Bericht 46-14

 

 

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So, 14.09.2014, Ihme-Zentrum
Fast 40 von 900 Jahren Linden

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Einst ein Brückenkopf der Moderne

Große Presseberichte um eine Zwangsversteigerung ohne wirkliche Ergebnisse. Aus den Negativschlagzeilen kommt das Ihme-Zentrum derzeit nicht heraus, Lösungen für den Riesenbau und seine rund 2.400 Bewohner sind bisher nicht in Sicht. Dabei hatte vor 40 Jahren alles so hoffnungsvoll angefangen, für viele zumindest.

Ein kleiner – geschichtlicher – Abriss

Am Ufer der Ihme vom Schwarzen Bären bis zum Küchengarten erstreckt sich – auf dem Gelände der ehemaligen Mechanischen Weberei - der gewaltige Baukörper des Ihme-Zentrums. Von 1972 bis 1975 - also  in nur drei Jahren - wurde es gebaut. Mit einem der größten gegossenen Betonfundamente Europas. Es entstanden 60.000 m² Verkaufsfläche, 860 Wohnungen für 2400 Einwohner  und 8.000 m² Wohnraum für 450 Studenten. Von manchem als Sinnbild einer zerstörerischen Stadtsanierung gesehen, bestimmt der Komplex ebenso wie das benachbarte – schon 1963 errichtete - Heizkraftwerk seit fast 40 Jahren das Bild des Stadtteils, der demnächst seinen 900. Geburtstag feiern will. Und wartet auf Abriss oder Vitalisierung.

Das Großprojekt galt seinen Befürwortern schon bei der Planung als städtebauliche Dominante und Brückenkopf der City in den zu sanierenden Stadtteil Linden. Eine florierende Ladenpassage zwischen zwei Kaufhausmagneten, attraktive Wohnungen und Büroräume auf bis zu 22 Geschossen, eine großzügige Tiefgarage. Vorgesehen und nicht realisiert waren auch eine U-Bahn-Station und ein Yachthafen. Der damalige Stadtbaurat Hanns Adrian war einer der ersten, der ein Penthouse mit Blick zur hannoverschen Innenstadt und bis zum Deister bezog. Legendär sind die Erinnerung an die Rolltreppe zum Supermarkt Huma und die Anbindung am Küchengarten mit Kaufhof und später Saturn Hansa sowie einem Studentenwohnheim. Seine Gegner sahen die Betontürme sogleich als abschreckendes Beispiel einer ungewollten Stadterneuerung.

Nach auf kommt ab, kommt auf …

Mit seiner inzwischen abgerissenen Brücke zur Limmerstraße schien das Ihme-Zentrum den Arbeiterstadtteil wie mit einem Fangarm in die Moderne ziehen zu wollen. Schon bald machte das von vielen ungeliebte Ihme-Zentrum Negativschlagzeilen: Durch sich häufende Selbstmorde von den Hochhaustürmen und 1978 durch eine von den Terroristen der RAF angemietete konspirative Wohnung, interner Deckname „Klotz".
Nach rund 30jähriger Nutzung stand bereits in den frühen Jahren des neues Jahrtausends  eine Generalsanierung des Komplexes an. Nicht nur das Alter des Bauwerks, auch die Auswirkungen struktureller Fehlplanungen und wirtschaftlicher Fehlschläge haben die Menschen hinter den Fassaden des Betonkomplexes mürbe gemacht. Durch die Parkgarage und den Bewirtschaftungs- und Anlieferungsbereich auf der Null-Ebene  liegt  die Hauptverkehrsebene deutlich über Straßenniveau und ist nur über Treppen, Rolltreppen und Fahrstühle begehbar. Auch ist die Ladenpassage nicht durchgängig überdacht. Man verspricht sich Abhilfe durch einen aufwendigen Umbau und eine Öffnung im Erdgeschoss zur Blumenauer Straße.

