Bericht 26-08

 

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Fr., 25.04. 2008, Kulturtreff Kastanienhof
Hilfsaktion für Südafrikanisches Waisenhaus
Birgit Müller* und die Kastanien Kids verkaufen beim Klamottenflohmarkt für Frauen

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Zandile, Queeni, Princess, Ivone

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Birgit Müller* , Colleen Naidoo und die Kinder von " „Colleens Place of Hope"

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Verkaufen für einen guten Zweck:  v.li.: Norma June Clas, Birgit Müller* (Initiatorin Waisenhaushilfe), Daphne Schüttkemper, Maja Herrmann, Dagmar Willenbrink (Hortleiterin Kastanien Kids) und Paula Waßmann

Ein Erfahrungsbericht von Birgit Müller* (20) über ein Waisenhaus in Südafrika

Als ich mich nach meinem Abitur dazu entschloss, sechs Monate Freiwilligendienst in Südafrika zu machen, wusste ich nicht so Recht was auf mich zukommen würde. Die Erwartungen waren zwar hoch, aber sie  wurden dennoch übertroffen. Ich lernte nämlich in einem Waisenhaus die bewundernswertesten Menschen kennen, die man sich vorstellen kann.
 
Es war ungefähr im November, als der Gastvater einer befreundeten Freiwilligen uns zum ersten Mal "Colleen's Place of Hope", ein Waisenhaus in Mitchells Plain, einem Vorort von Kapstadt, zeigte.
Wir hatten uns, wie das wahrscheinlich jeder machen würde, auf das Schlimmste gefasst gemacht. Als wir aber das Waisenhaus betraten, waren wir irgendwie erleichtert. Denn die Kinder die zwischen Säuglingsalter und 22 Jahre alt waren, machten alle einen sehr glücklichen Eindruck. Egal wen man anschaute, eigentlich hatten alle ein strahlendes Lächeln auf dem Gesicht. Sie freuten sich uns Fremde zu sehen, wollten auf den Arm oder einfach nur spielen. Von Elend erstmal keine Spur.

Trotzdem war ich nach diesem Besuch geschockt und machte mir hinterher noch viele Gedanken. Vielleicht war es gerade die Tatsache, dass alle einen glücklichen Eindruck machten, dass ich so schockiert war.
Wenn man sich nämlich das Haus anschaute, konnte man auf den ersten Blick sehen, dass für all die Kinder kaum genügend Platz war und dass alle in diesem Haus sich auf das Nötigste beschränkten, um über die Runden zu kommen.
Für uns Europäer, die doch eigentlich die meiste Zeit unzufrieden sind und, obwohl wir wirklich alles haben, vom Glücklichsein oft so weit entfernt sind, eine völlig neue Erfahrung.

Da Colleen in ihrer Kindheit selbst missbraucht wurde,  ist ihre Liebe und ihr Verständnis für die Kinder noch größer. Ihrer Meinung nach kann es noch so eng im Haus sein, Platz für ein Kind von der Strasse ist immer.

Zusätzlich leben noch zwei, der vier eigenen Kinder der Naidoos zu Hause. Tamlyn, die bei Colleen aufgewachsen ist, wurde im Säuglingsalter adoptiert. Farrell Naidoo sagt, dass die Kinder nicht merken sollen, dass sie Waisen sind und so normal wie möglich aufwachsen sollen. Ganz nach der Philosophie der Naidoos: "Ein Kind muss immer beschützt und geliebt werden." Die meisten Kinder entwickeln sich tatsächlich trotz Misshandlung oder Traumatisierung sehr gut und haben in Colleen und Farrell neue Eltern gefunden, die sie auch alle liebevoll "Mommy" und "Daddy" nennen.
Dabei kann man angesichts der Vergangenheit und der Schicksale dieser Kinder schon sagen, dass "Colleen's Place of Hope" lebensrettend war.

Viele der Kinder wurden nämlich im Säuglingsalter ausgesetzt, oftmals, da die Eltern drogenabhängig waren oder einfach nur überfordert. Die kleine Lindiwe zum Beispiel war nur einige Stunden alt, als sie im nahe gelegenen Supermarkt in einer Plastiktüte gefunden wurde. Seitdem lebt sie bei Colleen und feiert dieses Jahr im Juli ihren dritten Geburtstag.

Einige der Kinder sind mit lebensgefährlichen Krankheiten zu Colleen gekommen, sie alle werden aber soweit es geht medizinisch versorgt. Insgesamt sind drei der Kinder HIV-positiv. So auch Nicoletta. Sie wurde zusammen mit ihrer Zwillingsschwester in einer öffentlichen Toilette in einem der größten Townships in Südafrika gefunden. Mitten in der Nacht brachte die Polizei die beiden zu Colleen, wo sie seitdem leben. Da die beiden im Säuglingsalter sehr oft krank waren, hatten die Ärzte ihnen eine Lebenserwartung von nur 6 Monaten gegeben. Doch die beiden haben gekämpft und haben im März, auch wegen Colleens Führsorge, ihren achten Geburtstag feiern können.
 
