Bericht 54-10

 

© Copyright    Die Inhalte angeführter Links und Quellen werden von diesen selbst verantwortet.

So.,17.10.2010, Albert-Schweitzer-Schule
Islamunterricht

Beiträge lesen und kommentieren
Ein Diskussionsfaden ist eingerichtet.

Die muslimischen Drittklässler der Albert-Schweitzer-Schule sind am Fastenmonat Ramadan sehr interessiert. Wann immer die Lehrerin Tünay Aygün Fragen stellt, schnellen viele Arme zum Antworten in die Höhe.

In dieser Stunde ist die Bedeutung von Sonne und Mond das beherrschende Thema.

Auf einem Blatt Papier sollen die Kinder aufschreiben, welcher Himmelskörper welche Bedeutung hat. Einige schaffen das.
Tünay Aygün erklärt nun, dass die Sonne für die Fastenzeit von Aufgang bis Untergang steht und der Mond für den Fastenmonat von 29-30 Tagen. An einer Wand kann gelesen werden, was Fasten bedeutet: kein Essen, Rauchen, Trinken, Beschimpfen und Schlagen. Für Kinder, Reisende, sehr alte Menschen, Kranke und Schwangere gelten Ausnahmen beim Fasten.

Auf der Tafel sind die Phasen von Sonne und Mond aufgezeichnet und veranschaulichen die Zusammenhänge.

Das tägliche Fasten gilt von Sonnenaufgang bis zum Untergang. Der ganze Ramadan dauert von der zunehmenden bis zur abnehmenden Mondsichel einen Monat lang.

Der Unterricht läuft im Dialog zwischen Lehrerin und Schülern ab. Das Lernklima wirkt entspannt. Statt auf stures Auswendiglernen setzt der Unterricht auf Erklären, Verstehen und Wiederholen.

Tünay Aygün hat die Schüler ständig im Blick und sorgt dafür, dass alle sich beteiligen. Das Verhältnis ist herzlich, auch wenn hier und da mal eine Ermahnung wegen nachlassender Konzentration erfolgt.

Und zum Schluss werden die Schüler einzeln mit Handschlag verabschiedet.

2010.09.22_IMG_8658_1_1

Irem (oben links) Eda (oben rechts) Aleyna (unten links) und Selina (unten rechts) schreiben und malen das Gelernte.

2010.09.22_IMG_8682_1_1

Lernziel Ramadan: Tünay Aygün erklärt die Bedeutung von Sonne und Mond im Fastenmonat Ramadan. Der Unterricht findet komplett in Deutsch statt.

2010.09.22_IMG_8642_1

Die 99 Namen für Allah können hier gelesen werden.

Der lange Weg in die Demokratie

Über die Integration von Religionen - früher das Christentum und heute der Islam

 

Alle großen Religionen sind in vordemokratischen Zeiten entstanden. Um in der Demokratie anzukommen, hat beispielsweise das Christentum dramatische Veränderungen durchmachen müssen. Heute gehören die Selbstbestimmung des Einzelnen und dessen Grundrechte wie Glaubensfreiheit und das Recht auf Kritik am Glauben zu den anerkannten Selbstverständlichkeiten. Gerade die Beschränkung auf das Religiöse und die Trennung von der weltlichen Macht war dabei eines der schwierigsten Kapitel. In der Schweiz wurde beispielsweise der katholische Jesuitenorden wegen Einmischung in Belange der weltlichen Macht 1848 verboten und erst 1973 wieder zugelassen. Religion ist in der Demokratie etwas Privates, was jeder für sich selbst bestimmen kann.
Der Islam ist in den letzten Jahrzehnten in den europäischen Demokratien präsent geworden. Gegenwärtig laufen auch bei uns die Bemühungen  ihn in die Demokratie zu integrieren. Das ist nicht einfach. Hat es beim Christentum Jahrzehnte und Jahrhunderte gebraucht, so muss dieses beim Islam in wesentlich geringerer Zeit bewerkstelligt werden. Der Islam ist aus Ländern zu uns gekommen, die selbst keine oder nur eingeschränkte Demokratien sind. Saudi Arabien, das Stammland des Islam, ist ein Gottesstaat, der selbst die Mitnahme von Bibeln bei der Einreise verweigert.
Demgegenüber präsentiert sich der Islam   bei uns heute in verschiedenen Interpretationen. Viele Muslime verbinden ihren Glauben mit demokratischen Werten, wie es auch die meisten Christen tun.
Der nationale Integrationsplan der Bundesregierung erwartet auch „von allen Menschen in diesem Land ein klares Bekenntnis zum Grundgesetz ... sowie die Akzeptanz der ... Grundrechte und Grundwerte, insbesondere Demokratie, Rechtsstaat, die Wahrung der Menschenwürde, Selbstbestimmung und die Gleichberechtigung von Frau und Mann."
Bei der letzten Islamkonferenz der Bundesregierung war es nicht möglich zu einem gemeinsamen Bekenntnis zur freiheitlich demokratischen Grundordnung zu kommen und u.a. der Offenlegung der Einnahmen zuzustimmen. Wobei anzumerken ist, dass die teilnehmenden  Islamverbände nur ca. 20% der Muslime vertreten. Demgegenüber gehören 80 % der Muslime in Deutschland keiner Organisation oder Moschee an.
Immer wieder haben Muslime, die ihren Glauben wechseln und beispielsweise Christen werden, massive Probleme bis hin zu Todesdrohungen.
Auch in Hannover und Linden gibt es Kritisches zu bemerken. So ist es hier in politischen Kreisen bekannt, dass Mädchen ohne Kopftuch im öffentlichen Raum schon mal gemobbt werden oder Broschüren ausgelegt werden mit Frauen diskriminierenden Texten. Bei einer Veranstaltung zum Thema „Islam und Menschenrechte" im Haus der Religionen vertrat der islamische Referent die Ansicht von der notwendigen Bevormundung der Frau - anstatt für die Gleichberechtigung zu sein. Derartiges sind nicht nur Einzelfälle.
Demokratisch denkende Muslime, Christen, Juden und Andersgläubige haben viel gemeinsam. Sie können gut miteinander auskommen und an einer Gemeinschaft mitwirken, die sich für Grundrechte überall einsetzt – unabhängig von Land und Glauben.
Der staatlich organisierte Islamunterricht an Schulen kann viel zur Integration beitragen. Der Weg ist sicher noch lang und sollte ohne Naivität gegangen werden.

