Bericht 31-12

 

 

© Copyright    Die Inhalte angeführter Links und Quellen werden von diesen selbst verantwortet.

Mo.,11.06.2012, Linden-Süd
Warum Rumänien in Linden liegt ...

Beitrag kommentieren
Nach dem ersten Beitrag wird ein Diskussionsforum eingerichtet.

Horst Deuker wurde 1931 in der Göttinger Straße 56 geboren und die Geschichte seiner Heimat interessiert ihn brennend. Die Initiative „Lebensraum Linden" veranstaltete am 11. Juni ein Erzählcafé, bei dem Horst Deuker von seinen Recherchen zur Göttinger Straße berichtete. Zu Beginn der Veranstaltung lud Herr Deuker die Gäste zu einem virtuellen Spaziergang in die Göttinger Straße ein. Zu jedem Haus gab es viel zu erzählen, teils aus den 180 Seiten, die Herr Deuker in den letzten Jahren zur Göttinger Straße detektivisch zusammengetragen hat, teils aus den Erinnerungen der zirka 30 TeilnehmerInnen, von denen viele ihr Leben lang in der Göttinger Straße wohnen. Es ist erstaunlich wie viele Läden es an der Straße gegeben hat, jeder wusste über die florierende Geschäftswelt zu berichten, die Familie Deuker betrieb selbst einen Blumenladen in der Straße.
Die Großeltern von Horst Deuker wohnten in der Arbeitersiedlung „Klein Rümänien". Die Häuser wurden 1937abgerissen, als die sogenannte U-Boothalle gebaut wurde. Die Anwohner der Göttinger Straße gucken noch immer auf den Klotz, Horst Deuker hat die Geschichte des Areals aufgeschrieben:
„Mit der Planung von „Klein Rumänien" beauftragte Henry Strousberg den hannoverschen Architekten, Bauunternehmer und nationalliberalen Politiker Ferdinand Wallbrecht. Ihm zur Seite stand der Architekt Georg(e) Hägemann. Im März 1869 wurde das Projekt gestartet. Es sollte seinerzeit die größte deutsche Arbeitersiedlung werden. In baulicher Hinsicht wurde ein Häusertyp zwischen einem englischen Cottage und einem Logierhaus angestrebt. In den meisten Fällen war es zweigeschossig. Im Parterre wohnte der Hauptmieter, wobei in der Regel altgediente Arbeiter der Stammbelegschaft bevorzugt wurden. Das Haus hatte auf beiden Etagen eine Wohnfläche von 66 m². Unten bestand es aus einer Stube, einer Kammer und einer Küche. Im oberen Stockwerk befanden sich drei bis vier weitere Kammern. Darunter lagen die Kellerräume, und auch ein Teil der Bodenfläche war nutzbar. Die Toilette befand sich im Gartenhof. Letzterer umfasste eine Parzelle von 50 m² für den Anbau von Gemüse und evtl. auch Kleintierhaltung zur Selbstversorgung. In verschiedenen Ortsbeschreibungen ist auch davon die Rede, dass es in „Klein Rumänien" ein Schlachthaus mit Räucherkammer gegeben haben soll. Dazu habe ich allerdings nirgends eine Bestätigung gefunden und auch aus der persönlichen Ortskenntnis ist mir das nicht in Erinnerung. In den Plänen für den endgültigen Ausbau der Siedlung waren noch einige Zusatzbauten für die kommenden Jahre vorgesehen: Der Bau einer Badeanstalt, eines Waschhauses und eines Leichenhauses. Darüber hinaus sollte es auch eine fabrikeigene Pensionskasse geben. Davon wurde aber nichts verwirklicht.
Insgesamt wurden 144 Häuser mit 228 Wohnungen geplant. Die Miete betrug pro Jahr 55 Taler (bei einem Jahresverdienst von ca. 300 Talern) mit der Verpflichtung, mindestens zwei, höchstens aber sieben Schlaf- und Kostgänger aufzunehmen. Bei einer Vollvermietung, so war es seitens der Firmenleitung kalkuliert, konnte der Hauptmieter kostenfrei wohnen. Anfangs gab es einige Planungsfehler. So mussten zum Beispiel die Obermieter beim Toilettengang durch die unten liegenden Kammern des Hauptmieters gehen. Die Fehler wurden später eingedämmt, aber nicht vollständig behoben. Es war auch von Anfang an absehbar, dass es neben einer sehr hohen Wohnungsdichte eine große Fluktuation geben würde.
Die Wohneinheiten lassen auf eine planungsmäßige Gesamtbelegung in der Siedlung von bis zu 2.000 Personen schließen. De facto lag sie aber allzu oft viel höher. Vermietet wurde ausschließlich an Mitarbeiter der Strousberg'schen Betriebe. Wenn jemand - egal aus welchen Gründen - seine dortige Arbeit verlor, musste er unverzüglich seine Wohnung räumen.
Das Zusammenleben in der Siedlung „Klein Rumänien" war trotz der harten Arbeitsbedingungen, der eng begrenzten finanziellen Möglichkeiten und der großen Fluktuation der Bewohner recht harmonisch. Man traf sich nach einem langen Elf-Stunden-Arbeitstag und hatte besonderen Spaß am Rugbyspiel - sicherlich eine Folgeerscheinung der englischen Gastarbeiter, die diesen Sport von ihrer Insel mitgebracht hatten. Das Fußballspielen gewann bis auf wenige Ausnahmen erst später an Bedeutung. Es formierte sich langsam eine Gemeinschaft, die im Zuge der allgemeinen Gründungswelle von Vereinen daran dachte, sich sportlich zu organisieren. Ein Verein musste also her. So wurde dann in der gegenüber liegenden Gastwirtschaft von Waldemar Zloch (Göttinger Straße Nr. 47) im Oktober 1903 der ‚Lindener Sportverein Alexandria von 1903 gegründet."

