Bericht 40-13

 

 

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Die, 04.06.2013, HAZ-Forum
Faktencheck: statistische Daten beim HAZ-Forum zu Luxussanierungen

Leserbriefe/Kommentare weiter unten

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V.l.n.r: Prof. Heiko Geiling, Stadtteilgruppensprecher der Grünen Daniel Gardemin, Moderator Conrad von Meding, Bezirksratsmitglied und Sprecher der Kampagne Ahoi Steffen Mallast, Rainer Beckmann, Haus- und Grundeigentum.

Von Klaus Öllerer

Am 04. Juni fand das HAZ-Forum zum Thema Luxussanierung statt. Es ging hauptsächlich um Linden.

Der grüne Bezirksratsherr Steffen Mallast stellte dabei - im Gegensatz zu anderen Teilnehmern - zu Linden-Nord mittels Statistik einige schwerwiegende Behauptungen auf. Dieses wurde im Artikel der HAZ positiv gewürdigt. Ein Faktencheck ergab jedoch, dass diese Behauptungen vorwiegend falsch waren.

Die HAZ berichtet wie folgt.

Steffen Mallast, Grünen-Bezirksratsherr in Linden-Limmer und gelegentlicher Hausbesetzer, greift die Stimmung auf, bleibt aber sachlich, geradezu akademisch. Er zieht statistische Daten heran, um seine These von der Verdrängung traditioneller Einwohner in seiner Heimat Linden zu untermauern.

„Der Migrantenanteil in Linden-Nord ist in den vergangenen Jahren um sieben Prozent gesunken, überall in Hannover ist er gestiegen", sagt er.

Es ist das einzige Argument mit relevanten statistischen Daten an diesem Abend und gleichzeitig das einzige, um seine These von einer Gentrifizierung zu belegen.

Faktencheck: Die Behauptungen (fett) sind nachweislich falsch.

1. Es ist nicht der Migrantenanteil von dem die Zahl "sieben Prozent" stammt. Sondern es ist die absolute Zahl der Migranten, die um 7 % (genauer: 7,5 %) gesunken ist. Gleichzeitig ist die Zahl der gesamten Einwohner ebenfalls gesunken. (siehe: Woher kommen Mallasts 7%?)

2. Der Migrantenanteil in Linden-Nord ist um geringfügige 1,6 Prozentpunkte gesunken und nicht um die hohen "sieben Prozent" (1), wie er behauptet. In den letzten zwei Jahren hat sich dieser kleine Trend noch einmal stark abgeschwächt.

3. Gesunken ist der Migrantenanteil auch in anderen Stadtteilen Hannovers wie Herrenhausen und Wülfel. Einen Einfluss von Miethöhe oder Mietsteigerungen auf Zu- oder Abwanderung von Menschen mit Migrationshintergrund ist nicht festzustellen, wie Steffen Mallast im Gegensatz dazu unterstellt. So gibt es beispielsweise in der Südstadt bei höheren und stärker gestiegenen Mietpreisen eine Zunahme von Einwohnern mit Migrationshintergrund.

4. „Das liegt auch nicht an statistischen Effekten wie Einbürgerung oder Ähnliches."

Auch diese Behauptung von Mallast ist falsch. Statistische Effekte wie Einbürgerungen können einen Einfluss auf die Zahlen haben.

So gilt als Einwohner mit Migrationshintergund nur, wer einen ausländischen Pass hat, evtl. zusätzlich zum deutschen. Wer also seinen ausländischen Pass abgibt und nur noch einen deutschen hat, fällt aus der Statistik mit Migrationshintergrund heraus.

Auch so könnte der „Migrantenschwund" teilweise oder ganz in Linden-Nord erklärt werden. Um das zu überprüfen sind derzeit jedoch keine diesbezüglichen Zahlen bekannt. Vermutlich wird ein komplexes Zusammenspiel verschiedenster Einflüsse ursächlich sein. Einfache Schuldzuweisungen wie sie von Steffen Mallast in offensichtlich politischer Absicht vorgenommen werden dürften die tatsächlichen Verhältnisse nur wenig widerspiegeln.

Mietpreissteigerungen und Inflation

In Linden-Nord sind die Angebotsmieten (Neuvermietungen) in den vier Jahren von 2007-2011 um 5,8% gestiegen (Quelle: Empirica). Die Inflation betrug nach einem ähnlichen Berechnungsverfahren im gleichen Zeitraum 3,4%. Eine aktuellere Auswertung ist noch nicht verfügbar.

