Bericht 33-13

 

 

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So, 19.05.2013, Linden im Wandel
NDR-Film "Mieter in Not" - ein Faktencheck
siehe auch: Spezial: Gentrifizierung

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Nach dem ersten Beitrag wird ein Diskussionsforum eingerichtet.

Am 26. April zeigte der NDR einen Film über Mieter in Linden-Nord, die mit Mieterhöhungen konfrontiert sind. Bei den dort dargestellten Fällen gibt es hier Zug um Zug einen Faktencheck. Der Film selbst ist noch in der Mediathek des NDR zu sehen.

von Klaus Öllerer

 

Zusammenfassung der bisherigen Faktenchecks

In keinem der im NDR-Film gezeigten Fälle lag eine Luxussanierung vor. Die Hauptgründe für Mietpreissteigerungen waren Nachholbedarfe aufgrund lange ausgebliebener Erhöhungen und der allgemeinen Preissteigerungsrate, unbedingt notwendiger Sanierung (Limmerstraße 56), Balkonanbauten und energetische Sanierung. Dabei war der größte Kostentreiber die energietische Sanierung (Röttgerstr.12, Fröbelstr. 6).

Eine Hauptrolle im NDR-Film spielt der Bezirksratsherr Steffen Mallast, der die Kostenerhöhung für die Mieter energisch anprangert. Dabei gehört der Hauptkostenfaktor energetische Sanierung zu den wichtigen politischen Zielen von Steffen Mallast und seiner Partei, Bündnis 90/Die Grünen.

Über dieses Doppelspiel erfährt der Zuschauer durch den NDR-Film nichts. Außerdem werden wichtige Fakten im Film nicht genannt (bspw. Mietpreise) und vieles wird falsch wiedergegeben. Die Leidtragenden sind jeweils die Vermieter, die ungerechtfertigt an den Pranger gestellt werden.

Fazit: "Mieter in Not" ist ein Propagandafilm, der dem öffentlichen Auftrag des NDR widerspricht und das Potential hat dessen Ruf zu schädigen.

 

Letzte Aktualisierung: 05.08.2013

 

Zu den Fällen

* Limmerstraße 56    >> mehr

* Röttgerstr. 12    >> mehr

* Fröbelstr. 6    >> mehr

- wird fortgesetzt

 

Der Anfang

Vorbemerkung zum Film "Mieter in Not - Wenn wohnen zum Luxus wird"

Angesichts eines derzeitigen allgemeinen Trends zu höheren Mieten und eines von einigen ausgerufenen "Kampfes gegen Gentrifizierung" kann einem solchen Film eine gewisse Bedeutung zukommen. Prinzipiell kann er die Dinge richtig, untertreibend oder übertreibend darstellen und damit entsprechend auf die Geschehnisse hier einwirken. Jedenfalls fand der Film entsprechende Aufmerksamkeit bei vielen der interessierten Bewohner.

Eine erste Einschätzung:

Beim kritischen Betrachter kann "Mieter in Not" schnell einen skeptischen Eindruck hinterlassen.

Ton und Inhalt der Moderation wirken nicht neutral. Es gibt polemische Sprüche, wie "Seine Wohnung, seine Burg - ein Ort des Widerstandes". Nur die Interessen einer Seite - der dargestellten Mieter - werden gewürdigt. Die Vermieter erscheinen fast ausschließlich als so etwas wie Angeklagte.

Die dargestellten Probleme hinterlassen beim Betrachter manchmal das Gefühl von "Kann das denn wirklich so sein?".

Es fällt auf, dass fast keine konkreten Mietpreise genannt werden, obwohl es doch im Wesentlichen um Mietpreise geht. Fast immer ist nur die Rede von prozentualen Erhöhungen. Warum eigentlich? Vielleicht würden - wenn genannt - die Mietpreise bei vielen Zuschauern im Sendegebiet gar nicht ausreichen, um Empörung gegen die Vermieter auszulösen? Ist das einseitige Schüren von Emotionen die Absicht dieses NDR-Filmes?

Ich habe mich auf einen spannenden Faktencheck begeben.

