Bericht 59-08

 

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Do., 13.11.2008., Limmerstraße und Wunstorfer Str.
Stolpersteine

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Stolperstein in der Wunstorfer Straße 14 zum Gedenken an Max und Margarete Rüdenberg.

Nachdem bereits im Jahre 2006 erstmals 23 Stolpersteine verlegt wurden, wurden nun weitere 25 Steine verlegt. "Stolpersteine" erinnern an Menschen, die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft geworden sind. Die Betonsteine werden an ihrem letzten selbst gewählten Wohnort in Hannover in den Fußweg eingelassen. Eine Messingplatte auf der Oberfläche nennt mit der Inschrift "Hier wohnte..." den Namen, den Geburtstag sowie die Umstände des Todes.

Gunter Demnig, Künstler und Initiator der Stolpersteine, wird in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Tiefbau folgende Stolpersteine verlegen:

Am Tiergarten 39, für Alois Schuchardt;
Brabeckstraße 86, für Emmy und Ida Steinfeld;
Heinrichstraße 25, für Henriette Gottschalk;
Lister Meile 83, für Kurt Willkomm;
Gretchenstraße 24, für Minnie Leah Ascher;
Ebhartstraße 1, für Familie Binheim;
Johann-Trollmann-Weg/Burgstraße, für Johann Trollmann;
Am Marstall 14, für Familie Bloch;
Kurt-Schumacher-Straße 31, für Familie Goldfinger;
Leibnizufer/Clemensstraße, für Familie Chmielewski;
Humboldtstraße 18, für Familie Reiser;
Limmerstraße 71, für Ernst Schünemann;
Wunstorfer Straße 14, für Max und Margarethe Rüdenberg.

Bei der Verlegung der Stolpersteine waren neben Angehörigen der Opfer VertreterInnen der Bezirksräte, der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, des Stadtarchivs und des Fachbereichs Bildung und Qualifizierung anwesend. In Linden-Limmer wurden drei Stolpersteine an zwei Stellen verlegt: Wunstorfer Str. 14 und Limmerstraße 71.

„Arbeitskreis Stadtteilentwicklung Limmer!" (Text leicht geändert)
Stolperstein in der Wunstorfer Straße 14 in Limmer verlegt

Am Donnerstag, 13. November 2008  wurden zum Gedenken an die Eheleute Max und Margarethe Rüdenberg an der Wunstorferstr. 14 in Limmer zwei „Stolpersteine verlegt". Dies geschah auf Initiative des „Arbeitskreis Stadtteilentwicklung Limmer!". Ilse Garms, Mitglied des Arbeitskreises, stellte das Lebenswerk und –schicksal der beiden Eheleute dar (-> Rede). Zum Gedenken an die beiden spielte Peter Giese auf der Tuba.

In vielen Städten werden derzeit „Stolpersteine" des Bildhauers Gunter Demnig verlegt. Die in der Wunstorfer Str. verlegten Stolpersteine sollen die Passanten „stolpern" lassen darüber, daß hier auf dem Gelände der alten „Schwanenburg" ein Ehepaar mit seinen beiden Kindern gelebt hat. Die Rüdenbergs errichteten und betrieben ab 1896 eine Bettfedernfabrik, in der 60 Menschen Arbeit fanden und ihr Brot verdienten. Max Rüdenberg war Gründungsmitglied und gehörte als Schatzmeister zum Vorstand des Warteschulvereins, der 1904-1906 das heutige Kinderheim Limmer baute, wo damals viele Kinder, während ihre Eltern als Binnenschiffer oder in den Fabriken arbeiteten, umsorgt wurden. Max Rüdenberg war ab 1909 nach der Eingemeindung Limmers nach Linden bis Ende 1919 Limmers gewählter Bürgervertreter im Lindener Rat und wurde 1920 Mitglied des Rates der Stadt Hannover. Mit anderen zusammen gründete er 1916 die Kestnergesellschaft. Die Rüdenbergs waren Juden. Anlass genug, dass sie ab 1933 angefeindet wurden, sodass ihre Kinder Ernst und Eva 1936 bzw. 1939 nach Kapstadt bzw. England emigierten. Die Eltern blieben in Hannover, wurden zum Verkauf von Hab und Gut genötigt, durften in einer Zweizimmerwohnung bleiben, bis sie am 23. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet wurden. Gut, dass wir auf durch die Stolpersteine an sie erinnert werden. Ein kleines Denkmal nach vielen Jahren, das uns mahnt: Denk-mal-nach!
-> Rede von Frau Garms