Linden-Limmer im Wandel

Die Mieten steigen weiter, der Andrang bei Vermietungen ist groß, der Leerstand wird immer geringer und noch ist erst einmal kein Ende in Sicht. Häufig sind es die politisch gewollten Fassadendämmungen, die stark auf die Mietpreise schlagen. Das ist jedoch vor allem von der Partei, für die Steffen Mallast auftritt - die Grünen – gewollt. Und die Schuld daran wird jetzt unredlicherweise den Vermietern gegeben.

Auch Veränderungen durch Lärm und Dreck wie in Linden-Nord belasten die Bewohner. Manche Wohnungssuchende weichen in benachbarte Stadtteile aus.

Mit dem Kampf von Aktivisten gegen eine Gentrifizierung wurde das Miteinander im Stadtbezirk seit 2011 verändert. Eigentum wurde zerstört und beschädigt (Scheiben, Fassaden) oder von Aktivisten beansprucht (Besetzungen) und Bürger fühlen sich eingeschüchtert.

Der ehemalige Ratsherr und sanierungserfahrene Ernst Barkhoff unterscheidet bei diesem Thema zwischen dem sachlichen Teil zum Wohnungsmarkt und der Ideologie der Aktivisten, die er für sehr schädlich für den Stadtbezirk hält. Er sieht keine Sonderentwicklung in Linden und also auch keine Vertreibung von Schwächeren. In Linden gäbe es eine große Solidarität zwischen allen Schichten. Diese Solidarität würde mit Einwerfen von Scheiben und Farbanschlägen in Frage gestellt. Die ideologische, absolut zerstörerische Debatte richte einen immensen Schaden an, da sie spaltet und müsste daher unbedingt beendet werden, so Barkhoff. (1)

Derzeit kann der extrem geführte „Kampf gegen Gentrifizierung" wirken wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Vermieter wissen nun, dass sie starke Mieterhöhungen verlangen können und Mieter gewinnen den Eindruck, das sie diese Erhöhungen auch zahlen müssen.

Steffen Mallast hat es abgelehnt entsprechende Fragen zu beantworten oder eine Stellungnahme abzugeben.

Klaus Öllerer

 

Andere Sichtweisen sind willkommen.
 

HAZ v. 05.06.2013: Wieviel Schickimicki darf noch sein?

Siehe auch: Spezial Gentrifizierung

 

Woher kommen Mallasts 7%?

Eigentlich sind es genau 7,5%. Um diesen Wert ist die absolute Anzahl der Einwohner mit Migrationshintergrund in Linden-Nord von 2007-2011 gesunken. Gleichzeitig ist die Zahl der gesamten Einwohner ebenfalls gesunken. Es ergibt sich nur ein Unterschied von -1,6 Prozentpunkten im Migrantenanteil an der Gesamtzahl der Einwohner von 2007 zu 2011.

2007: 29,1 Prozent Einwohner mit Migrationshintergrund
2011: 27,5 Prozent Einwohner mit Migrationshintergrund
Differenz: -1,6 Prozentpunkte von 2007 zu 2011

Quelle: Kleinräumige Wohnungsmarktbeobachtung in der Landeshauptstadt Hannover 2011

 

1. Für Mathematiker:

Eigentlich muß es hier heißen: 7 Prozentpunkte, da Mallast von Migrantenanteil spricht und die Gesamtheit in den Bezugsjahren 2007 und 2011 (gering) unterschiedlich ist.

 

 

Text/Fotos: Klaus Öllerer

Letzte Aktualisierung: 17.05.2015

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"Eine leichte Zunahme von Beratungen in Linden", so Ludwig Prilop, Rechtsanwalt und Vorsitzender des Mieterladens in Linden.

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Über hundert Besucher ließen sich vom Ablauf der Veranstaltung fesseln.

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Das Publikum beteiligte sich rege an der Diskussion.

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Eike Geffers, Fraktionsvorsitzender der SPD im Bezirksrat, beteiligte sich ebenfalls an der Diskussion.

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Hannoversche Allgemeine Zeitung v. 19.06.2013.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung.

