Bericht 14-13

 

 

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Die, 05.02.2013, Stellungnahme des grünen Stadtteilsprechers
Daniel Gardemin antwortet: Findet eine Gentrifizierung statt?
siehe auch: Spezial: Gentrifizierung oder was?

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Nach dem ersten Beitrag wird ein Diskussionsforum eingerichtet.

Auf Nachfrage schickte Daniel Gardemin, Stadtteilgruppensprecher Linden-Limmer der Grünen,  der Redaktion folgenden Text. In diesem legt er seine Sicht zur Gentrifizierung in Linden-Limmer dar.

 

In der Diskussion ist für uns Grüne ein Punkt entscheidend: Findet Verdrängung statt oder nicht? In der Berwertung sind wir weitgehend auf Schilderungen und Beobachtungen angewiesen. Da ist die eine Seite: Mieter finden keine Wohnungen, Mieten steigen so stark an wie lange nicht, die Geschäfte wandeln sich, Häuser werden leergemietet und Wohnungen teuer saniert. Einkommensschwache Bevölkerungsteile stehen unter Druck und das Amt schickt Auszugsdrohungen an Wohngeldempfänger. Mit der Zunahme an Beispielen entsteht aber auch eine zunehmende Abwehr der Diskussion: Der Mietenanstieg ist eine nachholende Entwicklung, neue Geschäfte tun dem Stadtteil gut, Häusersanierungen verbessern die Substanz, Verlierer seien nicht zu erkennen.

Bei genauerer Betrachtung sehen wir, dass es sich bei der Auseinandersetzung um zwei Seiten einer Medaille handelt. Im Stadtteil passiert etwas, was aber unterschiedlich bewertet wird. Wir beobachten seit fünf bis zehn Jahren eine verstärkte Wohnraumsuche in Linden-Mitte und Linden-Nord, in jüngster Zeit auch Linden-Süd. Als Pull-Faktoren sehen wir die zentrale und attraktive Lage des Stadtteils, die identifikationsstiftende Siedlungsgeschichte, die Nähe zu Bildungseinrichtungen, den relativ unzerstörten Gründerzeitcharakter mit modernisierbaren Industrie- und Gewerbeflächen und die daraus entstehende verdichtete Lebensweise. Am Beginn der Entwicklung lagen zudem die Mieten unter dem Stadtdurchschnitt und Mietwohnungen wurden maklerfrei auf dem Wohnungsmarkt angeboten, was Zuzüge vereinfachte. Der Wohnungsleerstand ist nun in Linden-Nord mit 1,9 Prozent Leerstand auf ein historisches Tief deutlich unter den Stadtdurchschnitt gesunken. Gleichzeitig sind die Neuvermietungspreise nach über zehn Jahren Stagnation überdurchschnittlich angestiegen. Im Fahrwasser dieser Entwicklung bewegen sich auch die Bestandsmieten. Zu dieser Mikroentwicklung kommen zwei Makroentwicklungen. Viele Städte verzeichnen wieder Nettozuwächse und die Kapitalflucht in den Immobilienmarkt infolge der Bankenkrise entwickelt eine Spekulationsdynamik mit Umwandlungen in Eigentumswohnungen und auch neuem Leerstand. Beide Entwicklungen drücken zusätzlich auf die Quartiere, die sich bereits in einer Mietaufwärtsspirale befinden. Gleichzeitig leben in den angesagten Quartieren in den Bestandswohnungen in der Regel überdurchschnittlich viele Menschen, die Transferleitungen beziehen. In Linden-Süd sind es dreißig Prozent der Bevölkerung. Der Mietdruck führt dazu, dass Umzüge innerhalb der Quartiere oft nicht mehr möglich sind. Zudem fordern die Ämter bei Mieterhöhungen Wohnungsgeldempfänger verstärkt dazu auf, sich anderen Wohnraum zu suchen. In Linden werden derzeit über 400 Haushalte angehalten, sich günstigere Wohnungen zu suchen.

Das perfide an dem Prozess ist die Unumkehrbarkeit. Ein Merkmal von Gentrifizierung ist, dass der Ablauf irreversibel ist. Diejenigen, die nach Hainholz, Garbsen oder Mühlenberg ziehen müssen, kommen nicht wieder. Diesen Prozess in seiner vielfältigen Ausprägung zu messen, ist bislang noch keiner Kommune richtig und rechtzeitig gelungen. Denn Gentrifizierung ist eine vielschichtige These, deren Merkmale nicht wie mit einem Barometer messbar sind. Dennoch kann ein funktionierendes Monitoring Indizien aufspüren und kommunale Politik kann regulierend eingreifen. Mit der Auflage des Wohnbauförderprogramms hat die Stadt einen ersten Schritt getan und auch die kommunale Wohnungsgesellschaft GBH scheint infolge der Diskussion von Leermietungen und Verkäufen im Stadtteil abzurücken.

Daniel Gardemin
Stadtteilgruppensprecher Linden-Limmer
 

 

Letzte Änderung: 19.02.2013

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Der Stadtteilsprecher der Grünen,  Daniel Gardemin, bei einer Veranstaltung zum Ihmezentrum im Parteibüro in der Nieschlagstr. in Linden-Mitte.