Bericht 74-13

 

 

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29.11.2013, im Widerstreit
Zum Nachdenken: Frei.Wild im Capitol

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 Dichtgedrängt standen die Konzertbesucher, die aus weiter Umgebung kamen, bei frei.Wild und sangen alle Lieder textsicher mit.

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Weiblicher Fan mit Liedtext. Die allermeisten Konzertbesucher trugen T-Shirts der Band.

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Protesttransparent gegen Heimatliebe an einem Baugerüst am Schwarzen Bär. Ob das bei vielen Lindenern auf Zustimmung stößt ist zweifelhaft. Denn Heimatliebe hat im Stadtbezirk Kultcharackter.

Zum Nachdenken: Freiwild im Capitol

von Klaus Öllerer

 

Vorbemerkung

Zur Einstimmung oder im Nachgang zu diesem Artikel sind dem Leser folgende Links zu empfehlen:

Spiegel TV und Die Zeit zu Frei.Wild. In beiden Beiträgen dieser einflussreichen Medien wird Frei.Wild eher positiv dargestellt.

Inzwischen ist auch der Autor dieses Berichtes durch eigene Recherchen der Meinung, dass Frei.Wild überwiegend zu Unrecht verurteilt wird.

Besonders die Textstellen in den Liedern in denen von Nation, Volk und Brauchtum oder von Feinden die Rede ist sollten neu bewertet werden. Denn nur im Kontext der Geschichte Südtirols können diese wohl richtig verstanden werden. Die Südtiroler waren ein Opfervolk und leben daher auch heute ihre alten Begriffe weiter. Parallelen zum Schicksal von Kurden und Tibetern fallen auf.

Gleichwohl bleibt eine Gefahr des Missbrauches durch rechtsradikale Kräfte bestehen. Gerade die zu vor genannten Begriffe können besonders in Deutschland diese Kräfte anziehen. Dagegen Versuchen Band und Veranstalter vorzugehen und das anscheinend auch mit Erfolg. Siehe auch:  "Schlauer als der Rest", ein Lied gegen Faschismus und Linksextremismus

Doch nicht nur Frei.Wild, sondern auch Andere haben das Problem einer rechtsradikalen Unterwanderung. So ist wenig bekannt, dass bspw. in der Ökobewegung ein derartiges Problem besteht. Ihre Gedankenwelt erscheint - ähnlich wie bei Frei.Wild - besonders anfällig für rechtsradikale Aktivitäten zu sein.

Hier nun der Versuch einer realistischen und differenzierten Berichterstattung und anschließend der Versuch einer Ursachenforschung.

Andere Sichtweisen sind willkommen.

 

Vor Veranstaltungsbeginn

Noch wartete das immer dichtgedrängter stehende Publikum auf das Erscheinen ihrer Band. Die Stimmung war gelassen und freundlich. Einige vorne an der Tribüne Stehende fingen an zu singen. Auf Nachfragen erfuhr der Autor um was für ein Lied es sich handelt: Mexico von den Böhsen Onkelz.

Aha, sind sie jetzt erwischt? Böhse Onkelz. Ist das nicht die neonazinahe Band, die sich inzwischen längst aufgelöst hatte? Ein Blick in Wikipedia zeigt die Entwicklung dieser teilweise umstrittenen Gruppe mit ihren Distanzierungen vom Rechtsextremismus.

Das gesungene Lied Mexico entstand angesichts der Fussballweltmeisterschaft 1986, ist harmlos und enthält offensichtlich auch keine versteckten Botschaften wie unten gelesen werden kann. - Also doch nicht erwischt.

Inzwischen ist hinter dem Berichterstatter eine Frau umgekippt, die durch Umstehende versorgt und aus dem Raum geführt wird.

Irgendetwas direkt oder indirekt Rechtsextremes ist auch angestrengt nicht zu entdecken.

Protest draußen

Während drinnen die Fans warteten, protestierten draußen am Schwarzen Bär ungefähr 300 Teilnehmer aus ganz Hannover gegen das Frei.Wild Konzert. Die Vorstellung von einer “Nation”, als zusammenschließendes Element wurde dabei generell abglehnt. Denn das würde alle diejenigen ausgrenzen, die nicht zur Nation gehören. Das wurde in Transparenten, Plakaten und Ansprachen zum Ausdruck gebracht. In diesem Sinne dürften diese Vorstellungen von der Nation jedoch nicht mit der deutschen Verfassung vereinbar sein. Die Macht geht dort vom Volk aus und ist mit der Staatsangehörigkeit verbunden. Alle Nichtstaatsangehörigen werden also - ganz bewußt - “ausgegrenzt”.