Die Generalsanierung wird unter dem neuen Namen „Linden-Park" durch eine Investorengruppe unter Regie des Tutzinger Projektentwicklers Frank Michael Engel gestartet. Nach Verzögerungen insbesondere durch die schwierige Suche neuer Ankermieter für die großen Geschäftsflächen beginnt im Juni 2006 endlich die Bautätigkeit. Nur einen Monat später wird der Investor von der großen US-amerikanischen Beteiligungsgesellschaft Carlyle übernommen, einer sogenannten Schattenbank.

Die Bauarbeiten an der Ihme werden zunächst entsprechend Konzept Engel mit geringen Änderungen weitergeführt. Dann ziehen dunkle Wolken über der Weltwirtschaft auf: Es kommt zum Finanzbeben an den internationalen Märkten. Aber auch ein böses Omen für die hannoversche Baustelle: Einstellung aller Arbeiten im Jahr 2009, die beteiligten Projektgesellschaften sind insolvent. Der vielgeschossige Komplex verfällt. Eine riesige, aber immer noch intensiv bewohnte Bauruine ist entstanden.

Die Gewerbebereiche, immerhin 83 % der Flächen des Zentrums, stehen leer.

Wie geht es weiter?

Die beiden Großmieter Stadtwerke AG und Landeshauptstadt Hannover halten bisher an ihrem Engagement im Ihme-Zentrum fest und fordern eine zügige Revitalisierung des gesamten Komplexes. Die Stadt investiert Millionen in die Aufwertung des Umfelds, bei den Stadtwerken wird jedoch seit Sommer 2014 laut über Alternativstandorte nachgedacht. Viele der Einzeleigentümer bangen um den Wert ihrer Wohnungen. Ein Großteil dieser Eigentümer, jedoch nicht alle haben zur Rettung der Großimmobilie einer veränderten Teilungserklärung und Gemeinschaftsordnung zugestimmt.

Die Landesbank Berlin als Gläubigerbank sucht unter Hochdruck einen neuen Investor für das Ihme-Zentrum.  Der Wert der Immobilie wird auf rund 50 Millionen € geschätzt. Das nötige Investment aber beträgt ein Vielfaches dieser Summe, Experten veranschlagen mindestens 200 Millionen. Die erste Zwangsversteigerung im August 2013 wird von der Landesbank Berlin gestoppt, ein neuer Investor scheint gefunden. Anfang 2014 – Investor abgesprungen - Ernüchterung bei den Beteiligten. Der Boulevard baut das Thema aus: „Schandfleck (HAZ), Betonklotz (NP), Ihme-Zentrum: Politiker fordert Teilsprengungen ! (Bild)"

Am 5. August dieses Jahres schließlich erneuter Versteigerungstermin im Amtsgericht Hannover: Herr Noack, ein vollkommen unbekannter Geschäftsmann, bietet 17 Millionen für das Gesamtpaket. Zu wenig, das Mindestgebot hätte bei rund 25 Millionen - also der Hälfte des angesetzten Verkehrswertes - liegen müssen. Das Amtsgericht wird voraussichtlich im Februar eine neue Versteigerung anberaumen. „Bei dieser Lage", so der Rechtspfleger Klaus Hasselhorst, „werden alle nochmal neu nachdenken müssen." Der Wirtschaftskrimi um das Ihme-Zentrum geht also weiter, möglicherweise in einer niedrigeren Preisklasse.

Nachgedacht wird auch im politischen Raum. Der Bezirksrat Linden-Limmer bittet auf seiner letzten Sitzung auf Antrag der GRÜNEN die Stadt um Informationen und Konzepte. Die CDU-Ratsfraktion – „es wird Zeit zu handeln" - fordert die Übernahme des Zentrums durch eine städtische Projektgesellschaft unter Beteiligung von Stadtwerken und der Sparkasse Hannover. Bei der SPD hält man sich noch bedeckt: Insider halten ein städtisches Engagement allerdings für denkbar, hinter den Kulissen gibt es entsprechende Überlegungen. Diese dringen aber nicht nach außen, insbesondere um die Preise nicht zu verderben. Bisher lehnt OB Stefan Schostok es laut HAZ ab, öffentliche Millionen in die „Schrott-Immobilie" (Bild) zu investieren: „Wir setzen weiterhin auf ein konstruktives Investorenkonzept".

