Stimmen zur Wahl Christoph Prehn, Linden-Mitte Gesundheitsökonom Afghanistan
- Um eine objektive Sicht auf die Lage in Afghanistan zu gewinnen, muss man sich vor Augen halten, was der Grund für den internationalen Einsatz war: Die Taliban hinterließen bei Ihrem Sturz 2001 ein zerrissenes und heruntergewirtschaftetes Land. Ihre Herrschaft hatte die Menschen in geradezu mittelalterliche Armut und Unwissenheit zurückgestoßen und der Kultur des Landes vernichtende Schäden zugefügt (z.B. Buddhastatuen). Leidtragende waren - wieder einmal - vorwiegend Kinder und Frauen (z.B. Schulverbot für Mädchen). Das Land wurde zudem zu einer Basis für den Terrorismus. Die meisten Opfer fanden sich dabei nicht in den westlichen, sondern gerade in muslimischen Ländern. Daneben wurde Afghanistan zu einem der größten Drogenexporteure, weil viele Menschen dort keine andere Möglichkeit mehr sahen, ihr Überleben zu sichern.
Auf der internationalen Godesberger Konferenz 2001 beschloss die internationale Gemeinschaft, dem afghanischen Volk einen demokratischen Aufbau des Landes zu ermöglichen. Militärische und humanitäre zivile Maßnahmen sollten dabei Hand in Hand gehen. Seither sind viele Jahre vergangen, in denen es neben einigen Rückschlägen auch einige große und viele kleine Fortschritte gegeben hat. Auf der anderen Seite sind allerdings die terroristischen Gruppen wiedererstarkt.
Das ist Ihrem rücksichtslosen Vorgehen gegenüber den noch zarten demokratischen Ansätzen im eigenen Land, einem noch schwachen Staat und der Unterstützung ausländischer Interessen zu verdanken. Unsere Bundeswehr, die sich ursprünglich überwiegend in humanitären Projekten engagierte, ist nun zunehmend in kriegerische Vorgänge
verwickelt. Das bedeutet leider auch Opfer unter den eingesetzten Soldatinnen und Soldaten und wirft immer öfter die Frage auf, warum das Ganze überhaupt und wie lange noch. Allerdings sollten gerade wir Deutschen, die wir unter großen Opfern anderer Staaten von der NS-Diktatur befreit wurden, uns als eine der großen und
stabilen Demokratien bei aller berechtigter Kritik im Einzelfall nicht aus der Verantwortung stehlen. Machen wir uns nichts vor: Eine Niederlage und den Zerfall des Landes in regionale Machtzentren, viele davon unter faktischer Herrschaft terroristischer Gruppen, können und dürfen wir uns nicht erlauben. Das sind wir den
Menschen in Afghanistan schuldig, so wie den Menschen in unserem eigenen Land, die Opfer derjenigen Anschläge würden, die die Profiteure eines Rückzugs verüben würden. Denn Deutschland ist in Afghanistan engagiert. Das wird dort nicht nur von der Bevölkerung nicht vergessen werden, die wir im Stich lassen würden, sondern auch von jenen, die jetzt die Deutschen Einsatzkräfte im Lande mit Terroranschlägen bekämpfen und dabei auch eigene Landsleute in den Tod schicken. Wir hatten vor Beginn des Einsatztes die Wahl, der Bevölkerung in Afghanistan zu helfen und dabei eigene Opfer in Kauf zu nehmen, oder wegzusehen und den Männern und Frauen ihre Selbstbestimmung sowie den Kindern ihre Zukunft zu nehmen. Jetzt können wir, ob wir wollen oder nicht, nur noch den Auftrag der internationalen Völkergemeinschaft zu Ende führen und das politische und (leider auch) militärisch Notwendige tun, damit die Afghanen in ihrem eigenen Land eines Tages frei und friedlich leben können. Christoph Prehn |