Bericht 14-09

 

© Copyright    Die Inhalte angeführter Links und Quellen werden von diesen selbst verantwortet.

Mo, 16.02.2009,  Ihme-Zentrum
"Linden-Park, Carlyle, Private Equity und Heuschrecken" und
"Unser langer Weg zum Wohlstand"

Letzte Meldung vom 23.02.2009: Verhandlungen gescheitert - Meldung Reuters - PM Carlyle - Landesbank Berlin
Links: Linden-Park - BLIZ

Beiträge lesen und kommentieren
Ein Diskussionsfaden ist eingerichtet.

Linden-Park, Carlyle, Private Equity und Heuschrecken

 

Gehen die Bauarbeiten im Ihme-Zentrum weiter oder nicht? Einigen sich Carlyle und die Berliner Landesbank?

Während dieser Artikel geschrieben wird, gibt es über den Verhandlungsstand keine weiteren Informationen. Ein Scheitern kann nicht ganz ausgeschlossen werden. Wir wollen hier jedoch nicht spekulieren.

Im Folgenden versuchen wir daher die Zusammenhänge im Allgemeinen und so weit sinnvoll auch im Besonderen einmal näher zu betrachten.

Der Investor des Linden-Park im Ihme-Zentrum ist The Carlyle Group – ein Private Equity Unternehmen.

Privat Equity Unternehmen sammeln außerbörslich Geld von Anlegern ein, um dieses in Projekte zu investieren. Ziel ist es nach entsprechenden Maßnahmen Gewinne zu erzielen und nach einigen Jahren ein Projekt oder eine Firma am Markt wieder gewinnbringend zu verkaufen. Das gelingt wie hier beim Ihme-Zentrum nur, wenn beispielsweise das Produkt entsprechend fit gemacht wurde. Oft handelt es sich dabei um Projekte, die von anderen Anlegern nicht als attraktiv angesehen wurden. Auf diese Weise kann schon mal aus einem „Aschenputtel" eine „Prinzessin" werden.
Grundsätzlich muss Carlyle ein Interesse am Gelingen des Linden-Park haben, denn der wirtschaftliche Erfolg als auch das für Investoren wichtige öffentliche Ansehen hängen davon ab. Es ist kaum vorstellbar, dass ein Scheitern des Linden-Park insgesamt zum Vorteil von Carlyle wäre.

Diese Interessenlage ist nicht vereinbar mit der Vorstellung einer „Heuschrecke", wie sie derzeit auch in Linden kursiert. Im Gegenteil. Heuschrecken hinterlassen, wenn sie weiter ziehen ein verwüstetes und abgegrastes Gelände, während sie selber satt sind. Private Equity müssen, wenn sie weiter ziehen, ein fruchtbares „Feld" voller Erträge verkaufen. Dann erst sind sie – konstruktionsbedingt - „satt". Das hat schon oft funktioniert, wenn auch nicht immer. Fehlinvestitionen und Übertreibungen sind - wie bei anderen Investoren auch - nicht ausgeschlossen.

Der Sachverständigenrat der Bundesregierung schätzte die Private Equity Unternehmen in seinem Jahresgutachten 05/06 positiv ein. Sie wachsen im Vergleich mit ähnlichen, anderweitig finanzierten Unternehmen überdurchschnittlich, schaffen mehr Arbeitsplätze und weisen einen höheren Anteil von Investitionen in Forschung und Entwicklung auf. (siehe weiter unten)

Über Privat Equity gibt es durchaus in der Fachwelt unterschiedliche Ansichten. Vor allem die Frage, wie stabil sie im Vergleich zu anderen Investoren in der wirtschaftlichen Krise sind, ist Gegenstand von Diskussionen. Die Zeit wird es zeigen.

Über die Probleme bei der Finanzierung des Linden-Park hat sich bisher lediglich Carlyle öffentlich geäußert. (siehe weiter unten) Die Berliner Landesbank widerspricht der Stellungnahme von Carlyle in allgemeiner Form ohne dies zu konkretisieren, wie es in solchen Fällen üblich sei, so eine Sprecherin.

Wir werden sehen wie es weitergeht. Gewöhnlich gut informierte Kreise, die mit dem Aufbau des Linden-Park befasst sind, äußern sich positiv über die Verhandlungen und glauben, dass die Baumaßnahmen bald weiter fortgeführt werden.


Herzlichen Dank an meine kompetenten Gesprächspartner, die mit Hinweisen und Diskussionen geholfen haben.