Leserbriefe, Kommentare >> zum Bericht ↑

Leserbrief zur Linden-Limmer Zeitung, Juniausgabe, Faktencheck: statistische Daten beim HAZ-Forum zu Luxussanierungen

von Daniel Gardemin

Hallolinden verheddert sich im Gestrüpp der Statistik

Es ist zum Haare ausreißen. Klaus Oellerer von Hallolinden macht einen Faktencheck, der schon vom Ansatz her nichts taugt. Den Unterschied von Prozenten und Prozentpunkten lernt man spätestens in der Wahlnacht. In der kleinräumigen Wohnungsmarktanalyse der Stadt Hannover steht schwarz auf weiss, dass der Anteil der Migranten in Linden-Nord von 2007 bis 2011 von 29,1 Prozent auf 27,5 Prozent gesunken ist. Das sind nicht - wie hallolinden meint - 1,6 Prozent, sondern 1,6 Prozentpunkte! Gemessen an der Gesamtbevölkerung von Linden-Nord ist das ein Rückgang des Migrantenanteils von 5,5 Prozent. In Zahlen ausgedrückt: 358 Menschen mit Migrationshintergrund haben den Stadtteil verlassen. Das sind gemessen an der Ausgangszahl 7,5 Prozent in vier Jahren. Alles nachzulesen im städtischen Bericht. Exakt diese Aussage kam von Steffen Mallast im HAZ-Forum. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Migranten in Hannover um 5,7 Prozent. Das hat nichts damit zu tun, dass in Linden-Nord überdurchschnittlich viele Einbürgerungen stattfinden. Die Einbürgerungen sind über die letzten Jahre kontinuierlich zurückgegangen.

Der anhaltende Bevölkerungsrückgang im Stadtteil ist ein Nettoverlust von Migranten und wird durch die Zunahme an Wohnfläche kompensiert. Im Vergleichszeitraum 2007 bis 2011 stieg die Wohnfläche je Einwohner im Stadtteil von 39,3 auf 40,2 Quadratmeter.

Unter dem Strich bleibt die Erkenntnis: Linden-Nord verliert gegenüber dem Stadtdurchschnitt überproportional Menschen mit Migrationshintergrund.

Wir sollten froh darüber sein, dass Steffen Mallast auf diesen Sachverhalt hingewiesen hat. Aus Tendenzen leiten Stadtentwickler Handlungsprämissen ab. Es wäre schön, wenn sich hallolinden nicht nur abwehrend sondern konstruktiver in die Diskussion um die Veränderungen unserer Stadtteile einklinken würde.

Daniel Gardemin

Stadtteilgruppensprecher der Grünen Linden-Limmer

25.06.2013

 

 

Antwort

 

vom Autor Klaus Öllerer

Zum Faktencheck

Daniel Gardemin bestätigt meinen Faktencheck, dass der Migrantenanteil in Linden-Nord um geringe 1,6 Prozentpunkte von 2007 bis 2011 gesunken ist und nicht um hohe 7% wie Steffen Mallast behauptet hatte.

Steffen Mallast sprach zwar von der Veränderung des  Migrantenanteils, nannte dann jedoch einen ganz anderen Wert, nämlich die Veränderung der Migrantenanzahl (7 %), was D.G jetzt auch wie folgt bestätigt:

"358 Menschen mit Migrationshintergrund haben den Stadtteil verlassen. Das sind gemessen an der Ausgangszahl 7,5 Prozent in vier Jahren. ... Exakt diese Aussage kam von Steffen Mallast im HAZ-Forum".

Also nochmal: Der Migrantenanteil in Linden-Nord ist um geringe 1,6 Prozentpunkte gesunken. Nur dieser Wert bezieht sich auf die Gesamtbevölkerung.

Im Übrigen ist es seit vielen Jahren normal, das Linden-Nord einen starken Einwohnerschwund hat, wie man hier nachlesen kann.

 

D.G. führt nun eine neue Prozentzahl ein: 5,5 % - und das ist in diesem Diskurs bisher sogar eine "Neuentdeckung".

D.G. schreibt: "Gemessen an der Gesamtbevölkerung von Linden-Nord ist das ein Rückgang des Migrantenanteils von 5,5 Prozent."

Das ist falsch. Richtig ist, dass diese 5,5 % lediglich den Rückgang des Migrantenanteils bezogen auf diesen selbst - und nicht auf die Gesamtbevölkerung - von 2007 angeben. Dabei wird der Migrantenanteil von 2007 (29,1%) als 100 % angenommen.

Und nur unter dieser Annahme liegt der Wert von 2011 (27,5 %) um 5,5 % niedriger, als der von 2007 (29,1 %).

Gemessen an der Gesamtbevölkerung (als 100 % gesetzt) hat sich dagegen der Migrantenanteil nur um 1,6 Prozentpunkte verändert, wie bereits ausgeführt und von D.G. bestätigt.

Mehr im Anhang.

 

Einen vielleicht möglichen Zusammenhang von Gentrifizierung und Migrantenschwund wie Steffen Mallast ihn sieht habe ich versucht zu überprüfen (siehe unter 3 oben). Dabei bin ich zu einem negativen Ergebnis gekommen. Darauf geht D.G. in seinem Leserbrief nicht ein. Dabei wird gerade diesem Thema von ihnen eine große Bedeutung beigemessen.