Durch die Veranstaltung führte Herr Jürging von der Initiative Lebensraum Linden.

Horst Deuker hat diese Aufzeichnungen im Internet veröffentlicht.

So klickt man sich an die Texte von Herrn Deuker
www.Lebensraum-Linden.de
STATIONEN
Wohnen und arbeiten
Klein Rümänien Teil I und II

 

Text/Fotos: Evi Schaefer
Letzte Änderung: 24.06.2012

2012.06.11_012_hLL_1

Horst Deuker, links im Bild, zeigt, was er von der Göttinger Straße zusammengetragen hat.

2012.06.13_Klein_Rumaenien_hammerstrasse_histmus_l_1_1

Die Hammerstraße in "Klein Rumänien" mit Blickrichtung nach Norden. Quelle: Historisches Museum Hannover

2012.06.11_004_hLL_1

Bei einem Käffchen werden gemeinsame Erinnerungen an die Göttinger Straße aufgefrischt

2012.06.01_IMG_5448_1_1

Heide und Horst Deuker vor ihrem Blumengeschäft in der Göttinger Straße in den 60er Jahren.

2012.06.11_Goettinger_Strasse_2009_1

Die Göttinger Straße 2009

2012.06.13_Hanomag_Goettinger_Strasse_1_1

Es Ist zu einem Zeitpunkt aufgenommen worden, den man wohl nur wenige Wochen
zur Verfügung hatte. Die große Baustelle im Vordergrund zeigt, dass die Arbeiterstadt, die im Volksmund "Klein - Rumänien" hieß, 1937 bereits abgerissen wurde.
Der Raum war von den Nationalsozialisten für eine Erwelterung des Rüstungsbetriebes HANOMAG vorgesehen. Eine große Halle vom Ausmaß 109 x 184 m sollte als sogenannte U-Boot-Halle einen Zweck erfüllen, der nie erfüllt werden konnte. Bel Ihrer Fertilgstellung 1941 war die Produktion von U-Booten längst nach Wilhelmshaven verlegt worden. Man sieht in der linken BIldhälfte die großen viereckigen Bodengruben für die Fundamente der riesigen Halle.
Die Göttinger Straße aber ist fast bis zur Wesselstraße einzusehen. Am rechten BIldrand die Hausnr. 46, daneben im rechten Teil des Hauses 47. die Gaststätte Zloch, wo einmal der LSV Alexandria 1903 gegründet wurde. Quelle: Archiv der Hanomag IG e.V.

2012.06.11_Goettinger_Strasse_1980_1

Göttinger Straße 1980