Bericht 05-14

 

 

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Hans-Jürgen Riefkogel sucht Zeitzeugen

Gegenüber von real an der Davenstedter Straße steht etwas zurückgesetzt eines der schönsten Fabrikgebäude Hannovers, die ehemalige mechanische Werkstatt der Lindener Eisen- und Stahlwerke. Der Name prangt auch heute noch, fast 50 Jahre nach der Schließung, in goldenen Lettern an der Fassade.

Mein Vater war 1945-50 einer der treibenden Kräfte beim Wiederaufbau des Werkes, er arbeitete die letzten 10 Jahre als Verkaufsleiter der LES. Ich kenne einige der alten Mitarbeiter aus Erzählungen oder ich habe sie noch persönlich kennen gelernt. Mein Interesse besteht darin, die Geschichte der Firma, vor allem die Zeit 1944 - 1951, zu erforschen. Ich suche Menschen, die etwas über die Lindener Eisen und Stahl berichten können. Folgende Namen ehemaliger Kollegen meines Vaters sind mir eingefallen, ich glaube kaum, dass von ihnen noch jemand lebt, aber vielleicht Kinder oder Enkel, die erzählen können...

Frau Zimmermann
Frau Eggers
Frau Bretia (Brezia ?)
Herr Lohmann
Herr Heims
Herr Rittmeier
Herr Hülfen(?)haus
Herr Fonck
Herr Günther
Herr Schulz
Herr Siemers

Auch wenn die LES, gegründet Mitte des 19. Jahrhunderts,  nie zu den "großen" Lindener Firmen gehörte, so verfügte sie doch über beträchtlichen Grundbesitz: Das ganze Gelände zwischen Badenstedter- und Davenstedter Straße von der Berhard-Casper-Straße bis Körting, Teile des Lindener Berges (u.a. die gleichnamige Kolonie und einen Bunker im Berg) sowie Am Soltekamp, wo die Firma Werkswohnungen besaß. Schließlich noch die Direktoren-Villa. Im Zuge der Wirtschaftskrise1929/30 wurden Teile an den Seifenhersteller Orpil verkauft.

Stellte die Firma zunächst Kleingussteile (u.a. Kanaldeckel) her, spezialisierte sie sich mit der Zeit auf Großguss: Zahnkränze und Laufringe für Zementmühlen und Müllverbrennungsanlagen mit einem Durchmesser von 15 m und mehr.

Im 2. Weltkrieg wurden natürlich Granaten gedreht, aber die Zahnradproduktion lief weiter. Eine Firmenerweiterung war geplant, aber wegen des Kriegsverlaufs nie fertiggestellt, das Betongerüst stand unfertig bis in die 70er Jahre.

Ende des Krieges gab es eine Widerstandszelle, die sowohl die Zwangsarbeiter mit Essen versorgte als auch Sabotageakte verübte. Von der Widerstandsgruppe habe ich persönlich noch einen Herrn Rode kennen gelernt. Ein führender Genosse muss ein Edu Fiweger (genaue Schreibweise unbekannt) gewesen sein. Vielleicht weiß jemand was von der Zelle und dem Wiederaufbau 45 - 50/51.

Zu den Sabotageakten 1944 erzählte mein Vater folgendes: Wenn ein Sabotageakt geschah, nahm die Gestapo abends/nachts die "üblichen Verdächtigen" mit. Am nächsten Morgen gingen mein Vater und ein Herr Rittmeier zur Gestapo und wiesen daraufhin, das die LES ein wichtiger Rüstungsbetrieb sei und die Verhafteten fürs Granatendrehen gebraucht würden. So kamen sie wieder frei.

Die KPD hat es Herrn Rittmeier dann auf ihre eigene, unnachahmlich Art gedankt: nach 1945 haben sie ihn denunziert, weil er Parteimitglied (NSDAP) war...

Zerstört wurde die Firma erst beim letzten Angriff im Februar 45, aber schon im Sommer hat sich ein Betriebsrat gegründet, der in Eigeninitiative die Firma aufbaute und die Produktion anfing. Im großen Stile demontiert wurde nicht, Maschinen, die für Jugoslawien vorgesehen waren, standen jahrelang eingepackt herum, abgeschickt wurden sie nie. Als 1950/51 der Besitzer (der Geschäftsführer ?), ein Herr Pagels, entnazifiziert zurückkehrte, wurde die Fabrik umgehend an Phönix Rheinrohr verkauft.
Anfang der 50er Jahre gab es noch eine Beschränkung der Herstellung von Stahlguss und die LES hatte ein hohes „Permit" (erlaubte Tonnage), was sie für das Ruhrgebiet interessant machte. Die gegossenen Blöcke wurde oftmals in Duisburg und Essen weiterverarbeitet.
Phönix Rheinrohr wurde von Thyssen übernommen. Anfang der 60er stieg Thyssen bei Wolff in die Stahlwerke Bochum ein. Die Mitgift war der große Kundenstamm der LES in der Zahnradfertigung. Der Verkauf wurde nach Bochum übernommen, die Fabrik mit noch über 500 Beschäftigten 1967/68 geschlossen, angeblich wegen der damaligen Krise, was aber nicht stimmt. Der neue technische Direktor wurde Anfang der 60er von Thyssen nach Hannover geschickt, die LES abzuwickeln...

Das Firmengelände in Linden wurde dann von Thyssen-Schulte übernommen und umgebaut - aktuell steht es wohl zum Verkauf.

Kontakt: Riefkogel@gmx.de

 

 

Text/Fotos: Hans-Jürgen Riefkogel

Letzte Aktualisierung: 12.02.2014

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Dieses Riesenzahnrad hatte ein Gewicht von 14 Tonnen und war für eine Zuckermühle in Argentinien bestimmt. Quelle: Werkszeitung Phönix Rheinrohr von 1959/60

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Arbeitsbedingungen früher: Arbeiter beim Zusammensetzen einer Gussform.

Quelle: Werkszeitung Phönix Rheinrohr von 1959/60

So,19.01.2014, Zeitzeugen gesucht
Lindener Eisen und Stahlwerke (LES)

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2014.01.11_Betriebsleitung_2_1

Firmenchef Pack, Chefsekretärin Egers ("Egersmäuschen"), Vater Riefkogel und Betriebsleiter Schmidt.

Quelle: Werkszeitung Phönix Rheinrohr von 1959/60

2014.01.05_IMG_1471_1_1_1

Heute: Die große Werkhalle gegenüber real an der Davenstedter Str.