 

Fotos/TextKlaus Öllerer
Letzte Aktualisierung: 19.10.2010

Tünay Aygün

2010.09.22_IMG_8682_2_1
Tünay Aygün ist in der Türkei geboren und zur Schule gegangen. Sie hat dort  Germanistik studiert und in Deutschland den Islam. Deutsch spricht sie genauso gut wie Türkisch.

Tünay Aygün ist Pionierin und Autodidaktin beim Islamunterricht. Sie sieht ihre Islaminterpretation im Einklang mit unserer demokratischen Grundordnung.

Als sie vor einigen Jahren anfing Islamunterricht zu erteilen, konnte sie auf keine vorhandenen Konzepte zurückgreifen und fertigte beispielsweise alle Unterlagen selbst an.

Dabei hat sie viel beim evangelischen Religionsunterricht abgeschaut.

Glaubensinhalte werden nicht etwa vermittelt durch Auswendiglernen von religiösen Texten, wie dies in konservativen Koranschulen geschieht, sondern durch moderne Didaktik.

Bei manchem Moscheeverein stieß sie   auf Kritik. Inzwischen hat sie das Vertrauen auch von konservativen Eltern und Schülern gewonnen.
Eine Rolle spielt dabei sicher auch, dass sie keiner religiösen Organisation angehört und von daher als unabhängig gelten kann.
Ihr Wort hat Gewicht. Einmal wollte ein muslimischer Junge von ihr vor seinem Freund bestätigt haben, dass die Moschee wichtiger sei als die Schule. Der war sehr überrascht, als sie ihm sagte, dass das nicht der Fall ist.

Ihre Arbeit strahlt auch auf das übrige schulische Leben aus. Muslimische Eltern beteiligen sich jetzt mehr, Mädchen konservativer Familien dürfen plötzlich mit auf Klassenfahrten gehen und eine gesamte Schule besuchte einen christlichen Gottesdienst.

 

Gülşen Demir

2010.10.01_IMG_0027_1_1

 

Gülşen Demir ist Integrationslotsin bei gEMiDe in Linden-Nord und Linden-Süd. Sie möchte, dass ihre drei Kinder zum islamischen Glauben erzogen werden. Daher nahmen sie auch am Islamunterricht in der Albert-Schweitzer-Schule teil. Das Fasten im Ramadan wird eingehalten und abends wird gebetet.
Ihr Glaube hilft ihr dabei, ein guter Mensch zu sein und anderen zu helfen. Es kommt nicht darauf an, welchen Glauben jemand hat. Der Mensch ist wichtig. Sie hat viele christliche Freunde. Zwischen dem Koran und der Bibel gibt es viele Ähnlichkeiten. Jeder Mensch kann den Glauben annehmen, den er möchte.

 

Riyad Al-Qadi

2010.10.13_readh_alqadi4_2

Riyad Al-Qadi in einer früheren Aufnahme, die hier aus Sicherheitsgründen wegen politischer Verfolgung verwendet wird.

 

Seit Jahrzehnten lebt Riyad Al-Qadi in Deutschland und heute in Linden. Er und seine Familie haben die harten Gebräuche im Jemen, eines typischen islamischen Landes im Nahen Osten, am eigenen Leibe erfahren müssen.
Der islamische Glaube ist für ihn sehr wichtig. Er sieht sich als demokratischer Muslim mit sunnitischem Ursprung. Religion ist Privatsache, die islamischen Schriften sind nicht wörtlich zu nehmen und jeder kann seinen Glauben wechseln oder keinen haben. Ein Muslim kann Christ werden und umgekehrt. Das sind für ihn Selbstverständlichkeiten. In guter demokratischer Tradition gefällt ihm der Ausspruch von Voltaire: „Ich hasse, was Du sagst, aber ich würde mein Leben dafür geben, dass Du es sagen darfst."

2010.09.22_IMG_8638_1

Die Kaaba in Mekka als Wandteppich.

2010.09.22_IMG_8627_1

Alles zum Ramadan an der Klassenwand.