 

Letzte Aktualisierung: 05.08.2013

 

 

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„Mieter in Not" kann noch in der Mediathek angeschaut werden.

 

 

 

 

 

 

Fall: Limmerstraße 56

Bei meinem ersten Besuch im Sommer 2011 machte das Hinterhaus - und nur um das geht es hier - einen heruntergekommenen Eindruck. Der Sanierungsbedarf schien augenscheinlich groß zu sein. Treppenhaus, Fenster und ein spärlicher Blick in einige Wohnungen hinterließen einen eher erschreckenden Eindruck. Ich hatte so etwas hier an der Limmerstraße nicht erwartet. Ein Sanierungsbedarf war offensichtlich.

Darüber informiert der NDR-Film fast gar nicht. Es heißt lediglich und etwas zweifelnd über den Vermieter: "Er hat viel Geld in das vorher marode Hinterhaus gesteckt, sagt er."

2013: Haus und Hof wirken saniert und machen spontan einen netten Eindruck. Der Standard entspricht ortsüblichem und saniertem Altbau. Luxus ist nicht zu erkennen.

Mietpreise

Im Film wurde der Mieter Herr M. und seine Mietsituation vorgestellt.

Bei einem Besuch erfahre ich, dass er selbst in einer persönlich schwierigen Situation ist, da sein Einkommen trotz Vollzeitjob als Elektriker durch frühere Vorkommnisse noch einige Jahre recht begrenzt sein wird.

Bei Übernahme des Hauses durch den neuen Eigentümer Wohnwert im Jahre 2011 betrug sein Mietpreis 4,31 €/qm für die 58 qm Wohnung. Heute - nach einer Sanierung von Fenstern und Heizung - beträgt die Miete 5,77 €/qm.

Darüber informiert der NDR-Film nicht.

Die Miete in der fertig sanierten ähnlich großen Nachbarwohnung beträgt lt. Vermieter dagegen 8 €/qm.

Auch darüber informiert der NDR-Film nicht.

Preisdiskussion:

Sind 8 €/qm zu viel, vielleicht sogar Luxus? Jedenfalls warfen Demonstranten 2011 dem neuen Eigentümer einen damals vermuteten Zielpreis von 8 €/qm als Luxus vor. Der Vermieter argumentiert dagegen mit einer durchgeführten Grundsanierung des Hinterhauses von 250.000 €, die in Teilen einem Neubau gleichgekommen wäre.

Eine Anfrage bei einer hiesigen Wohnungsgenossenschaft ergab, dass angesichts der finanziellen Aufwendung von 250.000 € ein Mietpreis von ca. 8 €/qm angemessen erscheinen würde.

Neubau: Bei einem öffentlichen Treffen in Linden-Nord gab ein Vertreter der Wohnungsgenossenschaft "Spar- und Bauverein" bekannt, dass sie selbst einen Neubau nur für über 8 €/qm Monatsmiete bauen könnten.

Darüber informiert der NDR-Film nicht. Überlegungen zur Preisbildung kommen dort nicht vor.

Stromversorgung

Mieter Herr M. hat seit vielen Jahren keinen Strom in seiner Wohnung. Im NDR-Film wird gezeigt, wie Kerzen brennen. Über die Ursache heißt es lediglich, dass ein Kabel gekappt wurde.

Der Faktencheck ergab Folgendes:

Bereits vor der Übernahme durch den neuen Hauseigentümer war der Stromzähler durch die Stadtwerke entfernt und nach Zahlen der ausstehenden Rechnungen bisher auch nicht wieder eingebaut worden. Vor dem Wiedereinbau des Zählers muss der Mieter auf eigene Kosten die Stromleitungen in seiner Wohnung durch einen Elektromeister prüfen lassen. Dazu ist Herr M. finanziell jetzt in der Lage und möchte es auch durchführen lassen.

Doch warum geschieht dieses nicht?

Nach Gesprächen mit Mieter und Vermieter komme ich zu dem Schluss, dass hier ein völlig zerrüttetes Verhältnis vorliegt - voller Verärgerung, Misstrauen und Missverständnissen. Kommuniziert wird nur noch über Anwälte.

Darüber informiert der NDR-Film nicht. Die Gründe für den fehlenden Strom dort werden nicht genannt.