Klaus Öllerer
Letzte Aktualisierung: 15.02.2009
 

-----------------------------------------

Private Equity und Heuschrecken

Der Sachverständigenrat der Bundesregierung in seinem Jahresgutachten 2005/2006:

„Die teilweise sehr undifferenziert geführten Diskussionen, im Rahmen derer Finanzinvestoren verkürzt zum Inbegriff von kurzfristig orientierten Spekulanten geworden sind und als ‚Heuschrecken' bezeichnet wurden, sind sicherlich mit auf ein mangelndes Verständnis der Strategien dieser Marktteilnehmer zurückzuführen, die in Deutschland erst in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen haben. …

Im Vordergrund der Debatte in Deutschland standen die Risiken für Unternehmen. Befürchtet wurde, dass kurzfristig orientierte Finanzinvestoren sich an einem Unternehmen beteiligten, die Unternehmung zerlegten und Reserven auflösten, um dann die Beteiligung wieder zu verkaufen und das Unternehmen geschwächt zurückzulassen. Diese einfache Argumentationslinie ist ökonomisch nicht nachzuvollziehen, da sie unterstellt, dass Investoren systematisch den Wert des Unternehmens zerstören und anschließend ihre Beteiligung mit Gewinn realisieren können. …

Empirische Untersuchungen über die Auswirkungen von Private Equity, die für verschiedene Länder vorliegen, zeigen mehrheitlich, dass Private-Equity-finanzierte Unternehmen − verglichen mit ähnlichen, anderweitig finanzierten Unternehmen − überdurchschnittlich wachsen, mehr Arbeitsplätze schaffen, und einen höheren Anteil von F&E-Investitionen aufweisen."

 

F&E-Investitionen = Investitionen in Forschung und Entwicklung
 

----------------------------------------

Stellungnahme der The Carlyle Group zum Linden-Park

„Die Landesbank Berlin steht nicht zu den vertraglich vereinbarten Konditionen und verweigert die weitere Auszahlung der Kredite wegen nachträglich gestellter Bedingungen, die nicht Teil der abgeschlossenen Verträge sind.

Die bisherigen Bauleistungen wurden durch den Fonds [Carlyle Europe Real Estate Partners II] mit Eigenkapital vorfinanziert. Vor dem Hintergrund der nicht erfolgten Auszahlung der vertraglich zugesicherten Kredite ist eine Vorfinanzierung von weiteren Baukosten durch den Fonds nicht möglich. Sollten die  Finanzierungszusagen durch die Landesbank Berlin nicht eingehalten werden, wird die Projektgesellschaft die Bauarbeiten einstellen müssen. The Carlyle Group verfügt jedoch über das notwendige Eigenkapital um gemeinsam mit den Finanzierungszusagen der Landesbank Berlin das Projekt planmäßig erfolgreich durchzuführen."

Frankfurt, 20.01.2009

 

Die Berliner Landesbank widerspricht der Stellungnahme von Carlyle in allgemeiner Form ohne dies zu konkretisieren, wie es in solchen Fällen üblich sei, so eine Sprecherin.
Stand: 12.02.2009

 

2009.02.12_Linden-Park_Collage_1_1

Von der Baustelle zum Linden-Park?

Kommentar

Investitionen, vor allem, wenn sie größeren Umfang haben, werden heutzutage im allgemeinen kritisch beäugt. Oft wird befürchtet, dass Nachteile für Mensch und Umwelt entstehen. Ein kritischer Blick ist sicher oft sinnvoll.

Doch ist es auch gerechtfertigt Investitionen fast grundsätzlich abzulehnen, weil Unannehmlichkeiten entstehen oder jemand dabei auch reich oder noch reicher wird? Nützt oder schadet das unseren Lebensverhältnissen?
Entscheidend dürfte der Einzelfall sein.

Manche Diskussionen um die Investition von The Carlyle Group in den Linden-Park erwecken den Eindruck, dass Investitionen und Investoren überhaupt etwas schlechtes anhaftet. Dabei gäbe es ohne Investitionen und Investoren überhaupt keinen Wohlstand - und auch keine Freiheit. Das Ihme-Zentrum würde sich ohne Investition und Investor zu einer Katastrophe für Linden und Hannover entwickeln.

Investitionen und Investoren sind Grundelemente unserer Wohlstandsentwicklung. Das Wissen über diese Zusammenhänge scheint oft nur noch wenig vorhanden zu sein.

