Bericht 17-13

 

 

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So, 13.02.2013, Hintergrundbericht
Gentrifizierung – eine Legende? - oder „Zuerst schießen - dann fragen"
siehe auch: Spezial: Gentrifizierung oder was?

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Seit zwei Jahren erlebt Linden einen „Kampf gegen die Gentrifizierung", der bereits viel Leid verursacht hat.

„Erst schießen – dann fragen"

ist eine aus Western bekannte Verhaltensweise, die jetzt wohl auch in Linden Anklang findet. Denn bis heute fehlt jeder Nachweis einer stattfindenden Gentrifizierung. Im Wesentlichen äußerten sich lediglich der Bezirksbürgermeister Rainer-Jörg Grube, Steffen Mallast (Bezirksrat, Grüne) und die Kampagne Ahoi öffentlich, dass so etwas stattfindet. Viele Aktive aus  unterschiedlichen politischen Lagern stellten dagegen bisher ziemlich einmütig fest, dass es keine systematische „Verdrängung von Armen" oder ähnlich gibt. Hierzu gibt es eine

>> Zitatensammlung

Ein kleiner Überblick

Der Stadtbezirk ist seit Jahrzehnten in ständigem Wandel. Von ehemals 65.000 Einwohnern in den Sechzigern gab es eine ununterbrochene Schrumpfung bis heute auf ca. 43.000. Gerade Linden-Nord verliert jährlich ca. 100 Einwohner und das seit über 12 Jahren (Stand 01.01.2012). Der Anteil von weniger gut situierten Einwohnern, die Transferleistungen empfangen, ist überdurchschnittlich hoch, jedoch seit Jahren konstant. Es gibt eine starke Einwohner-Fluktuation. Ein hoher Anteil von ungefähr 30% zieht nach spätestens fünf Jahren wieder weg aus ihrem Stadtteil und hat wahrscheinlich nur eine geringe Heimatbindung. Nur ungefähr 30% bleiben 20 Jahre und länger, worunter sich überdurchschnittlich viele Wohneigentümer befinden dürften.

Während die Region Einwohner verliert, hatte Hannover seit 2007 einen Zuwachs von 7.500, von dem aber netto nichts im Stadtbezirk angekommen ist. Linden-Limmer hat in der Summe verloren. Lediglich Linden-Mitte hat in den letzten Jahren etwas zugenommen (ca. 60 Einwohner pro Jahr).

Was wollen die Aktivisten gegen eine Gentrifizierung?

Der militante Arm eines Kampfes gegen Gentrifizierung ist die linksautonome Kampagne Ahoi. Zu diesen unterhalten die Grünen Linden-Limmer enge und kooperative Beziehungen. Für Ahoi ist die Gentrifizierung nur zusammen mit einer Kapitalismusanalyse zu verstehen.

Es geht also um mehr. Es geht um Gesellschaftsveränderung und es geht dabei um die Deutungshoheit im Stadtbezirk. Mit aggressiver Rhetorik und militanten Verhaltensweisen wird versucht diese durchzusetzen – Sachbeschädigungen und Einschüchterungen inklusive. Die Beobachtungen des Autors in den letzten zwei Jahren lassen kaum eine andere Interpretation zu.

Das Beuteschema der Empörung

Welche Werte gelten eigentlich noch im Stadtbezirk? Für das Beuteschema der Empörung reicht der Anschein der Gentrifizierung. Dagegen lässt die versuchte Vernichtung von Lindener Existenzen durch einen Kampf gegen Gentrifizierung  den Stadtbezirk noch immer relativ kalt. Wer bestimmt eigentlich, was moralisch gut ist? Auch das hat viel mit der Frage nach der Deutungshoheit zu tun.

Resolution zum gewaltfreien Protest im Bezirksrat gescheitert

Im Lichte der Vorkommnisse der letzten zwei Jahre erhalten die Geschehnisse bei der letzten Bezirksratssitzung eine besondere Brisanz. Eine Resolution der CDU zur Gewaltfreiheit bei Protesten wurde abgelehnt. Nur die SPD stimmte dafür. Die Ablehnung durch Grüne, Linke, BSG und Piraten wurde mit dem Fehlen des „Zivilen Ungehorsams" in der Resolution zur Gewaltfreiheit begründet. Bahnt sich hier eine augenzwinkernde Tolerierung von Hausbesetzungen und anderer Gewalttaten an? Einige Äußerungen der letzten Monate lassen dieses befürchten. Linden verändert sich derzeit anscheinend schneller als es Vielen lieb sein dürfte.