Das hat jedenfalls nichts mit einer wie auch immer gearteten Gentrifizierung zu tun. Solche schwierigen Verhältnisse zwischen Mieter/Vermieter hat es auch schon immer und zu jeder Zeit gegeben.

Altmieter

Vor der Sanierung und von dem vorherigen Eigentümer übernommen gab es vier Mietparteien im Haus.

Herr M., eine Wohngemeinschaft und die  Eheleute Herr K. und Frau K. in verschiedenen Wohnungen. Die Mutter von Herrn K. war früher einmal Eigentümerin des Hauses gewesen.

Der neue Eigentümer versuchte wegen der anstehenden umfassenden Sanierungsarbeiten das Haus freizubekommen. Die Wohngemeinschaft zog zügig aus. Herr K. verübte vor einem anstehenden Gespräch Selbstmord. Darüber berichteten wir.

Frau K. zog zu ihren Eltern nach außerhalb Hannovers. So blieb Herr M. als einziger Mieter im Haus übrig.

Über die Altmieter informiert der NDR-Film nicht.

Aktivisten gegen den neuen Eigentümer

Im Jahre 2011 gab es vor der Kommunalwahl Protest gegen den neuen Eigentümer, über den auch in einzelnen Medien berichtet wurde.

Im September 2011 kam es zu einer Protestaktion, an der auch das Bezirksratsmitglied (Grüne) Steffen Mallast teilnahm. Auf einer Stelltafel wurde der Selbstmord des Mieters Herr K. für ihren Kampf argumentativ verwendet. Zitat:

"Bisher hat der Bau ein Menschenleben gekostet."

Weitere Zitate:

"Die Firma Wohnwert wandelt günstigen, unsanierten Wohnraum in Luxuswohnungen um. Dazu werden die bisherigen Mietparteien mit allen Mitteln vertrieben ... Die vor der Sanierung günstigen Mieten steigen dabei auf ein Niveau von 8  €/qm und liegen damit etwa 2 € über dem Mietspiegel."

Die Medienfirma

Der Film wurde von der in Münster ansässigen Firma  6w-Film- und Fernsehproduktions GmbH im Auftrag des NDR hergestellt. Autor war der Geschäftsführende Gesellschafter Michael Nieberg. Auf der Homepage heißt es im Sinne einer Aufgabenbeschreibung:

"Sie drückt der Schuh? Sie kämpfen für ein Anliegen? Sie haben Ärger mit Versicherung, Behörde oder im Job? Melden Sie sich bei uns! Wir arbeiten für Deutschlands führende Fernsehmagazine - möglicherweise finden Sie Gehör - und wir kämpfen für Sie."

Etwas stark ausgedrückt könnte man es auch so verstehen: " Wir machen uns mit ihrer Sache gemein - im Guten wie im Schlechten."

Fazit

Der NDR-Film vermeidet es ausreichend sachgerecht über die Zusammenhänge um das Hinterhaus Limmerstraße 56 zu berichten. Eine differenziertere Betrachtung hätte manchen Darstellungen wohl die emotionale Wucht der Konfrontation nehmen können - ohne Stimmungen im Stadtbezirk weiter anzuheizen.

 

Letzte Aktualisierung: 31.05.2013

 

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„Mieter in Not": Kerzen statt Strom in der Limmerstraße 56

 

 

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2011: Das Hinterhaus Limmerstraße 56 wirkt ziemlich heruntergekommen. Der Mieter Herr M. zahlte damals für die 58 qm Wohnung 4,31 €/qm.

 

 

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2013: Das Hinterhaus Limmerstraße 56 ist saniert. Der Standard entspricht ortsüblichem und saniertem Altbau. Luxus ist nicht zu erkennen. Der Mieter Herr M. zahlt heute für seine 58 qm Wohnung 5,77 €/qm.

 

 

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Im September 2011: Protestaktion vor der Limmerstraße 56. Im Vordergrund Bezirksratsmitglied Steffen Mallast (Grüne).

Stelltafel, Zitate:

"Bisher hat der Bau ein Menschenleben gekostet."