 

Text: Wolfgang Becker
Letzte Aktualisierung: 06.10.2014

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„Ich wohne gerne hier" sagt Karin Menges,

Karin Menges gefällt das moderne, urbane Leben im Hochhaus, 2014.09.10_IMG_3545_1_1für das das Ihme-Zentrum steht. Erst 2012 kaufte sie zu günstigem Preis für etwas mehr als 800 € pro m² die Eigentumswohnung und fühlt sich dort wohl.

Die Hausgemeinschaft ist nett und hält zusammen. Das Sicherheitsgefühl ist groß, wofür auch ein Wachdienst sorgt.

Insgesamt sieht sie der Zukunft entspannt entgegen.

Karin Menges wohnte vorher jahrzehntelang in einer ländlichen Gegend und betreibt die Lindener Apotheke und die Apotheke Schwarzer Bär.

Am Lindener Leben nimmt sie zunehmend Anteil.

Klaus Öllerer

Neuer Glanz

für's Ihme-Zentrum - Zwischenruf von Tanja-Marie Fries

Mit vollem Tatendrang und innovativen Ideen wurde einst das Ihme-Zentrum erbaut. Es sollte ein gigantisches Konzept werden, in dem Wohn-, Arbeits- und Einkaufzentrum miteinander vereint sind. Voller Enthusiasmus begann der Bau, jedoch fehlten von Anfang an die Akzeptanz sowie für die Ladenzeilen langfristige Ankermieter. Nun verkommt ein originelles und modernes  Gewerbe- und Wohnkonzept, während alle nach mehr Wohnraum und Gewerbeobjekten schreien.

Das Ihme-Zentrum sei „nicht modern genug", ein „Schandfleck" für Linden, hört man aus allen Ecken. Aber anstatt dass sich Bürgerinitiativen zusammentun und Ideen zur Verbesserung der doch so gebrauchten Räumlichkeiten gesammelt werden, hagelt es ständig an Kritik. Kein Wunder, dass Investoren abspringen, wenn die neuen Vorschläge niedergeschmettert werden und kein positives Feedback von der Bevölkerung kommt.
Wir haben ein großartiges Projekt in Linden, das uns aufruft, etwas Neues zu schaffen. Viele Architekten und Städteplaner kopieren das Modell des Ihme-Zentrums und schaffen eine neue Wohn- und Arbeitskultur. Das Ihme-Zentrum gibt uns Bürgern die Möglichkeit, die Fehler aus der Vergangenheit aufzuarbeiten und ein neues „Wir" zu schaffen. Wir können gestalten, wir können zusammenleben und wir können das Ihme-Zentrum in einem neuen Glanz erstrahlen lassen.

Hierfür brauchen wir neue Ideen und Investoren, die bereit sind unser Projekt zu unterstützen. Das Ihme-Zentrum liegt uns zu Füßen, wir müssen ihm die Hand reichen. Oder zusehen, wie es in den nächsten Jahren weiter verkommt und sich nichts zum Positiven verändert.

 

Die Pleite von 2009

Bis 2009 gab es große Hoffnung auf einen Neuanfang. Die Arbeiten zu einem Linden-Park waren zügig vorangegangen. Die Investoren und Betreiber hatten den Kontakt zu den Bewohnern und das umliegende Linden gesucht.

Doch plötzlich war kein Geld mehr da. Die Berliner Landesbank hatte dem Investor Carlyle Group die weiteren Kredite verweigert. Eine Begründung dafür wurde nicht gegeben.

In einer öffentlichen Erklärung äußerte Carlyle ihr Unverständnis darüber und gab der Berliner Landesbank die Schuld am Scheitern des Projektes.

Viele Auftragnehmer erhielten für ihre geleisteten Arbeiten kein Geld und auch die Carlye Group selber gibt den Verlust ihrer Vorfinanzierung bekannt.

Bis heute sind die Gründe für das Scheitern nicht öffentlich. Siehe auch im Internet:

www.hallolinden.de/2009/html/bericht_14-09.html

Klaus Öllerer