Auch Heimatliebe wurde auf einem Transparent an einem Hausdach abgelehnt: “Still not liking Heimat” (siehe Bild rechts).

“Griechischer Wein” - der Auftritt

Nach langen vierzig Minuten über der Zeit kündigt sich der Auftritt an.

“Griechischer Wein” von Udo Jürgens wird gespielt und alle singen laut mit. Erst dann tritt die Band auf. Die Menge jubelt. Das “Gesicht” der Band, Sänger Philipp Burger, macht eine Vorbemerkung.

Ich kann nicht verstehen wie man bei dem Regenwetter draußen bleibt anstatt reinzukommen. Da draußen ist unsere ehrenamtliche Promoagentur” Damit sind die Protestierer gemeint und deren Wirkung Frei.Wild ungewollt populärer zu machen.

Anschließend wird gespielt und der Saal tobt. Der Beobachter versucht genau hinzuhören und in Gesten und Gesichtern zu lesen. Nichts Rechtsextremes ist zu entdecken. Keine verbissenen Gesichter oder Aggressivität ist festzustellen, eher ist es wie unter positiv begeisterten Fussballfans im Stadion. Nach einer halben Stunde hat der Berichterstatter genug gesehen und verläßt die Veranstaltung. Draußen ist der Protest vorbei. Es ist nach 21:00 und länger war auch nicht geplant.

 

Wenn Täterenkel auf Opferenkel treffen

Versuch einer vielleicht überraschenden Ursachenforschung

Trauma der Täter: Nazideutschland und die Enkelgenerationen

Kritiker werfen Frei.Wild völkische und nationalistische Liedtexte vor und sie würden damit in der Nähe und der Tradition schlimmster deutscher Geschichte stehen.

Diese Kritiker gehören alle zu den Enkelgenerationen des deutschen Tätervolkes. Alle - den Autor eingeschlossen - sind noch immer entsetzt und verstört zugleich über das was unsere Eltern, Opas und Omas in der Nazizeit gemacht oder zumindest geduldet haben. Den meisten Aktiven in diesem “Kampf gegen Rechts” sind Begriffe wie Nation, Vaterland, Tradition, Volk, Brauchtum, etc. derart verdächtig, dass sie alles abschaffen wollen, was daran erinnert und die Gefahr der Wiederholung in sich bergen könnte. Das geht so weit, dass hier jede demokratische Toleranz abgelehnt wird. Demzufolge taucht auch der Begriff “Demokratie”, o.ä. so gut wie gar nicht in den zahlreichen Resolutionen und Erklärungen gegen das Frei.Wild.Konzert auf - auch nicht in der vom Bezirksrat Linden-Limmer.

Trauma der Opfer: Südtirol und die Enkelgenerationen

Frei.Wild gehören als Südtiroler zu den Enkelgenerationen der Opfer von Faschismus und Nazionalsozialismus. Was unverständlicherweise nur ganz wenige wissen: von 1922 bis nach dem 2. Weltkrieg - also über 23 Jahre - wurden die Südtiroler ihrer Identität beraubt.

Ab 1922, nach der Machtübernahme der italienischen Faschisten, setzten diese Folgendes durch:

* faktisches Verbot der eigenen deutschen Sprache in Schulen, Behörden, Kitas, Zeitungen, Verbot privaten Deutschunterrichtes, Änderung der Ortsnamen, Verbot südtiroler Architektur, Entlassungen deutschsprechender Südtiroler

* gesteuerte Zuwanderung zum Verdrängen der angestammten Südtiroler und viel mehr

* Assimilisierungsdruck auf allen Ebenen durch eine dominierende mehr oder weniger fremde Macht

* Hitlerdeutschland stimmte dem dirket/indirekt zu und nahm südtiroler “Auswanderer” auf.

Dieses kann alles bei Wikipedia nachgelesen werden.

Es liegt nahe: Für Südtiroler sind Faschismus und Nationalsozialismus eher so etwas wie natürliche Feinde. Deswegen wundern die Distanzierungen von Frei.Wild den Autor auch nicht und erscheinen glaubwürdig.