Zur Immobiliensituation

Zweifelsfrei ist der Stadtbezirk in den letzten Jahrzehnten schöner und auch teurer geworden. Aber auch die Kaufkraft und die sozialen Leistungen sind gewachsen.
Eine Zeit lang blieben die Mieten relativ stabil. Unter Berücksichtigung der Inflationsrate wirkte das sogar wie eine Mietsenkung.

Seit ca. vier bis fünf Jahren steigen die Mieten im Stadtbezirk bei Neuvermietungen relativ stark an, bleiben aber immer noch im Bereich der allgemeinen Inflationsrate und liegen im Stadtdurchschnitt (Stand 01.01.2012). Die Nachfrage nach angebotenen Wohnungen ist recht groß. Eine Umfrage bei Vermietern und Wohnungsgesellschaften ergab, dass meistens mit deutlich über 30 Interessenten gerechnet werden muss. Das gab es früher allerdings auch schon mehrfach. In Erinnerung sind öffentliche Aushänge, in denen für die Vermittlung einer Wohnung sogar Belohnungen angeboten wurden. Das ist heute (noch?) nicht so.

Woher diese starke Nachfrage kommt, ist unklar. Das Umland  verliert und die Stadt gewinnt Einwohner, die netto aber nicht im Stadtbezirk ankommen. Hier kann derzeit nur spekuliert werden. Eine Möglichkeit wäre eine längere Wohndauer, so dass folglich weniger Wohnungen angeboten werden, was bei gleicher Nachfrage zu steigenden Preisen führt. Psychologie kann auch eine Rolle spielen.

Gentries für Linden-Süd

In Linden-Süd begrüßt man den Zuzug von Gutverdienenden („Gentries")  in neu geschaffene Wohnungen wie die Lofts auf dem Hanomag-Gelände. Das führt zu einer besseren Durchmischung  der Bevölkerung auch zum Nutzen der zahlreichen eher weniger gut situierten Anwohner. Gerade für die Schulen wäre das von Vorteil, so ist es dort zu hören.

Bewertung und Ausblick

Eine Wohnungsnot gibt es nicht. Ob es eine Gentrifizierung geben wird, bleibt abzuwarten. Es ist jederzeit günstigerer Wohnraum unweit von Linden-Limmer in Richtung Ahlem oder Empelde zu finden. Das ist dort, wo früher bereits Tausende aus Linden hingezogen waren und  kaum wieder weg wollen – auch, wenn es dort vielleicht ein bisschen langweilig ist. Die Verkehrsanbindungen sind jedenfalls gut.

Siehe auch „Spezial: Gentrifizierung" bei halloLindenLimmer.de

Mit Dank an: Bereich Stadtentwicklung der LHH, Ostland, GBH, Selbsthilfe Linden, Immobilienscout24.com und Sachgebiet Wahlen und Statistik der LHH für die teilweise große Unterstützung.

 

Letzte Änderung: 02.03.2013

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Fataler Irrtum Gentrifizierung: Die Limmerstraße 98 galt bei Aktivisten als ein Symbol der Gentrifizierung und wurde 2011 mit schlimmen Folgen besetzt. Derzeit baut der Eigentümer hier für seine Familie einen Alterssitz. 

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Fataler Irrtum Gentrifizierung: Sämtliche Scheiben der Eismanufaktur in der Stephanusstraße wurden von Aktivisten im Mai 2012 eingeworfen. Ein Farbanschlag folgte. Auf einer sogenannten „Freiraumdemo" der linksautonomen Szene wurden diese Taten über Lautsprecher gerechtfertigt, wie Ohrenzeugen übereinstimmend mitteilten. Die mutige Existenzgründerin hat diese Angriffe jedoch durch die Solidarität von Kunden und Anwohnern überstanden.

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Die Freiraumdemo der Linksautonomen eskalierte am 22.09.2012. Ein Flaschenwurf und direkte Angriffe auf die Polizei geschahen. Die Demonstranten suchten die Machtprobe. An der Demo nahmen auch Bezirksratsmitglieder der Grünen und der Linken teil.

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Dreistündiges Gespräch mit Eigentümer der besetzten Limmerstraße 98 am 03.06.2011. >> mehr

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Die Angebotsmieten in Linden-Nord haben sich in den letzten Jahren eher ähnlich entwickelt wie im hannoverschen Durchschnitt.

>> Quelle

2013.02.15_PlanerInnetreff_13_12_2_Auszug_Paesentation_Transferleistungempfaenger_K_1_K

Der Anteil der Transferleistungempfänger ist auf hohem Niveau annähernd gleich geblieben, trotz abnehmender Belegrechte.

>> Quelle