"Die Firma Wohnwert wandelt günstigen, unsanierten Wohnraum in Luxuswohnungen um. Dazu werden die bisherigen Mietparteien mit allen Mitteln vertrieben ... Die vor der Sanierung günstigen Mieten steigen dabei auf ein Niveau von 8  €/qm und liegen damit etwa 2 € über dem Mietspiegel."

 

 

 

 

 

 

Fall: Röttgerstr. 12 in Linden-Nord

Mieter in Not? Eine Luxussanierung? - so versuchte es der NDR-Film darzustellen.

Die Vermieter haben Balkone angebaut und eine Fassadendämmung* vorgenommen. Das führte ab 01. Juni mit einem Monat Verzögerung nach Fertigstellung zu einer Mieterhöhung für jeden Mieter von 65 € monatlich. Dabei entfallen 30 € auf die Balkone und 35 € auf die Fassadendämmung*. Es handelt sich um 2-Zimmer-Wohnungen bei jeweils Größen von 50-55 qm. Über diese konkreten Zahlen wurde im NDR-Film nicht berichtet. Es heißt dort nebulös "Mehr Quadratmeter ... höhere Mieteinnahmen" und "Aber wir dachten nicht an eine solche Mieterhöhung". (Mallast)

Das Filmteam wurde durch den dort wohnenden Bezirksratspolitiker Steffen Mallast (Grüne) auf die Veränderungen aufmerksam gemacht. Er selbst lehnt den Balkon in seiner Erdgeschosswohnung mit 1,50 m Bodenhöhe ab und ist inzwischen ausgezogen.

In Gesprächen hatte ich den Eindruck, dass die Mieter die neuen Balkone eher als etwas Positives sehen. Kritischer wird anscheinend die teurere Fassadensanierung* bewertet.

NDR-Film: "Ab sofort 20% mehr - begründet mit den Sanierungen".

Faktencheck: Falsch ist, dass die Erhöhung sofort wirksam wurde. Richtig ist, dass diese später als eigentlich möglich wirksam wird, nämlich erst einen Monat nach Abschluss der Arbeiten. Weniger als die Hälfte der Erhöhung entsteht durch die Balkone. Der größte Teil liegt an der Wärmedämmung*. Das wird verschwiegen.

Mieter, die auszogen

NDR-Film: "Die Sanierungsarbeiten sorgen im ganzen Haus für Unruhe. 3  von 10 Mietern ziehen aus."

Faktencheck:

Frau S, alleinerziehende Mutter, ist ausgezogen und hat sich verbessert. Die neue Wohnung - nur ca. 2 km weiter in Limmer - ist 20 qm größer, hat 1 Zimmer mehr, hat einen Balkon und kostet etwa so viel wie die vorherige nach der Sanierung kosten sollte und hat allerdings keine Wärmedämmung. Für Frau S. bestand zu keinem Zeitpunkt eine Notlage.

Frau J. ist aus privaten Gründen ausgezogen, wie sie mir erzählte. Die Mietpreissteigerung war nur der Anlass.

Im NDR-Film werden ihre Beweggründe wie folgt benannt: "Um Ihre Miete in Zukunft bezahlen zu können, muss sie verkleinern." Interpretation: Versteckt wird hier also ausgedrückt, dass ihr Auszug noch wesentliche andere Gründe hat. Denn sonst müsste sie ja nicht verkleinern, sondern nur eine andere gleich teure Wohnung suchen. Auf diese Weise versucht der Film eine Information zu verstecken, ohne direkt falsch zu sein.

Sie zahlte vorher 5,36 €/qm und hätte nach der Sanierung 6,21 €/qm zahlen sollen. Das ist weniger als der Durchschnitt der Angebotsmiete in Linden-Nord mit 6,40 €/qm (2012).

NDR-Film: "Innen wird nichts renoviert."

Faktencheck: Nach dem Auszug von Frau S. wurde die Wohnung für 6.000 € saniert und für 6,81 €/qm neu vermietet.

Die entsprechende Behauptung im NDR-Film ist also falsch.

Herr B., Mitbewohner von Steffen Mallast, bleibt im Haus und zog in eine andere Wohnung. Darüber informiert der NDR-Film nicht.

