Bericht 05-13

 

 

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Mi, 02.01.2013, Neue Presse
Darf das sein? Lindens große Debatte
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NP Visitenkarte

Christoph Elbert betreibt mit seiner Partnerin Verena Schindler seit fünf Jahren das Restaurant 11 A am Küchengarten. Dieses hat sich mit seiner regionalen Bioküche bereits weit über die Grenzen des Stadtteils einen Namen gemacht. Derzeit lebt Elbert noch im Umland von Hannover. In diesem Jahr will er mit seiner Partnerin jedoch nach Linden ziehen.

GENERVT: Christoph Elbert warnt davor, dass sich die Lindener zu sehr abkapseln könnten.

>> 11A-Chef hat kein Verständnis für die Attacke auf Biomarkt

>> Er findet, dass sich Linden den Marktgesetzen stellen muss

 

Hannover. Christoph Elbert ist genervt. Immer wieder taucht in Linden der Vorwurf auf, dass sich gutbetuchte Bürger in den Stadtteil einkaufen und die alt-eingesessenen Bürger vertreiben – „Gentrifizierung" nennt sich das. Auch Elbert, der vor fünf Jahren mit seiner Partnerin Verena Schindler das hochwertige Restaurant 11 A am Küchengarten aufgemacht hat, musste sich solche Vorwürfe gefallen lassen.

Veränderung ist wichtig. Der Stadtteil mieft sich sonst kaputt.
11A-Restaurantchef Christoph Elbert findet, dass sich auch Linden den Gesetzen des Marktes stellen muss.

 

Es habe Boykottaufrufe und immer wieder Kritik gegeben, dass das Essen zu teuer oder die Portionen zu klein seien. Dennoch brummt der Laden. Das Konzept, vor allem auf regionale Bioprodukte zu setzen, kommt an. „Wir tauen nicht nur Fisch auf und machen da ein bisschen Knoblauch dran. Hinter Erfolg muss auch eine Leistung stecken", sagt Elbert. Er ist davon überzeugt, dass sich auch Linden den Gesetzen des Marktes stellen muss. „Veränderung ist wichtig. Der Stadtteil mieft sich sonst kaputt", so der 11A-Chef.

Er habe den Eindruck, dass eine selbsterklärte Avantgarde in Linden nicht wolle, dass sich der Stadtteil verändere. „Die würden am liebsten eine Mauer ziehen, damit niemand raus und niemand rein kann", so Elbert, der kein Verständnis für die Farbbeutelattacke auf den neuen Denn's-Biomarkt an der Limmerstraße hat. Der wird in Kürze eröffnen – dort, wo es bislang mehrere kleinere Geschäfte gab, die für Denn's weichen mussten. „Es ist Blödsinn, Farbbeutel zu werfen", sagt Elbert. Wenn der Farbbeutelwerfer wenig später einen gut bezahlten Job bei Denn's angeboten bekäme, würde dieser die Sache möglicherweise schnell ganz anders sehen. „Wir selbst haben in unserem Restaurant mittlerweile 20 Vollzeitarbeitsplätze geschaffen. Der Großteil davon ging an Leute aus Linden. Ich zwinge keinen, hier zu arbeiten", betont Elbert.

 

Die würden am liebsten eine Mauer um Linden ziehen, damit niemand raus und niemand rein kann.
Elbert sieht in Linden eine selbsternannte Avantgarde, die keine Veränderungen im Stadtteil wolle.

Dennoch: Der 11A-Wirt hat auch Verständnis für die Ängste vieler Lindener. „Gentrifizierung findet statt. Natürlich wollen Unternehmen vom Aufschwung eines Stadtteils profitieren. Das ist einfach so", sagt Elbert. Das Problem sei, dass es in Hannover keinen anderen Kiez gebe, wohin man ausweichen könne.

Elbert selbst lebt mit seiner Partnerin derzeit im Umland, will aber noch 2013 eine Wohnung in der ehemaligen Polizeiinspektion West in der Gartenallee beziehen, die im November 2011 von Gentrifizierungsgegnern besetzt worden war. „Dass dort Wohnungen entstehen, hat mit Gentrifizierung wirklich gar nichts zu tun. Schließlich wird dort niemand vertrieben", sagt Elbert.

