitige Bürgerbeteiligung – und liegt seitdem auf Eis. Nur der Flächennutzungsplan wurde – entsprechend dieser Zielvorgaben – geändert. Die Gewerbebrache ist darin als Wohnbaufläche mit Grünzonen dargestellt.

Damit war aber erst mal Schluss mit der städtebaulichen Planung, weil über Jahre die Sanierung des mit Altlasten aus der Gummiproduktion verseuchten Bodens anstand. Nur die Fördertöpfe wurden umgeschichtet: Das ehemalige Industrieareal war von 2002 bis 2009 Bestandteil des Sanierungsgebietes Limmer-Nord und wurde aus dem Programm der „klassischen" Stadterneuerung gefördert. Seit 2009 wird das Gebiet „Wasserstadt Limmer" ausschließlich aus dem Bundesprogramm „Stadtumbau West" finanziert.

Auch für Limmer gab es mit dem Bauhistoriker Sid Auffahrt bis 2012 einen Anwaltsplaner, der viele Jahre lang mit dem Arbeitskreis Stadtteilentwicklung Limmer (AK) zusammenarbeitete. Der AK, ein Zusammenschluss engagierter Bürger,  ist aus einem Kurs der Volkshochschule Hannover hervorgegangen. Er trifft sich regelmäßig im Gemeindehaus der Nikolaikirche, ebenso wie die erst im letzten Jahr gegründete Bürgerinitiative Wasserstadt. Eine dritte für das Gelände engagierte Gruppe von Bauherrengemeinschaften  um den Volkswirt Walter Zuber nennt sich JAWA (Jung und Alt am Wasser). Alle drei Initiativen fordern von der Stadt als fachliche Beratung eine Anwaltsplanung, als Personen haben sie Sid Auffahrt im Tandem mit dem ortsansässigen Architekten Mark Hömke vorgeschlagen. Doch auf diesen Vorschlag scheint die Bauverwaltung nicht eingehen zu wollen. Selbsteinschätzung des Denkmalexperten Auffarth: „Ich bin ein rotes Tuch für Bodemann".

Divergierende Interessen von Stadt und Investoren?

Weiches Wasser, malerische Natur und entspannte Lebensart" ist einer der Slogans auf der Homepage der Investoren. Grundstückseigentümer Günter Papenburg und die Geschäftsführer der Wasserstadt Limmer Projektentwicklung GmbH Prof. Bernd Hermann und Martin Pietsch wollen die Gewerbebrache vermarkten. In fünf Bauabschnitten sollen hier bis zu 5.000 Bewohner angesiedelt werden.

Das ist zumindest das erklärte Ziel. Dabei fragen sich viele, woher diese Vorgabe eigentlich kommt. Passt diese Trabantenstadt mit ihrem verdichteten Städtebau – eine Kreuzung aus Kronsberg und den „New Yorker Verhältnissen" (Auffarth) des aktuellen Pelikanviertels – überhaupt nach Limmer und an seine Kanäle? Sollte es in einer „Wasserstadt" nicht doch etwas beschaulicher und kleinteiliger zugehen? Lassen sich über 2.000 Wohnungen in dieser Form überhaupt langfristig vermarkten? Insider sehen hier durchaus einen Interessenkonflikt zwischen Investoren und Baudezernat: Während für erstere das Verwertungsinteresse im Vordergrund stehe, steigere die Verwaltung die Baudichte im Hinblick auf die auch im demografischen Wandel zu haltenden Bevölkerungszahlen. 

Martin Pietsch, der im Auftrag des Investors Günter Papenburg den neuen Stadtteil plant, will ihn so bauen, "dass die Menschen auch wirklich hierher wollen." Deshalb seien gute Ideen aus der Bevölkerung immer willkommen, sagte er in einem NDR-Interview. Das wollen die BürgerInnen und die Initiativen im Stadtteil auch. Es wird also spannend in Limmer. Oberbürgermeister Stefan Schostok wird auf der kommenden Bürgerversammlung – voraussichtlich am 19. November in der Aula der Albert-Schweizer-Schule - mit Spannung erwartet. Gibt es eine von vielen befürchtete „Showveranstaltung" der Verwaltung oder den Startschuss zum geforderten „ergebnisoffenen" Bürgerdialog?

 

BI Wasserstadt Limmer
Projektentwicklung GmbH

 

Text: Wolfgang Becker, Fotos: Wolfgang Becker/Archiv
Letzte Aktualisierung: 26.10.2014

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Information und Kommunikation sind die Grundlagen, Bürger an städtebaulicher Planung zu beteiligen. Ebenso die Bereitschaft von Politik und Verwaltung, Macht abzugeben und einen offenen Dialog zu führen. Ob das auch für die Wasserstadt Limmer gilt, bleibt abzuwarten. Die Debatte über die zukünftige Großsiedlung soll jetzt mit einer Bürgerversammlung und einem halbjährigen „Partizipationsprozess" in die heiße Phase kommen.

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Modellentwurf der verwaltung zur Wasserstadt. Am rechten Bildrand „docken" die Bauklötzchenhäuser an das alte Dorf Limmer an.