Steffen Mallast ist der Kronzeuge im NDR-Film für die als schlecht dargestellten Veränderungen. Sein Hauptargument sind die Kosten. Der geplante Balkonanbau war ihm beim Einzug 2011 bekannt.

Mallast: "Aber wir dachten nicht an eine solche Erhöhung".

Faktencheck: Die Mieterhöhung beträgt nach Abschluss der Arbeiten ab 01. Juni dort 65 € monatlich. Der größte Teil davon - 35 € - ist durch die Wärmedämmung* entstanden. Der Balkon wird mit lediglich 30 € monatlich berechnet. Eine Differenzierung wird nicht vorgenommen. Eine positive Äußerung im Interview zur Wärmedämmung*  wird raus geschnitten.

Dialog: "Das ärgert Sie, dass die Miete erhöht wird?" Antwort: "Das ärgert mich." und "Ein Balkon im Erdgeschoss, deswegen wird Mallast kündigen".

D.h., wegen 30 € monatlich mehr (ca. 9 % der Miete) für einen Balkon ist Steffen Mallast ausgezogen, was der Zuschauer so nicht erfährt.

Er ist der einzige Mieter, der wegen des Balkons als Ursache ausgezogen ist. Bei den anderen zwei Mietern waren die Balkone lediglich ein Anlass.

Vermieterinnen

Die beiden Eigentümerinnen Frau K. und Frau K. haben anscheinend die historische Chance genutzt bei Niedrigzinsen kostengünstig Verbesserungen an ihrem Eigentum vorzunehmen. Diese günstigen Umstände haben sie demnach nicht nur ohne Gewinn, sondern sogar mit Einbußen an ihre Mieter weitergegeben.

Das wird den Zuschauern des NDR-Films verschwiegen. Stattdessen wird die dort interviewte Frau K. fast wie eine Angeklagte vorgeführt und ihre weiteren konkreten Angaben werden nicht gesendet.

Dagegen heißt es zu den Balkonen: "Das macht mehr Quadratmeter und damit höhere Mieteinnahmen."

Faktencheck: Die Mieterhöhung bei den vorhandenen Mietern durch die Balkone deckt nach Vermieterangaben lediglich die Kreditkosten inkl. Tilgung. Ein Eigenanteil der Vermieter über viele zigtausend Euro wird nicht berechnet und führt bei diesen faktisch auf absehbare Zeit zu Verlust. Ein Gewinn wird daher erst einmal nicht erzielt und ist jedoch für die längere Zukunft eingeplant. Ein Zusammenhang mit den Quadratmetern der Balkone besteht nicht.

Die Aussage im NDR-Film ist demnach falsch.

Fazit

Der Faktencheck ergab keine Hinweise auf Mieter in Not oder eine Luxussanierung. Jedoch bediente der NDR-Film sich diverser Methoden der Propagandatechnik, um diesen Eindruck zu erwecken oder nahezulegen und die Vermieter in ein schlechtes Licht zu rücken. Vor allem, dass die von Steffen Mallast als Politiker begrüßte und von seiner Partei auch als dringend geforderte Wärmedämmung den größten Kostenanteil ausmacht, wird verschwiegen und dadurch den Vermietern indirekt als Preistreiberei angelastet.

Das wirft Fragen auf.

Steffen Mallast lehnte in einem Telefongespräch die Beantwortung jeglicher Fragen ohne Begründung ab.

 

 

Erläuterungen:

* Dämmung bedeutet hier neue Fenster + Wärmedämmverbundsystem an der Fassade

*  Preisangaben stammen überwiegend vom Vermieter

 

Letzte Aktualisierung: 10.06.2013

 

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Der NDR-Film (Mediathek) zeigt  die Arbeiten zur Fassadendämmung in der Röttgerstr. 12

 

 

 

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Steffen Mallast, Bezirksratsmitglied (Grüne), wohnte in der Röttgerstr. 12 und äußert sich im NDR-Film wie folgt: "Aber wir dachten nicht an eine solche Erhöhung".