 

Die Kritik von D.G. an einer Verwechslung von Prozentpunkten und Prozenten ist unzutreffend. Dieser Zusammenhang wird hier schon seit langem richtig dargestellt. Das war ihm auch bekannt. Seine Kritik bezieht sich auf eine(n) Nachlässigkeit/Schreibfehler meinerseits. Die Korrektur war bereits erfolgt, was ihm ebenfalls bekannt war.

 

Falsch ist bei D.G. die diesbezügliche Verwendung des Argumentes "Die Einbürgerungen sind über die letzten Jahre kontinuierlich zurückgegangen".

Die Abgabe eines zusätzlichen ausländischen Passes wirkt sich nicht auf die Zahl der Einbürgerungen aus, da diese Personen bereits eingebürgert sind. Sehr wohl aber wird die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund in der Statistik verringert. Von daher ist mein entsprechendes Argument nicht entkräftet, sondern bleibt als richtig bestehen.

 

Fazit: Die Einwände von Daniel Gardemin gegen diesen Faktencheck sind unzutreffend. Insbesondere bei den "5,5 %" ist ihm ein grundlegender Fehler unterlaufen.

Gleichwohl fand ich die Auseinandersetzung damit anregend.

 

Kommentar

Windungen und Wendungen

Was macht Jemand, der ahnt oder weiß, dass unangenehme Argumente stimmen, aber überhaupt nicht ins machtpolitische Kalkül seiner Politik passen?

Möglichkeit eins:

Man erkennt die richtigen Argumente als richtig an, gibt diese also zu und führt einen ehrlichen Diskurs im Sinne eines gemeinsamen produktiven Erkenntnisprozesses und der Suche nach guten Lösungen.

Möglichkeit zwei:

Man verwirrt mit einer Mischung aus Richtigem und Falschem, formuliert unübersichtlich und garniert das ganze mit emotionalen Aussagen wie "verheddert sich im Gestrüpp der Statistik".

Dr. Daniel Gardemin, Sozialwissenschaftler, hat sich mehr für die Möglichkeit zwei entschieden. Ich hatte ihn vor dieser Veröffentlichung auf die Problematik seines Leserbriefes hingewiesen. Es hat ihn wohl nicht beeindruckt. So bleibt mir nur das Fremdschämen. Aber damit kann ich leben.

Ich freue mich auf den weiteren Diskurs.

Klaus Öllerer

Andere Sichtweisen sind willkommen.

30.06.2013

 

Anhang

Die von D.G. bei "5,5 %" angewendete Methode ist darüberhinaus problematisch. Auf diese Art und Weise können kleine Veränderungen bei kleinen Anteilen als übergroß erscheinen.

So führt diese Methode auch dazu, dass die gleiche Anzahl von Veränderung bei einer großen Gruppe einen wesentlich kleineren Prozentwert ergibt.

Zum weiteren Verständnis:

Angenommen es gäbe nur zwei Migranten im Stadtteil und einer davon zieht weg, so ergibt sich nach dieser Methode ein Migrantenschwund von sage und schreibe 50 %. Oder andersherum: bei einem weiteren Zuzug von einem Migranten ergibt sich entsprechend eine Steigerung von 50 %.

Angewendet auf die Nichtmigranten in Linden-Nord ergäbe sich dagegen entsprechend nur eine klitzekleine Veränderung im Zehntelpromillebereich von 0,01 %.

Beispiel Waldheim: Der Migrantenanteil stieg um geringe 0,5 Prozentpunkte von 2007 bis 2011. Nach der "Prozent von Prozent"-Methode sind es allerdings große 7 %. Ganze 7 (!) Migranten sind jedoch in Wirklichkeit nur hinzugekommen.

Gedenken an Churchill: "Traue keiner Statistik, die ..."

Diese Methode wird aus gutem Grund beispielsweise bei Wahlergebnissen üblicherweise nicht angewendet. Kaum Jemand würde davon sprechen, dass sich das Ergebnis der Grünen bei einer Steigerung von 14 % auf 15 % um 7 % geändert hätte. Man spricht eben lediglich von einer Veränderung um 1 Prozentpunkt.

Die Verwendung dieser beispielhaften 7 % würde allerdings einen Sinn ergeben, um damit Politik zu machen. So könnte man die eigenen Anhänger damit besonders motivieren.

Diese Methode (Prozent von Prozent) ist also für sich genommen nicht falsch, jedoch hoch problematisch in der Anwendung. Man sollte dazu immer die genauen Umstände kennen.