Bericht 11-12

 

 

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Do, 23.02.2012, Galerie Hellblick in Linden-Süd
Lindener Gespräche: "Wird Linden-Limmer von Heuschrecken erorbert?"
www.galerie-hellblick.de

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Ein Diskussionsfaden wurde eingerichtet.

Gleich zu Beginn betonte der Veranstalter Peter Holik den vertrauensvollen Charakter der kommenden Diskussion. Vereinfacht gesagt, sollte jeder frei sein zu reden, ohne das  befürchtet werden müsse dadurch in ein schiefes Licht gesetzt zu werden.

Diese einleitenden Worte empfand der Berichterstatter als für Linden erstaunlich mutig. Aus eigener Beobachtung kann gesagt werden, dass es gerade in diesem Stadtbezirk eine gewisse Neigung zur Konformität gibt. Äußerungen wie "Das darf ich gar nicht laut sagen" sind immer wieder zu hören, obwohl sich dann dahinter überhaupt keine extremen Ansichten verbergen. Auf die kommende Diskussion durfte man also zu recht gespannt sein.

In ihren Statements zu Beginn legten die Vertreter der Parteien ihre Sichtweise zur Gentrifizierung dar.

Ingrid Wadepohl (SPD) sieht keine schlimme Gentrifizierung. Ihr mache das Ihmezentrum Sorgen.

Dirk Machentanz (Die Linke) befürchtet Mietsteigerungen, die zur Verdrängung Ärmerer führen.

Olaf Zielke (Grüne) hält die Entwicklung Lindens in alle Richtungen für offen. "Wenn man Anzeichen für Gentrifizierung suchen will, so wird man sie finden." Eine allgemeine Entwicklung zur Gentrifizierung sähe er nicht.

 "Werden Arme vertrieben?" hieß dann die weitere Frage des Moderators. Damit wurde ein energisch vorgetragener Beitrag aus dem Publikum angeregt.

Wohlhabende sollten hierher ziehen - nichts gegen Ferrari und Porsche in Linden. Die Hausbesetzung war eine Farce. Ärmere sind ein anderes Thema. Wir sind Millionäre im Weltmaßstab. Uns hier arm zu nennen ist skandalös. Über Mindestlohn und relative Armut sollte man allerdings debattieren.

Das saß. Im Folgenden entwickelte sich die Diskussion dann in eine für den Berichterstatter unerwartete Richtung. Nachdem ein Teilnehmer vorschlug in Linden-Süd mehr Sozialwohnungen zu bauen, kam deutlicher Widerspruch. Ein im Stadtteil erfahrener Sozialarbeiter kritisierte die Vorstellungswelt, die dahinter stünde. Als wenn es um ein Feindbild gegen die Gutverdienenden ginge, wurde kritisiert. Das sei eine "Luxusdiskussion": Auf die soziale Durchmischung komme es an.

Im Gegenteil müsse man sich eine Gentrifizierung in Linden-Süd wünschen.  Es sei gut, dass bei Hanomag entsprechende Wohnungen (Lofts) gebaut würden. Die Gutverdienenden sollen kommen und ihre Kinder in die Egestorffschule schicken.

Es wurde auch festgestellt, dass in den letzten Jahren viele neue Wohnungen entstanden sind, wo bisher keine waren. Dadurch wäre also keine Verdrängung entstanden. Beispiele dafür sind das Gilde Carré, Reihenhäuser an der Deisterstraße und viele weitere vergangene und laufende Projekte.

Da die weitere Entwicklung offen sei und eine Gentrifizierung nicht ausgeschlossen werden kann, wurde dazu ein vorbeugendes Projekt vorgestellt: "Wir kaufen Linden selbst".

10-20.000 € pro Person sollten investiert werden, um dann als Eigentümergemeinschaft Häuser zu kaufen und die Wohnungen zu angemessenen Preisen zu vermieten. Dadurch könne einer Verdrängung engegnet werden, so die Initiatoren. Informationen dazu gibt es bei Olaf Zielke (olafzielke@web.de).

Der Moderator Frank Pharao stellte abschließend die Frage, ob denn nun Ärmere aus Linden verdrängt würden. Ohne Widerspruch stand dann die Feststellung im Raum, dass es keine diesbezügliche Verdrängung gebe.

In den Statements der Parteienvertreter am Schluss spiegelte sich auch der Diskussionsverlauf wider.

Olaf Zielke (Grüne) forderte auf wachsam zu sein damit keine Gentrifizierung kommen kann. Dazu solle man im Gespräch bleiben und  die soziale Mischung sei dabei wichtig.

Dirk Machentanz (Die Linke) sieht es auch so. 10-20% bezahlbarer Wohnraum sollten allerdings eingeplant werden. Die Hanomagleute sollten herziehen und ihre Kinder auf die Egestorffschule schicken.

Ingrid Wadepohl (SPD) sieht ebenfalls keine Gentrifizierung und empfindet die Diskussion als wohltuend. HartzIV sei ein Problem, aber nicht lokal zu lösen.

Dieser Abend hat die Bezeichnung "Lindener Gespräch" verdient. Es wurde auch bei stark abweichenden Meinungen fair und respektvoll diskutiert. Der Berichterstatter hofft mit diesem Bericht ebenfalls möglichst fair und objektiv den Veranstaltungsverlauf wiedergegeben zu haben.

 

 

Text/Fotos: Klaus Öllerer
Letzte Aktualisierung: 03.03.2012

 

 

Nachtrag:

In der Diskussion tauchte auch das Argument der demografischen Entwicklung auf, was evtl. zukünftig zur Entspannung auf dem Wohnungsmarkt beitragen könnte. Mehrere Redner meinten, dass dieses auf Städte wie Hannover eher nicht zutreffen würde.

Als Anregung für die weitere Diskussion stehen hier nun die jüngsten Zahlen zur Einwohnerentwicklung in Linden-Limmer vom Bereich für Wahlen und Statistik in Hannover.

Im Stadtbezirk Linden-Limmer haben die Einwohnerzahlen deutlich abgenommen. Am stärksten war der Einwohnerverlust in Linden-Nord: Zweitausend oder 11 % weniger Einwohner in 14 Jahren. Oder anders ausgedrückt: etwa 1% Einwohnerverlust pro Jahr. Tendenz ungebrochen.

 

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V.l.n.r.: Frank Pharao (Moderator), Ingrid Wadepohl (stellv. Vorsitzende der SPD-Bezirksratsfraktion in Linden-Limmer), Dirk Machentanz (Fraktionsvorsitzender Die Linke, Bezirksrat Linden-Limmer) und Olaf Zielke (Bündnis 90/Die Grünen, Bezirksrat Linden-Limmer)

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Überwiegend im Stadtteil stark engagierte Teilnehmer waren erschienen.

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Fast 2.000 weniger Bewohner in 14 Jahren in Linden-Nord.

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Ungefähr 3000 weniger Bewohner als noch 1998 in Linden-Limmer

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Steigende Tendenz seit 2006 in Linden-Mitte.

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Fast 500 weniger Bewohner in 14 Jahren in Linden-Süd.

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Auf und Ab in Limmer.