Faktencheck: Die Mieterhöhung beträgt nach Abschluss der Arbeiten ab 01. Juni dort 65 € monatlich. Der größte Teil davon - 35 € - ist durch die Wärmedämmung* entstanden. Der Balkon wird mit lediglich 30 € monatlich berechnet. Eine Differenzierung wird nicht vorgenommen. Eine positive Äußerung im Interview zur Wärmedämmung*  wird raus geschnitten.

 

 

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NDR-Film Sprecher zu den Balkonen: "Das macht mehr Quadratmeter und damit höhere Mieteinnahmen."

Faktencheck: Die Mieterhöhung bei den vorhandenen Mietern durch die Balkone deckt nach Vermieterangaben lediglich die Kreditkosten inkl. Tilgung. Ein Eigenanteil der Vermieter über viele zigtausend Euro wird nicht berechnet und führt bei diesen faktisch auf absehbare Zeit zu Verlust. Ein Gewinn wird daher erst einmal nicht erzielt und ist jedoch für die längere Zukunft eingeplant. Ein Zusammenhang mit den Quadratmetern der Balkone besteht nicht.

Die Aussage im NDR-Film ist demnach falsch.

 

 

 

 

 

 

Fall: Fröbelstr. 6

Luxussanierung? Mieter in Not?

Auch in diesem Fall des Mieters Herrn F. versucht der  NDR-Film eine Sanierung als Luxus und daher als unbezahlbar darzustellen. Wie in den zuvor geschilderten Fällen auch bedient er sich dabei der Methode des Weglassens von Informationen und grenzwertigen bis falschen Behauptungen. Eine Hauptrolle spielt auch hier der Bezirksratsherr Steffen Mallast, der allem Anschein nach das Filmteam auf diese Sanierung aufmerksam gemacht hatte. Dabei gehört der Hauptkostenfaktor energetische Sanierung zu den wichtigen politischen Zielen von Steffen Mallast und seiner Partei, Bündnis 90/Die Grünen.

Der Hauseigentümer, die Dannenberg Immobilienhandel GmbH in Hannover,  wurde vom Filmteam nicht kontaktiert, wie uns vom Unternehmen mitgeteilt wurde.

 

Hausbesuch

Beim Besuch des Ehepaares F. werde ich gutgelaunt und fröhlich empfangen. Sie hatten ihre alte Wohnung selbst gekündigt und waren Ende April aus der Fröbelstr. 6 in die Badenstedter Straße am Rande Lindens gezogen.

Inzwischen haben sie bereits guten Kontakt zur neuen Nachbarschaft geknüpft, wohnen in ähnlich großer Wohnung mit Balkon im Erdgeschoss - jedoch ohne Fassadensanierung - und ihre Tochter lebt gegenüber. Die Miete beträgt 6 €/qm, womit sie zufrieden sind.

Sie haben sich verbessert. Das war ihre einhellige Meinung.

Sie hätten auch die angekündigte Mieterhöhung in ihrer jahrzehntelang bewohnten Wohnung in der Fröbelstr. in Linden-Nord bezahlen können, wie sie mir versichern.

Im Gespräch zeigt sich, dass es vor allem die langandauernden Sanierungsarbeiten waren, die ihnen buchstäblich auf die  Nerven gingen. Hier fühlten sie sich wie "Mieter in Not". Hinzu kam, dass der neu angebaute Balkon seinen Zugang über ihr Badezimmer gehabt hätte. 

Im NDR-Film gehört der Beitrag über F. zu den emotional bewegenden. Herr F. ist dort sehr aufgebracht über die angekündigte Mieterhöhung und die Belastungen durch die seit Monaten andauernden Sanierungsarbeiten am und im Haus.

Für die endgültige Mieterhöhung auf 6,93 €/qm der 75 qm großen Wohnung ist jedoch hauptsächlich die energetische Fassadensanierung verantwortlich.

 

Zahlen im Überblick

4,80 €/qm betrug die Miete bei Übernahme durch den neuen Eigentümer im September 2012.

Diese Miete war weit über 10 Jahre hinaus stabil. Das läuft auf eine faktische Preissenkung hinaus. Bei der allgemeinen Preissteigerungsrate beträgt diese 20 % oder mehr.

