Bericht 13-13

 

 

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Die, 05.02.2013, Stellungnahme
Kampagne Ahoi antwortet: Findet eine Gentrifizierung statt?
siehe auch: Spezial: Gentrifizierung oder was?

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Nach dem ersten Beitrag wird ein Diskussionsforum eingerichtet.

Auf Nachfrage schickte die Kampagne Ahoi der Redaktion folgenden Text, in dem sie ihre Sicht zur Gentrifizierung in Linden-Limmer darlegt.

 

Hallo,

mit der Präsentation von Rainer Grube haben sie ja bereits eine Sammlung aktueller Fallbeispiele vorliegen, die einen solchen Prozess zumindest nahelegen. Uns geht es nicht darum, die Liste der Fallbeispiele zu vervollständigen. Wenn Sie wirklich alle relevanten Argumente zusammentragen wollen, die für einen Gentrifizierungsprozess in Linden sprechen, müssen wir theoretisch ein wenig weiter ausholen.

Nach interner Diskussion haben wir uns entschieden, Ihnen dabei zu helfen, die relevanten Argumente zusammenzutragen, auch weil wir das Gefühl haben, dass sie sich mit unserer Analyse des Prozesses noch nicht ausreichend beschäftigt haben.

Dies setzt nämlich die Bereitschaft voraus, sich erst einmal kritisch mit dem Kapitalismus auseinanderzusetzen. Dafür empfiehlt sich z.B. die Sekundärliteratur von Heinrichs zur Kritik der politischen Ökonomie.

http://www.amazon.de/Kritik-politischen-%C3%96konomie-Eine-Einf%C3%BChrung/dp/3896575937/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1359863632&sr=8-1

Mit oder ohne Einführungslektüre sollten sie unbedingt folgenden Aufsatz lesen, wenn sie ungefähr nachvollziehen wollen, aus welcher Perspektive wir den Gentrifizierungsprozess in Linden betrachten. Er ist 1999 u.A. von dem Soziologen Robert Kurz verfasst und hat zunächst einmal nichts direkt mit Gentrifizierung zu tun. Ermöglicht aber ein weiterführendes Verständnis der kapitalistischen Krisengesellschaft, auch wenn wir als Gruppe nicht alle dort vertretenen Auffassungen teilen.
Für uns steht Gentrifizierung im direkten Zusammenhang mit der kapitalistischen Organisierung der Gesellschaft und deswegen lässt sich die Gentrifizierungsdebatte in Linden auch nicht von ihren grundlegenden Funktionsweisen abkoppeln. Die Stadt und wir kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen, weil sie ganz andere Ursachen ausmachen als wir und sie offenbar nicht in der Lage ist, die richtigen Indikatoren zu identifizieren. Der Zuzug einkommensstarker Haushalte im Rahmen von Sanierunsmaßnahmen  und der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnung ,also die nachfrageorientierten  Erklärungsansätze, greifen uns dabei zu kurz.

Doch nun erstmal zum Artikel:

http://www.krisis.org/1999/manifest-gegen-die-arbeit

Oder ausführlicher:
http://www.amazon.de/gro%C3%9Fe-Entwertung-finanzkapitalistischen-Krisenaufschub-Notstandsverwaltung/dp/3897714957

Insbesondere die Punkte 11. bis 13. veranschaulichen eine sinkende Rentabilität im  industriellen Produktionssektor, sodass das Kapital aufgrund immanenter Widersprüche auf Ausweichmöglichkeiten angewiesen ist.

Die massiven Investitionen in den Immobiliensektor sind Teil der Simulation der Arbeitsgesellschaft, deswegen finden Aufwertungsmaßnahmen innerstädtischer Quartiere auch nicht bedürfnis-, sondern verwertungsorientiert statt. Das der Immobiliensektor äußerst Attraktiv für diesen Simulationsmechanismus ist, unterstreicht nicht zuletzt das Platzen der Immobilienblase in den USA vor einigen Jahren.

Auch verschiedene Wissenschaftler_innen weisen darauf hin:

http://www.heise.de/tp/artikel/36/36988/1.html

Oder auch ausführlicher in: Hirsch, Joachim/ Roth, Roland (1986): Das neue Gesicht des Kapitalismus – Vom Fordismus zum Postfordismus, VSA- Verlag, Hamburg

Von diesem Standpunkt aus sollten unserer Meinung nach erst einmal stichhaltige Beweise gesucht werden die belegen, das Linden nicht von Gentrifizierung bedroht ist, und nicht umgekehrt.