Im Folgenden wird daher einmal grundsätzlich der Zusammenhang zwischen Investieren und Wohlstand beleuchtet.
Es folgt ein kleiner Rückblick in die Geschichte

 

Wieso, weshalb, warum?
Unser langer Weg zum Wohlstand
Eine kleine Wirkungsbeschreibung des Investierens

 

Die Mutter aller Investitionen ist die Gutenberg Bibel.
Ohne sie gäbe es keine Industriegesellschaft

Von 1452-1454 stellte Johannes Gutenberg ca. 180 Bibeln nach dem berühmten Druckverfahren her. Das Geld hierfür lieh er sich von dem Advokaten Fust. Es gab Mängel und es gab Streit. Später kam es zum Prozess wegen ausstehender Zins- und Geldrückzahlungen.

Die berühmteste und wichtigste Erfindung des ganzen Jahrtausends kam also durch eine einfache, klassische Investition zu Stande – mit allem hin und her, Höhen und Tiefen. Man kann davon ausgehen, dass Gutenberg, als auch sein Finanzier aus eigenem Interesse handelten und Gewinn erzielen wollten.
Innerhalb von 15 Jahren verbreitete sich der Buchdruck in ganz Europa.

Heute wissen wir, dass ohne den Buchdruck die Industrialisierung schon in den Anfängen stecken geblieben wäre. Ihr hätten einfach die massenhaften Informationen gefehlt. Denn gedruckte Bücher und Zeitungen sind ein unverzichtbarer Teil des „Nervensystems", das die Industrialisierung steuert.

Das zentrale ökonomische Mittel der Industrialisierung ist die Investition.

Das Grundprinzip jeder Investition ist es, das Geld in eine Unternehmung gegeben wird und dann mehr Geld im Laufe der Zeit wieder zurück fließt. Dadurch wird Geld zu Kapital (Kapitalverzinsung).

Auf der anderen Seite bringen Menschen ihre Arbeitskraft in die Unternehmung ein und werden dafür bezahlt.

In einer Unternehmung wirken Kapital und Arbeit zusammen an dem Ergebnis und fördern sich dadurch gegenseitig (Synergie).

Nur mit dieser Synergie lässt sich die stürmische Entwicklung zu Fortschritt und Wohlstand in den letzten Jahrhunderten erklären.

Zu den profitabelsten Investitionen gehören die Verbesserungen bei der Produktivität. Eine höhere Produktivität bewirkt, dass immer weniger Menschen in der gleichen Zeit  immer mehr schaffen. Dadurch werden Menschen frei um andere, neue Dinge zu tun. So sind heute nur noch wenige Beschäftige in der Landwirtschaft anzutreffen. Die anderen Menschen schaffen Produkte und Dienstleistungen, die gerade unseren heutigen Wohlstand ausmachen.

Diese Entwicklung lief und läuft nicht reibungslos ab und immer wieder kommt es zu tiefgreifenden Konflikten und Krisen. Jedoch ohne diesen beschriebenen Investitions-Mechanismus ist  unser heutiger Wohlstand und auch die Freiheit, die wir haben, nicht zu erklären.

Die Evolution der Wirtschaft hat viele Formen der Investition hervorgebracht. Sie unterscheiden sich vor allem nach Gewinnerwartung, Risiko und Haftung. Dadurch ist es möglich, dass jede Investition in der ihr gemäßen Form stattfinden kann. Durch diese Vielfalt werden Investitionen möglich, an die sich sonst niemand herantrauen würde. Beispiele wären die Sanierung einer maroden Firma oder die Schaffung einer privatwirtschaftlichen Raumfahrt (gerade aktuell).

Für das Ihme-Zentrum hatte sich letztendlich anscheinend niemand anderes gefunden als ein Private Equity Unternehmen – die Carlyle.

 

Klaus Öllerer
Letzte Aktualisierung: 09.03.2009

 

Anmerkung
Von den Randbedingungen des Investierens ist vorstehend nicht die Rede. Es geht dort auch nur um eine reine Wirkungsbeschreibung des Investierens.

Jedoch ohne Marktwirtschaft und Demokratie und die damit zusammenhängende geistige Entwicklung dürfte sich die "Kultur des Investierens" kaum bis zu unserer heutigen Stärke entfaltet haben.

2008.07.19_P7190293_1

Straßenfest im Lindenpark am 19.07.2009