Bericht 45-08

 

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Die., 19.08.2008, Wieso, weshalb, warum?
Bibliotheken in Linden: Fortschritt oder Rückschritt?

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Eingangsbereich der Stadtbibliothek Limmerstraße: ungemütlich

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Jugend- und Stadtbibliothek List: Kuschelecken

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Bibliothek woanders:
Jugend- und Stadtbibliothek List: behindertengerecht,
hell, freundlich bis zur Gemütlichkeit

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Demo gegen die Schließung der Stadtbibliothek Limmerstraße vor dem Freizeitheim. -> mehr
Linden - Foto: esch

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Stadtbibliothek im Lindener Rathaus

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Stadtbibliothek Limmerstraße

„Ich glaube an Bibliotheken." Mit diesem Satz erläutert die Mitarbeiterin einer Lindener Bibliothek ihr großes Engagement, mit dem sie seit Jahrzehnten dort arbeitet. Sie liebt Bücher und weiß, wie wichtig sie für das Leben sind.

Bibliotheken waren und sind für jeden Menschen ein, wenn nicht sogar der wichtigste Schlüssel zu fundiertem Wissen. Ob mit oder ohne Bildungshintergrund – Niemand, der engagiert ist, hat selbst alle Literatur zu Hause, um den Wissensdrang zu befriedigen. Und auch das Internet hilft oft nicht weiter. Es steht auch nicht jedem von klein auf zur Verfügung. Hier helfen öffentliche Bibliotheken.

Eine moderne Bibliothek ist jedoch mehr als nur eine Ansammlung von Büchern, CDs/DVDs und Computern mit Internet. Sie sollen den Zugang zur Bildung erleichtern und auch den einzelnen motivieren ihn zu suchen. Die Motivation, die eigene Lust an Interessen und Wissen ist für manchen vielleicht der eigentliche, lange Weg zur Bibliothek.

Unterstützung durch Einführungen, Schulungen und Veranstaltungen, Kooperationen mit Schulen und anderen Einrichtungen haben den städtischen Bibliotheken teilweise hohe Nutzerzahlen gebracht. So gelten 50% der Kinder und Jugendlichen als Bibliotheksnutzer. Bei den Erwachsenen sind es lediglich 5-6%.

In Linden sollen auf Beschluss des Rates der Stadt Hannover die beiden Bibliotheken im Lindener Rathaus zusammengeführt und zu einem Lernzentrum ausgebaut werden. Die Bibliothek Limmerstraße im Freizeitheim wird geschlossen. Dagegen gibt es Protest. Die Kontroverse ist voll entbrannt.

Die „Bürgerinitiative gegen die Schließung der Stadtbibliothek Limmerstraße" hat nahezu 10.000 Unterschriften gesammelt. Sie fordert die Verhinderung des „kulturellen und sozialen Kahlschlages", weil die Stadtteile Linden-Nord, Limmer und Ahlem ihrer wohnortnahen Bibliothek beraubt würden. Zusätzlich verweisen manche Kritiker auf die Gefahr der Schließung des Freizeitheims Linden, wenn dessen Nutzung zurückgefahren wird.

Die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung sehen das anders. Erst durch die Zusammenlegung würde die Schaffung eines Lernzentrums mit erheblich gesteigerter Angebotsqualität möglich. Die beiden jetzigen Bibliotheken seien reformbedürftig und trotz der notwendigen Einsparungen* durch die Zusammenlegungen wäre eine Verbesserung geplant. Die längeren Wege von maximal 1.700 Meter wären zumutbar. Als positives Beispiel gilt ihnen die Jugend- und Stadtbibliothek List, die auch aus einer Zusammenlegung zweier Einzelbibliotheken entstanden ist. Dort gibt es heute viel mehr Nutzer als vorher.

Derzeit wird in der Verwaltung an einer Beschlussdrucksache gearbeitet, die dem Bezirksrat auf seiner nächsten Sitzung am 03. September vorgelegt werden soll. Die Beschlüsse des Bezirksrates haben hier jedoch keine bindende Wirkung. Alleinentscheidend ist der Rat der Stadt Hannover.

 * Die Stadt ist hoch verschuldet. 45.000.000 € sind allein für Zinszahlungen im Kernhaushalt 2008 der Stadt Hannover vorgesehen.

Fotos/Text: Öl
Letzte Aktualisierung: 19.08.2008

Anmerkung
Es war auch eine Stellungnahme des Bezirksratsmitgliedes Harald Meyer von DIE LINKE vorgesehen, die bisher jedoch noch nicht vorliegt.

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Jugend- und Stadtbibliothek List: Eingangsbereich mit Zeitungen und Kaffeautomaten gemeinsam mit dem Bürgeramt.

Meinung: Bibliotheken in Linden

Jürgen Mineur, SPD, Ratsherr der Landeshauptstadt Hannover

Zusammenlegung der Bibliotheken in Linden

2004 wurde vom Rat der Landeshauptstadt, vor dem Hintergrund der zusammengebrochenen Einnahmen, das Haushaltskonsolidierungsprogramm 5 (HK V) beschlossen. Es galt den Handlungsspielraum der Politik zu erhalten und vor allen Dingen das ehrgeizige Projekt der Schulsanierung im Volumen von 110 Millionen Euro nicht zu gefährden. Die Kommunalaufsicht hätte ohne Nachweis der Konsolidierung des Haushalts der Kreditaufnahme
nicht zugestimmt.