5,66 €/qm kündigt der neue Vermieter als Erhöhung an. Diese wird jedoch erlassen als Kompensation für die Belastungen durch die Sanierungsarbeiten.

Bis zum Auszug zahlte Herr F. den alten Preis von 4,80 €/qm. Für seine in der Vergangenheit vorgenommenen Renovierungsarbeiten erhielt er 1.500 € von 5.000 €, die er verlangt hatte.

Nach Abschluss der Sanierungsarbeiten wäre der Mietpreis auf 6,93 €/qm erhöht worden. Die Nebenkosten bleiben mit 75 € stabil.

Die endgültige Erhöhung der Kaltmiete um insgesamt 100 € wird mit der Sanierung begründet. Davon entfallen nur 30 € auf den Balkon und 70 € auf die Fassadensanierung.

 

Aussagen im NDR-Film auf dem Prüfstand

Sprecher: "Die Erhöhung wird begründet mit Energiesparmaßnahmen. Und mit einem Balkonanbau, den es noch gar nicht gibt."

Richtig ist:

Die einzige Mieterhöhung, die Herr F. bekam,  war die auf 5,66 €/qm von vorher 4,80 €/qm. Diese Erhöhung, die ihm schließlich erlassen wurde, hatte noch nichts mit der Sanierung zu tun. Die Höhe des Mietpreises verschweigt der NDR-Film - außer einer einsekundenlangen und dadurch unlesbaren Einspielung des Ankündigungsschreibens.

 

Sprecher: "Nach der Sanierung kann er die Miete nicht mehr bezahlen"

"F. war Angestellter im Öffentlichen Dienst. Er bekommt eine passable Rente. Dennoch wird er die Mieterhöhung nicht zahlen können. "

Wie mir Herr F. mitteilte, hätte er den endgültigen Mietpreis (6,93 €/qm) bezahlen können. Im NDR-Film äußerte er sich emotional allerdings noch anders.

 

Sprecher: "Ein Investor hat das Haus gekauft. Miete und Nebenkosten drohen zu explodieren"

Der Name des Investors wird nicht genannt und bleibt im NDR-Film anonym.

Richtig ist, dass der Investor die Dannenberg Immobilienhandel GmbH in Hannover ist. Sie existiert gemäß Internetseite seit  30 Jahren und kann daher als ein erfahrenes Immobilienunternehmen gelten. Sie wurde vom Filmteam nicht kontaktiert, um bspw. Fragen zu stellen und Fakten zu überprüfen. Die alleinige Verwendung des Begriffes "Investor" im Film erscheint merkwürdig und soll möglicherweise herabsetzend wirken und negative Assoziationen wecken.

Herr F. berichtete von einem freundlichen und konstruktiven Umgang mit der Firma Dannenberg. Die im NDR-Film dargestellte abfällige Bemerkung durch eine Mitarbeiterin sei eine Ausnahme gewesen.

Von einer Explosion von "Miete und Nebenkosten" kann diesem Faktencheck entsprechend keine Rede sein. Herr F. hatte lediglich das Glück über einen langen Zeitraum von keiner Mieterhöhung betroffen gewesen zu sein, was faktisch einer Senkung gleich kam.

 

Sprecher: "Aber nach dem Verkauf des Hauses gaben fast alle Nachbarn auf. Nach jedem Auszug begann die Kernsanierung einer Wohnung

Nach Angaben des Hauseigentümers sind außer Herrn F. lediglich zwei Mieter ausgezogen und zwar aus privaten Gründen. Da Wohnungen verkauft wurden, liegt es in der Hand der neuen Eigentümer evtl. wegen Eigenbedarf vorhandenen Mietern zu kündigen. Darüber fehlen derzeit Informationen.

 

Herr F.:' Mit Balkon wird die nochmal um 150 € erhöht.'"

Gemeint ist hier die Erhöhung von den vorher sehr niedrigen 4,80 €/qm auf die endgültigen 6,93 €/qm für die vollständige Sanierung. Dieses verschweigt der NDR-Film.

 

Sprecher: "Steffen Mallast, Nachwuchspolitiker bei den Grünen. Der 25-jährige sitzt im Bezirksrat von Hannover-Linden. Er engagiert sich dort für bezahlbaren Wohnraum. Den Fall F. findet er typisch."