Damit die Kinder so normal wie möglich aufwachsen können, versuchen die Naidoos jedes der Kinder zur Schule zu schicken. Die Kleinen bleiben allerdings den ganzen Tag zu Hause und da es zum Spielen auf der Strasse zu gefährlich ist, bleiben sie drinnen. Einen Garten zum austoben gibt es leider nicht.  Im Haus gibt es zwar einen Aufenthaltsraum, aber trotzdem ist mit den 5 Schlafzimmern, 2 Badezimmern und der Küche nicht genügend Platz. Einige der Etagenbetten stehen auf dem Flur und die Kleinen teilen sich oft ein Bett. Farrell arbeitet die Nachtschicht, sodass es zumindest noch einen Schlafplatz mehr gibt.

Dies alles sind Bedingungen die für uns erstmal unvorstellbar klingen. Aber die Naidoos schaffen es trotzdem, allen Kindern ein Zuhause zu schenken und sie glücklich zu machen. Colleen sagt, dass ihre Kinder nicht viel brauchen, "einmal knuddeln und einen Kuss und sie sind glücklich." Trotzdem würde sie ihnen gerne mehr ermöglichen, aber dafür reicht das Geld nicht. Wenn man sich schon Gedanken machen muss, ob für jeden Tag genug Essen da ist, dann kann man sich "Luxus" nicht leisten. Zwar bekommen die Naidoos als "Foster and Emergency Parents" Geld vom Staat und für die HIV-positiven Kinder werden Medikamente bezahlt, aber Colleen sagt: „Die Kosten abdecken kann man damit nicht". Das Meiste wird von Farrells Einkommen finanziert oder gegebenenfalls durch Spenden.
Nach immer mehr Besuchen hatten wir diese bewundernswerte Familie immer mehr ins Herz geschlossen, sodass der Abschied wirklich schwer fiel. Zwar hatten wir für die Kinder eine Weihnachtsfeier organisieren können, was ein kleines Erfolgserlebnis war. Aber im Allgemeinen überwog die Hilflosigkeit.

Ab dem Tag an fuhren wir öfter zu „Colleens Place of Hope", um die Kinder und Colleen zu besuchen. Nach und nach lernten wir alle besser kennen und erfuhren mehr über Colleens Schicksal sowie über das der Kinder.

Colleen Naidoo, so heißt sie mit vollem Namen, hat sich bereits mit 13 Jahren um hilfsbedürftige Kinder aus der Nachbarschaft gekümmert, sie gefüttert und ihnen die Aufmerksamkeit geschenkt, die sie zu Hause nie bekamen.
Seit 15 Jahren nimmt sie nun dauerhaft Kinder bei sich auf und gibt ihnen ein Zuhause. Zusammen mit ihrem Mann, Farrell Naidoo, ist sie im Jahre 1999 "Foster and Emergency Parent" geworden, was bedeutet, dass die Naidoos Kinder in Not bei sich aufnehmen und dies auch rechtlich anerkannt ist. Oftmals heißt dies, dass die Polizei oder Sozialarbeiter unangemeldet zu jeder Tages- und Nachtzeit bei ihnen klingeln und Kinder vorbei bringen.
Für Colleen und Farrell ist dies jedoch keineswegs eine Belastung, ein Hobby oder womöglich noch ein Geschäft. Sie lieben jedes der Kinder wie ihr eigenes und stecken selber viel zurück um „Colleen's Place of Hope" aufrecht zu erhalten.

Als ich nach meiner Rückkehr Bilder von "Colleen's Place of Hope" gezeigt habe und berichtet habe, kam Dagmar Willenbrink die Idee einer Spendenaktion beim Frauenflohmarkt in Limmer. Und zwar mit Hilfe einiger der Kinder im Hort der Kastanienkids. Über viele Wochen haben ein paar der Kinder - mit tatkräftiger Unterstützung von Nele Willenbrink - nach der offiziellen Hortzeit gemalt und gebastelt. Und das alles für einen guten Zweck.
Um den Kindern zu zeigen wofür wir all die Bilder malen und verkaufen, haben wir Fotos gezeigt und versucht die Situation der Naidoos und der Kinder dort zu erklären. Zwar haben die Kinder zu Recht behauptet, dass die Kinder auf den Fotos ja alle lachen, aber wir haben dann versucht zu erklären, dass sie kein eigenes Zimmer oder Bett haben und das Schokolade, wie wir sie beim Basteln genascht haben, keine Selbstverständlichkeit ist, was dann, wenn auch mit einem zweifelnden Blick, geglaubt wurde.
Beim Frauenflohmarkt, am 25. April, konnten wir dann die Bilder und eigene Anziehsachen auf unserem Stand verkaufen. Insgesamt haben wir 124 Euro eingenommen, 50 Euro alleine durch die Bilder der Kastanienkids.

Die Spendenaktion war also ein voller Erfolg und macht Mut zu mehr. Wir hoffen bald wieder ähnliches organisieren zu können. Vielen Dank noch einmal an alle, die mitgeholfen haben! Birgit Müller*

Birgit Müller* ist 20 Jahre alt, im letzten Jahr machte sie am Georg-Büchner Gymnasium in Letter das Abitur und war danach von September bis März in Südafrika. Zur Zeit jobbt sie in einem Cafe in Linden und sie will sich zum Wintersemester für ein Studium im Fach Psychologie bewerben.

* Name geändert

Fotos/Text: esch
Letzte Aktualisierung: 24.03.2015