Bericht 07-12

 

 

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So, 19.02.2012, Linden
Linden-Nord: Aufstieg oder Abstieg?
Faktencheck Gentrifizierung - Welcher Bevölkerungsmix ist der beste? - Versuch einer Einordnung

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Linden-Nord vom Ihmezentrum aus gesehen.

Über Linden-Nord scheiden sich die Geister. Spricht man mit den Menschen dort, dann gibt es unterschiedliche Sichtweisen.  Für die einen werden die sozial Schwächeren von hohen Mieten und dem Zuzug Gutverdienender bedroht (Schlagwort: Gentrifizierung). Als Beleg dafür werden die Sanierung des Hinterhauses der Limmerstraße 56 und weitere Beispiele genannt. Für die anderen ist es gerade das auffällige Verhalten einiger Problemgruppen, die das Leben im Stadtteil unattraktiver machen, sowie der allgegenwärtige Müll auf der Limmerstraße.

Manchmal ist zu hören, dass Lindener ungern über Teile der Limmerstraße gehen, weil sie beispielsweise eine bestimmte Szene vor REWE dort als sehr unangenehm empfinden. Die zugenommenen nächtlichen Ruhestörungen von Veranstaltungsgästen verschlechtern das Wohngefühl.  Auch vom Wegziehen in andere Stadtteile ist in dem Zusammenhang zu hören. Verdrängung hat offensichtlich viele Facetten.

Bevölkerungsmix

Die Frage nach einem wünschenswerten Mix in der Einwohnerstruktur ist bei der Auseinandersetzung um das Thema Gentrifizierung immer präsent. Es gäbe zu viele Gutverdienende lautet die oft unausgesprochene Antwort. Denn diese würden durch die Aufwertung ihres Wohnumfeldes die Verdrängung fördern.
Doch welcher Bevölkerungsmix ist wünschenswert?

Das, was die meisten Menschen an Linden-Nord lieben, ist gerade ein breiter Mix, das Multikulti, die Toleranz und dass im Großen und Ganzen alles ganz gut funktioniert. Es wirkt sehr lebendig und engagiert zwischen der Fössestraße und der Leine, wo 16.000 Menschen leben.

In anderen Stadtteilen Hannovers wird kritisiert, dass Linden viele Geldmittel auf sich ziehen würde, um seiner sozialen Struktur gerecht zu werden. Linden sei also ein Nehmerstadtteil, während andere dafür zahlen müssen. Auch das hat mit dem Bevölkerungsmix zu tun.

Gentrifizierung?

Im letzten Jahr ist eine Kampagne gegen die Gentrifizierung in Linden-Nord entstanden. Es hat Hausbesetzungen und verschiedene Veranstaltungen gegeben. Die Stadtverwaltung und auch Stimmen aus der alten Sanierungsbewegung widersprechen jedoch. Es gebe keine Gentrifizierung in Linden.

Die Miete bei Neuvermietung nach Inseraten in der Zeitung beträgt jetzt in Linden-Nord 6,19 € und das ist Stadtdurchschnitt. Die Mietentwicklung in Linden lässt keinen dramatischen Anstieg erkennen. Der Preisanstieg ist etwas höher als die allgemeine Inflationsrate.

In der Öffentlichkeit werden jedoch manchmal andere, viel höhere Zahlen genannt. So sollen hier die Mieten „dreimal so viel wie im Stadtdurchschnitt" steigen, schrieb eine große hannoversche Zeitung.

Dagegen steht die Information aus der Stadtverwaltung, dass zwischen 2007 und 2011 die Miete in der Stadt um 0,39 €/m2 und in Linden-Nord um 0,54 €/m2 bei Neuvermietungen gestiegen sind. Das sind nicht dreimal so viel, sondern nur das 1,3-fache. Auch, wenn sich die Meinungen dazu vielleicht unterscheiden, dürfte das kaum als dramatisch bezeichnet werden können. Durch solche und auch andere Beispiele ist inzwischen bei nicht wenigen Beobachtern der Eindruck entstanden, dass hier etwas – versehentlich oder absichtlich - übertrieben wird. Es gibt noch andere Hinweise, dass die Kampagne gegen die Gentrifizierung einige Grenzen überschritten haben könnte. So wurde ein Selbstmord zweckdienlich verwendet und den Neubesitzern der Limmerstraße 56 angelastet. Wir berichteten darüber. Auch die von vielen Aktiven unterstützte Besetzung der Limmerstraße 98 traf keinen „Immobilienhai", sondern einen einfachen Menschen, der für seine Familie dort ein neues Heim schaffen wollte. Für ihn und seine Familie war die Besetzung sehr belastend. Dagegen wurde den Besetzern noch im November für die Besetzung gedankt. Das geschah auf einer Veranstaltung der Grünen durch den Veranstaltungsleiter.

Beliebtes Linden?

Bei Teilen der Hannoveraner gilt Linden inzwischen als „angesagter" Stadtteil und manche ziehen gerne hierher. Auch Studenten bleiben nach dem Studium an der nahegelegenen Universität hier und kaufen Eigentumswohnungen, renovieren und heben damit den Wohnwert. Dadurch könnte auch die leicht erhöhte Mietsteigerung bei Neuvermietungen erklärbar sein.

Andererseits ist Linden-Nord weit davon entfernt für die Masse der Hannoveraner ein attraktiver Stadtteil zu sein. Eher im Gegenteil.

So landet Linden-Nord bei einer Umfrage nach den beliebtesten Stadtteilen in Hannover nur auf dem 17. Platz. Zusammen mit Linden-Mitte (13. Platz) ergäbe sich bei dieser Umfrage dann allerdings ein 6. Platz für Linden, was dann nicht mehr so dramatisch klingt. Die „konkurrierenden" Stadtteile List und  Südstadt stehen dabei ganz vorne.

Bundesweit und aufgrund des demografischen Wandels berichteten in der letzten Zeit einige Medien von zunehmenden Problemen Mieter für Wohnungen zu finden. Weiter gedacht könnte das in Zukunft vielleicht das eigentliche Problem werden.

 

Text/Fotos: Klaus Öllerer
Letzte Aktualisierung: 19.02.2012

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Wegelagerung in der Limmerstraße (2011).

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Trotz fast täglicher Säuberung: die Limmerstraße ist meistens schmuddelig.

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Hausbesetzung Limmerstraße 98 im Juni 2011.

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Schöne Limmerstraße: Straßenfest am 10.09.2011