Warum sollte ausgerechnet ein Stadtteil, der quasi alle Kriterien für Verdrängung erfüllt, im Kontext des zunehmenden Verwertungszwangs außerhalb der Realökonomie, davon verschont bleiben? Wenn Ernst Barkhoff ohne Argumente behauptet, Gentrifizierung sei vielleicht ein Problem in Hamburg oder Berlin, ist das völliger Blödsinn, weil es Gentrifizierung auch schon in kleineren Großstädten gegeben hat, wie in Leipzig oder Dresden.

http://jule.linxxnet.de/index.php/2012/06/eine-stadt-hat-eine-politische-aufgabe/

Die Stadt hat sich ja viel Mühe gegeben, dem Widerstand den Wind aus den Segeln zu nehmen. Anfang Februar veröffentlichte die HAZ einen Artikel unter der Überschrift „Stadt erkennt keine Gentrifizierung". Sie erinnern sich bestimmt. Anhand einer empirischen Erhebung „Wohnen in Hannover", die 2011 veröffentlicht wurde, versucht der städtische Fachbereich Stadtentwicklung die These der Gentrifizierung Lindens zu widerlegen.

Problematisch an der städtischen Auswertung dieser Daten ist, dass sie teilweise auf Indikatoren beruht, die zur „Messung" von Gentrifizierung de facto keine sind. So wird z.B. die Attraktivität von Stadtteilen für Hannoveraner_innen auf Wohnungssuche als Indikator herangezogen. Dabei erscheint Linden in der Tat relativ unattraktiv: List (9% der Suchenden), Südstadt (8%), Linden-Nord (lediglich 2%).  Abgesehen davon, dass in dieser Attraktivitätsstatistik ausschließlich die favorisierten Stadtteile von Hannoveraner_innen erfasst sind, ist die allgemeine Attraktivitätsverteilung ziemlich unerheblich, solange diese nicht in Relation zur Leerstandsquote der jeweiligen Stadtteile gesetzt wird. Bei der Leerstandsquote handelt es sich um Wohnungen, die seit mindestens 3 Monaten leer stehen. Eine geringe Leerstandsquote weist auf eine hohe Nachfrage hin. Diese kann sozial benachteiligten Gruppen zum Verhängnis werden, weil sie bei der Wohnungssuche mit anderen (sozial bevorzugten) Gruppen um den Wohnraum konkurrieren müssen.
Die Leerstandsquote liegt im städtischen Durchschnitt bei 2,9%, in Linden-Nord liegt sie mit 2,2% darunter, Linden-Mitte und Linden-Süd sollen sogar eine etwas überdurchschnittliche Leerstandsquote aufweisen.
Eine überdurchschnittliche Leerstandsquote wirkt in Linden-Mitte zunächst einmal verwunderlich, macht der Stadtteil augenscheinlich doch den Eindruck, auch aufgrund seiner Gewerbestruktur, als wäre der Gentrifizierungsprozess hier bisher am weitesten vorangeschritten. Wenn wir uns allerdings vergegenwärtigen, dass rein geografisch das Ihme-Zentrum Linden-Mitte zugerechnet wird, wo bekanntlich sehr viele Wohnungen leer stehen, wirkt die überdurchschnittliche Leerstandsquote Linden-Mittes weniger verwunderlich.

Des weiteren begründet die Stadt ihre These damit, dass die Bevölkerungsstruktur Lindens relativ stabil sei. So leben 25% der Menschen in Linden-Nord bereits länger als 20 Jahre in dem Viertel, ähnlich hoch seien die Zahlen für Linden-Mitte und Linden-Süd. Auch diese Erkenntnis ist für die These, dass Linden sich am Anfang eines Gentrifizierungsprozesses befindet, relativ unerheblich. Abgesehen davon, dass wir den Daten nichts über den sozialen Status dieser 25% entnehmen können.

Es folgt ein Vergleich der durchschnittlichen Kaltmieten pro qm² in Hannover: Der städtische Durchschnitt liegt bei 6,19 Euro je Quadratmeter.

Mieter_innen in Linden-Nord bezahlen im Schnitt ebenfalls diesen Preis, Linden-Mitte (auch hier darf das Ihme Zentrum nicht vergessen werden) und Linden-Süd liegen mit 6,12 Euro und 5,98 Euro etwas darunter. Hierbei handelt es sich ebenfalls um einen  ungültigen Indikator, um Gentrifizierung zu „messen". Entscheidend ist nämlich nicht, ob sich die Mietkosten über oder unterm städtischen Durchschnitt bewegen, sondern in welchem Verhältnis die Mietpreise eines Stadtteils zu den ökonomischen Ressourcen seiner Bewohner_innen stehen. Angesichts der höchsten Arbeitslosen- und Transferleistungsempfänger_innenquoten Linden-Limmers in ganz Hannover kann davon ausgegangen werden, dass Mieten auf Durchschnittsniveau für viele bereits eine unerträgliche Belastung darstellen.