Rainer Hoffschildt (Text leicht geändert)
Stolperstein für den Zauberkünstler Ernst Schünemann  in der Limmerstraße 71

Ernst Schünemann wurde am 11. Februar 1897 in Hannover geboren.1 Seit seiner Geburt war er mit einigen Unterbrechungen in der Limmerstraße 71 angemeldet. Nach der Schule lernte er Koch. Als Freiwilliger zog er in den Ersten Weltkrieg, kam in Kriegsgefangenschaft und wahrscheinlich erst 1920 wieder frei. Zunächst arbeitete er wieder in seinem erlernten Beruf, trat dann aber ab 1924 als Artist und Zauberkünstler auf.

Anfang 1939 wurde er verhaftet und am 7. Februar 1939 im Gerichtsgefängnis Hannover inhaftiert. Er wurde im März 1939 vom Luftwaffengericht Berlin mit drei weiteren Zeugen aus Hannover nach Magdeburg angefordert. Einer von ihnen war der am 7. Mai 1903 in Hannover geborene Richard Lange, der noch 1939 in Hannover verurteilt wurde, 1941 in polizeiliche Vorbeugungshaft genommen wurde und 1942 als §-175-Häftling im KZ Mauthausen II starb. Zu dieser Gruppe gehörte unter anderem auch dessen langjähriger Freund. Einer der Beteiligten hat bei den Luftwaffen gedient. Es handelte sich offensichtlich um einen schwulen Freundeskreis in Hannover. Noch im selben Monat kamen sie nach Hannover zurück.

Am 3. Oktober 1939 stand Ernst Schünemann dann selbst vor Gericht. Das Landgericht Hannover verurteilte ihn aufgrund der Paragraphen 175 und 175a Strafgesetzbuch wegen „widernatürlicher Unzucht" zu drei Jahren Zuchthaus. Zur Last gelegt wurden ihm 13 Fälle homosexueller Handlungen, darunter auch zwei „Versuche", die ebenfalls strafbar waren. Weil er anscheinend ein „gewöhnlicher" Schwuler war, merkte das Nazi-Gericht die selten geäußerte Meinung an: „Der Angeklagte ist auf dem Gebiet der Unzuchtshandlungen mit Männern Gewohnheitsverbrecher, aber kein gefährlicher Gewohnheitsverbrecher ..." Er war nicht vorbestraft.

Noch im selben Monat transportierte man Ernst Schünemann in das Zuchthaus Hameln. Dort wurde er im Februar 1941 mit einer Lungenentzündung in das Anstaltslazarett eingeliefert. Seine Krankheit verschlimmerte sich. Am 14. Februar 1941 teilte die Anstalt seiner Mutter in Hannover mit, dass ihr Sohn in das Stadtkrankenhaus Hameln verlegt worden sei. Am selben Tag verstarb Ernst Schünemann im Alter von 44 Jahren. Sein Tod dürfte auch durch die schrecklichen Haftbedingungen im Zuchthaus Hameln verursacht worden sein.

Die Patenschaft für seinen Stolperstein hat Detlef Simon, der Zauberkünstler und Entertainer Desimo, übernommen. Am Donnerstag den 13. November 2008 um 15.30 Uhr wird der Künstler Gunter Demnig in der Limmerstraße 71 den Stolperstein setzen.

Eine hier abgebildete zeitgemäße Postkarte zeigt das Haus, in dem der Zauberkünstler Ernst Schünemann wohnte. Es ist das zweite Haus nach dem Eckhaus auf der linken Seite der Limmerstraße.

Fotos/Bildtexte/Textanpassungen: Klaus Öllerer
Letzte Aktualisierung: 19.11.2008

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Stolperstein in der Limmerstraße 71 für Ernst Schünemann.

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Der Stolperstein wird hier in der Limmerstraße 71verlegt.

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Die beiden Stolpersteine werden hier in der Wunstorfer Straße 14 verlegt.

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Der Zauberkünstler Ernst Schünemann wohnte im zweiten Haus nach dem Eckhaus auf der linken Seite der Limmerstraße. -> großes Bild
Die Veröffentlichung der Karte erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Andreas-Andrew Bornemann – www.postkarten-archiv.de .

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Ilse Garms, Mitglied des Arbeitskreises, stellte das Lebenswerk und –schicksal der beiden Eheleute dar. Foto: Frank Lehmberg