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SOLL BALD ERÖFFNEN: Die neue Filiale des Denn's-Biomarktes an der Limmerstraße. In der vergangenen Woche beschmierten Unbekannte die Filiale mit Farbe und Schriftzügen. Auch die Klebestreifen mit der Aufschrift „Zusammenhalten" sind wohl als Protest gegen den neuen Markt zu verstehen. Fotos: May

Verdrängen wohlhabende Bürger und große Unternehmen die ansässige Bevölkerung und kleinere Geschäfte? Einige Lindener sehen das so und wehren sich dagegen. Gentrifizierung ist aus ihrer Sicht ein echtes Problem für den Stadtteil. Deshalb haben Unbekannte wohl auch in der vergangenen Woche Farbbeutel auf den neuen Denn's-Biomarkt an der Limmerstraße geworfen, deshalb hatte es zuvor schon Hausbesetzungen und Steinwürfe auf eine neue Eisdiele gegeben. Darf das sein? NP-Redakteur Christian Bohnenkamp sprach mit zwei Menschen, die das ganz unterschiedlich sehen.

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NP Visitenkarte

Bekannt wurde Christof Stein-Schneider als Gitarrist der Band Fury in the Slaughterhouse. Im Jahr 2008 hat sich diese aufgelöst. Heute tritt Stein-Schneider vor allem mit der Band Wohnraumhelden auf. Mit dieser hat der Musiker Linden sogar das Mini-Album „Ein Herz für Linden" gewidmet.

SORGT SICH UM LINDEN: Christof Stein-Schneider hat Angst, dass der Stadtteil die gleiche Entwicklung wie die List nimmt.

>> Stein-Schneider versteht Attacke

>> Stadtteil muss Kiezflair bewahren

>> Sonst wird Linden wie die List

 

Hannover. Sein Herz schlägt für Linden. So sehr, dass er dem Stadtteil mit seiner Band Wohn-raumhelden sogar schon ein Mini -Album gewidmet hat. Und genau deshalb ist Christof Stein-Schneider wohl auch so in Sorge um Hannovers Szene-Bezirk. Für den früheren Fury-in-the-Slaughterhouse-Gitarristen ist „Gentrifizierung" alles andere als ein abstrakter Begriff, sondern ein reales Problem im Stadtteil.

2013.01.02_Christof Stein-Schneider1Stein-Schneider hat deshalb Verständnis für die Farbbeutelattacke auf den neuen Denn's-Biomarkt an der Limmerstraße. „Es ist doch kein Wunder, dass die Leute aggressiv werden, wenn man ihnen das Revier wegnimmt. Da sind wir schließlich einfach Säugetiere", sagt der Musiker.

Ohnehin handele es sich bei Denn's nur um „Monopolkapitalisten im grünen Mäntelchen". Stein-Schneider kritisiert, dass es an Stelle mehrerer kleiner Geschäfte, die für den Biomarkt verschwinden mussten, jetzt nur noch eine langweilige Fassade gebe. „Kriegsgewinnler" seien Unternehmen wie Denn's. Kleinere Läden könnten unter diesen Bedingungen nicht überleben. „Das hat mit fairem Wettbewerb nichts zu tun", bemängelt Stein-Schneider.

„Überall im Stadtteil" gebe es solche Veränderungen. „Plötzlich gibt es immer öfter Mietpreise von 12 und 13 Euro pro Quadratmeter. Man muss nur die Augen aufmachen, dann begegnet einem das an jeder Ecke", sagt Stein-Schneider.

2013.01.02_Christof Stein-Schneider2Er ist davon überzeugt, dass das alles andere als gut für Linden ist. „Reichtum ist nicht kreativ. Das hat nichts mehr mit Kiez-flair zu tun", so der Gitarrist, der fürchtet, dass sich Linden so wie die List entwickeln könnte: „Vor 20 Jahren war die List ein wilder Stadtteil. Jetzt ist es die pure Langeweile.

"Allerdings hat Stein-Schneider wenig Hoffnung, dass sich diese Entwicklung noch stoppen lässt: „Geld hat recht. So ist das leider im Kapitalismus. Wir sind aber am Überlegen, was man machen kann." Von Demonstrationen hält der Musiker nicht viel: „Das bringt nur Ärger." Stattdessen müsse es Aktionen geben, „die Spaß machen und kreativ sind".

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Neuen Presse.

 

Autor: Christian Bohnenkamp
Letzte Aktualisierung: 20.01.2013