An dieser Stelle endet die Argumentationslinie des städtischen Fachbereichs für Stadtentwicklung. Wie sie anhand dieser Daten zu dem Schluss kommen, dass in Linden kein sozialer Verdrängungsprozess stattfindet und auch nicht abzusehen ist, ist unseres Erachtens nur schwer nachvollziehbar. Nicht weiter verwunderlich, wenn einer der aussagekräftigsten Indikatoren des Datensatzes von der Stadt vernachlässigt werden: Seit 2007 haben sich die die Mietpreise im städtischen Durchschnitt um 6,7% erhöht, während sie in Linden-Nord um 9,7% und in Linden-Süd um 8,7% gestiegen sind. In Anbetracht dieser Zahlen sieht Sozialwissenschaftler Daniel Gardemin, dessen Meinung zu der Erhebung ebenfalls in dem Artikel eingeholt wird, „keine Entwarnung, sondern eher eine Bestätigung" für einen Gentrifizierungsprozess in Linden.

http://www.haz.de/Hannover/Aus-den-Stadtteilen/West/Stadt-erkennt-keine-Gentrifizierung

Auch die Daten im Anhang sprechen eine ähnliche Sprache.

Ein zusätzliches Risiko entsteht durch die kommende Herabsetzung der Mietzahlungen für Transferleistungsempfänger_innen.

Das von 7000 betroffenen in der Region Hannover (ca. 1 mio Menschen) 600 in Linden-Limmer wohnen ( ca. 42.000 Menschen) ist krass.

8,5 % aller Anschreiben bei einem Anteil an Bewohnenden von 4,2%. Kein Wunder dass die Stadt versucht Gentrifizierung zu leugnen, wenn sie selbst dazu beiträgt.

http://epaper01.niedersachsen.com/epaper/epaper2.html?zeitung=HSW&ekZeitung=&thuLinLi=1&sNum=2&code=
1216_HSW_VP1_03&book=VP1_HSW_1.Page&Y=
12&M=12&D=16

Neben der hohen Anzahl an Fallbeispielen sagte auch Stadtsoziologe Heiko Geiling bei der Veranstaltung der Grünen, dass Linden sich in der 2. Gentrifizierungsphase befindet. Uns sind keine Fälle bekannt, in der sich das von ihm skizzierte 4-Phasen-Modell nach Eintreten der 2. Phase von selbst wieder rückläufig entwickelt hat.

 

Anhang: Kommentierung der Marktbeobachtung 2011

 

Schönen Tag noch,
Kampagne Ahoi

kampagneahoi.wordpress.com

 

Letzte Änderung: 18.02.2013

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Veranstaltung der Grünen "Grüne: Gentrifizierung - jetzt auch in Linden?" am 30.11.2013. Vorne links auf dem Podium Florian Grajetzki, Kampagne Ahoi.

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Hausbesetzung in der Limmerstr. 98 am 05.06.2011

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Hausbesetzung in der Gartenallee am 11.11.2011

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Hausbesetzung im Ihme-Zentrum am 24.09.2013

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Freiraumdemo am 22.09.2012

Erklärung der Kampagne Ahoi zur Kritik an ihren Aktionsformen durch die CDU Hannover

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Unsere Mittel bestimmen wir!
 

14. Januar 2013
Stellungnahme zu der Pressemitteilung der CDU-Ratsfraktion vom 09.01.2013 http://www.cdu-hannover.de/pdfs/2013/pres02_01.pdf

Hausbesetzungen sind seit Jahrzehnten ein beliebtes und erfolgreiches Mittel der politischen Auseinandersetzung. Es ist für uns nicht hinnehmbar, dass sich ein CDU-Ratsherr anmaßt uns die Wahl unserer Aktionsformen vorschreiben zu wollen. Besetzungen sind nach wie vor legitim und werden daher von uns weiter dazu verwendet politische Probleme zu thematisieren. Wenn die CDU nach eigenem Bekunden nicht einmal erkennen kann, dass Menschen in Linden verdrängt werden, hat sie, im Gegensatz zu uns, den Bezug zu den Menschen vor Ort verloren, sofern sie ihn je hatte.

Für positive Veränderung in Linden – Für mehr Besetzungen und ein autonomes Stadtteilzentrum!