Vorausgegangen war eine heftige Diskussion, wo gespart werden kann. Das Ziel war, 10% auf der Ausgabenseite zu erwirtschaften.
Erste Ansätze der Verwaltung nach der so genannten Rasenmähermethode in allen Bereichen die Ausgaben einfach um 10% zu deckeln, wurden schnell verworfen. Die Politik gab der Verwaltung vor einzelne Projekte vorzuschlagen, bei denen die Einsparung insgesamt erzielt werden könnte.

Einer dieser Vorschläge war die Zusammenlegung der beiden Bibliotheken Linden- Mitte und Linden-Nord. Das Einsparvolumen beträgt 245.000 Euro jährlich.
Wer dieses Projekt heute in Frage stellt, muss deshalb auch sagen, wo im Kulturbereich stattdessen gespart werden soll.

Jetzt vor den Sommerferien hat die Verwaltung ein Konzept für die Zusammenlegung vorgelegt, das nicht nur einen Kompromiss, sondern eine deutliche Aufwertung der neuen Bibliothek in Richtung eines zeitgemäßen kulturellen und bildungsgerechten Angebotes bedeutet.

Die neue Stadtteilbibliothek wird im Lindener Rathaus im Gebäudeteil an der Schwalenberger Straße angesiedelt werden. Im Rathaus sollen das Bürgeramt und ein Bildungszentrum (bestehend aus Volkshochschule, Selbstlernzentrum und der neuen Bibliothek) einen Ort bilden, an dem mit einem auf einander abgestimmten Konzept den Bürgerinnen und Bürgern im Stadtbezirk Linden vielseitige Serviceleistungen und Bildungsangebote in modernen und technisch gut ausgestatteten Räumlichkeiten geboten werden. Diese Umsetzung des innovativen Konzepts wird durch Mittel aus dem EU-Strukturfonds (EFRE) in Höhe von 700.000 Euro gefördert.

Die Fläche der neuen Bibliothek beträgt 890 m2. Die Bibliothek Linden-Nord hat im Vergleich dazu 425 m2 zur Verfügung. Die neue Stadtteilbibliothek wird barrierefrei im Erdgeschoss und im ersten OG angesiedelt werden. Büroarbeitsräume, ein Sozialraum sowie ein Veranstaltungsraum für Bilderbuchkino, Klassenführungen, Lesungen etc. sind zusätzlich im Souterrain vorgesehen. Wer jemals in der alten Bibliothek in Linden-Mitte mit Rollstuhl oder Kinderwagen unterwegs war, wird den behindertengerechten Ausbau zu schätzen wissen.

Die Ausleihe und Rückgabe der Medien soll automatisiert erfolgen, so dass das Personal (6 Stellen gegenüber heute je Bibliothek 5,5 Stellen) für die direkte Beratung der Besucher/innen, für die Zusammenarbeit
mit Schulen, Kitas und anderen Einrichtungen und Gruppierungen im Stadtteil und so auch für Aktivitäten im Bereich der Leseförderung eingesetzt werden kann. Außerhalb der Öffnungszeiten der Bibliothek besteht durch die Entleihautomaten die Möglichkeiten in den Öffnungszeiten des Rathauses Bücher zurückzugeben.

Den Rahmen dieses Artikels würde es sprengen die Gebiete „Zusammenarbeit mit Kindertagesstätten und Schulen" , „Integration und Migration" und „Angebote für Seniorinnen und Senioren" genauer zu beleuchten. Im Bericht der Verwaltung wird aber deutlich, dass auch diese Angebote nicht nur erhalten, sondern ausgeweitet werden.

Kommen wir nun zu dem einzigen Nachteil. Die Wege werden für einige Nutzerinnen und Nutzer weiter, aber der Standort am Lindener Markt liegt zentral im Stadtbezirk und ist sowohl für die in Linden-Süd als auch für die in Linden-Nord wohnenden Menschen zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen. Es besteht eine direkte Anbindung an die Linie 9 der Stadtbahn sowie an die Buslinien 120,100 und 200. Über die genannten Buslinien ist in einer fußläufigen Entfernung von 300 Metern auch die Stadtbahnlinie 10 mit der Station „Küchengarten" zu erreichen. Von hier aus gelangt man mit der Stadtbahn zum jetzigen Standort der Bibliothek im Freizeitheim Linden.

Damit ist die neue Bibliothek auch für die Bevölkerung aus Ahlem, Limmer und Linden-Nord gut erreichbar. Zwar verlängert sich der Weg für die Bewohner/innen aus diesen Stadtteilen, aber die größere Entfernung tritt hinter die verbesserte Ausstattung der neuen Bibliothek zurück.

Vergleichbar ist die Zusammenlegung zweier Bibliotheken in der List (Bonifatiusplatz und Vier Grenzen) im Bürger-Amt Podbipark. Hier gab es einen deutlichen Qualitätssprung und eine Zunahme der Nutzerinnen und Nutzer.

Jürgen Mineur, Ratsherr der Landeshauptstadt Hannover

Meinungen und Kommentare dienen der Diskussion und geben nicht unbedingt die Ansicht der Redaktion wieder.

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Bibliothek woanders:
Eine einfache Buchrückgabe neben dem Haupteingang. Gesehen in Salt Lake City (USA)

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Bibliothek woanders:
Wellensittich und Kuschelecke in der Kinderabteilung.
Gesehen in Salt Lake City (USA)