Demzufolge haben Begriffe wie Nation, Vaterland, Tradition, Volk, Brauchtum, etc. in südtiroler Ohren auch einen ganz anderen Klang. - einen integrierenden. Wir sind ein Volk mit dieser Sprache und jenen Traditionen (Brauchtum). Und keiner kann uns das noch einmal wieder wegnehmen. Wir gehören zusammen. Und das schließt niemanden als Nachbar oder Staatsbürger aus, der andere kulturelle Traditionen pflegt, inkl. einer anderen Religion.

Das erscheint vergleichbar mit dem Schicksal anderer Völker und Volksgruppen wie Kurden oder Tibeter. Für die Kritiker von Frei.Wild war es bisher offensichtlich nie ein Problem diese und andere Volksgruppen bei ihrem Kampf um die eigene Identität zu unterstützen oder doch zumindest zu tolerieren.

Doch bei Angehörigen der deutschen Sprache hört anscheinend die Toleranz auf.

Eine naheliegende Frage: Wie sähe es in Linden heute eigentlich aus, wenn uns über 20 Jahre lang jegliche eigene Identität durch eine mehr oder weniger fremde Macht brutal genommen worden wäre? Wäre es dann hier viel anders als Frei.Wild es für Südtirol besingt?

Fazit

Das Trauma einer beschädigten Identität ist auf beiden Seiten auch noch nach Generationen lebendig. Dem Missbrauch in jeder Richtung erscheint nach wie vor Tür und Tor geöffnet.

Warum eigentlich reden nicht alle miteinander? Das wäre zumindest demokratisch und könnte endlich einen sinnvollen Erkenntnisprozess in Gang setzen und eines Tages zu einem Ergebnis führen, das dem Patriotismus “normaler” Länder wie bspw. in Skandinavien oder den angelsächsischen Ländern ähnelt.

Siehe auch: Spezial Frei.Wild: Termine und Stellungnahmen zum Konzert im Capitol am 29.11.2013

 

Siehe auch: Anschlag auf Fan-Auto und Forumsbeitrag von Fan Andi

 

Text/Fotos: Klaus Öllerer

www.buergerlicheMITTE.eu
Bitte klicken, wer mehr über einige Sichtweisen des Autors erfahren möchte.

Letzte Aktualisierung: 02.12.2013

 

Quellen

1. Mexico Songtext von Böhse Onkelz

Mit 'nem Sombrero auf und Doc Martens an
So geht die Reise los
Nach Mexico, auch ohne Geld
Wenn's sein muss mit 'nem Floß
Und wenn wir drüben sind, drüben sind
Dann wird's erst richtig schön
Wir werden unsere Mannschaft wieder siegen seh'n
Señoritas im Arm
Tequila lauwarm
Vom Durchfall geplagt
Und von Fliegen gejagt
Im Land der Kakteen
Werden wir, Du wirst seh'n
Wieder Weltmeister, Weltmeister sein
Siegesgewiss fah'n wir nach Mexiko
Um uns're Elf zu seh'n
Im Siegesrausch, voller Alkohol
Lassen wir die Fahnen weh'n
Durst und Schweiß
Heißt der Preis
Um Triumphe zu erleben
Kann es etwas Schöneres geben
Als Weltmeister zu sein

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Teilweise ausgelassene Partystimmung.

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Was will uns das sagen?

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Ziemlich eindeutiger Protest und leicht als Krawallansage zu verstehen.

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300 Protest-Teilnehmer am Schwarzen Bär aus ganz Hannover hielten trotz schlechtem Wetter durch.

Die Bösen?

Die Guten?

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“Freiheit” - das vermutlich wichtigste Motto von Frei.Wild und ihren Fans.

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Einlasskontrolle: Personen mit rechtsextremer Symbolik werden nicht zugelassen.

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Protestplakat: “Coole Kids haben kein Vaterland

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Polizeisperre. Nach Versuchen von Protestierern in die unmittelbare Nähe des Veranstaltungsortes Capitol zu kommen, sperrte die Polizei die Kundgebung ab.

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Heute friedlich neben- und miteinander: Zweisprachiges Busschild (2007) in Südtirol Quelle: Wikipedia

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Protestkundgebung von der WebCam aus gesehen, um 19:18