Steffen Mallast: "Das macht mich sehr wütend. Vor allem macht mich wütend, dass die Leute sagen: Das sind Einzelschicksale. Oder:" Das kommt nicht vor." Oder: "Im Prinzip sind alle zufrieden" Die Kehrseite wird allzuoft ausgeblendet. Das macht mich wütend und traurig, wie mit den Menschen umgegangen wird.

Faktisch beschwert sich hier Steffen Mallast jedoch über die Umsetzung der Ziele seiner eigenen Partei, der Grünen, und von ihm selbst. Und diese Ziele der energetischen Sanierung sind zukünftig noch viel preistreibender als bisher geplant.

So heißt es in einer Erklärung der Grünen Bundestagsfraktion:

"Ein bisschen energieeffizientes Sanieren und Bauen

... Bündnis 90/Die Grünen hatten schon bei der Novellierung der EnEV 2007 eine Verschärfung der energetischen Anforderungen für Gebäude gefordert, leider vergeblich. ...

Grüne Forderungen
Wir wollen den Wärmeverbrauch in Deutschland bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 verringern. Die Sanierungsquote soll auf 3 Prozent erhöht werden, so dass der Altbaubestand innerhalb der nächsten 30 bis 40 Jahre vollständig saniert wird
" (Fettdruck im Originaltext vom 24.09.2009)

Nach einer von mir vorgenommenen Nachfrage bei Fachleuten gehören die energetischen Sanierungen derzeit zu den Hauptpreistreibern bei den Mieterhöhungen hier im Stadtbezirk.

Nach dem Willen der Grünen würde hier kräftig weiter saniert werden - um die große Menge von 3% des Altbaubestandes pro Jahr.

 

Fazit: ein politisches Doppelspiel

Eine Luxussanierung konnte nicht festgestellt werden. Durch entsprechende Wortwahl des Sprechers und das Verschweigen der tatsächlichen Mietpreise wird dem Zuschauer jedoch das Gegenteil suggeriert.

Die Betroffenheit des Mieters Herr F. ist nur allzu verständlich, da diese für ihn gravierenden Veränderungen nach über dreißigjährigem Wohnen dort natürlich eine große Belastung darstellen.

Der Bezirksratsherr Steffen Mallast (Grüne) hat umfangreiche Gelegenheit seine Empörung über die Maßnahmen des Eigentümers auszudrücken und die Stimmung anzuheizen.

Steffen Mallast verschweigt, dass die energetische Sanierung ein Hauptziel seiner Partei Bündnis 90/Die Grünen und auch von ihm selbst ist.

Und wenn es nach ihnen geht, dann wird es zukünftig noch deutlich teurere Sanierungen geben. Demnach würde faktisch 30 Jahre lang ständig, kostentreibend und nervenbelastend an jedem 33. Haus in Linden-Nord energetisch saniert (3% des Altbestandes pro Jahr). Das ist weitaus stärker, als es andere Parteien vorhaben.

Dieses politische Doppelspiel verschweigt der NDR-Film "Mieter in Not".

Steffen Mallast lehnte in einem Telefongespräch die Beantwortung jeglicher Fragen oder die Abgabe einer Stellungnahme ohne Begründung ab.

 

 

Textzitate aus der Mediathek

Preisangaben stammen überwiegend vom Vermieter

 

Letzte Aktualisierung: 10.07.2013

 

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„Mieter in Not": Fröbelstr. 6

 

 

 

 

 

 

 

 

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NDR-Film: Bezirksratsherr Steffen Mallast im Gespräch mit Mieter Herr F..

 

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5,66 €/qm sollte Mieter F. ab Januar 2013 zahlen. Die Mieterhöhung wurde als Ausgleich für die Belastungen durch die Sanierungsarbeiten erlassen. So blieb der mehr als zehn Jahre gültige Mietpreis von 4,80 €/qm bis zum Auszug Ende Mai 2013 erhalten.

Eingeblendet wurde eine einsekundenlange und dadurch unlesbare Einspielung des Ankündigungsschreibens.