Bericht 24-08

 

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08.05.2008, Veranstaltung des Präventionsrates Linden-Limmer
Jugendgewalt, was tun?
www.praeventionsrat-linden-limmer.de

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Nach dem ersten Beitrag wird ein Diskussionsforum eingerichtet.

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Podiumsteilnehmer (v.l.n.r.): D. Seidel (Krinalhauptkommissar, Polizeiinspektion West), I. Augenreich (Jugendrichter beim Amtsgericht Hannover) H. Grube (Moderator, Radio Flora), S. Rabold (Soziologin M.A. , Kriminologisches Forschungsinstitut Nds.), E. Feise (Dipl.- Sozialpädagoge, GEMiDe -Bund Türkisch-Deutscher Unternehmer e.V.)

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Marion Latzke (Sozialarbeiterin) und Elif Gencay-Drews (Rechtsanwältin) sind die Sprecherinnen des Präventionsrates Linden-Limmer

Mit über 50 Teilnehmern stieß diese Veranstaltung auf recht großes Interesse in unserem Stadtbezirk. Vor einigen Monaten war das Thema Jugendkriminalität anlässlich des hessischen Wahlkampfes in den Medien bundesweit präsent. Die Öffentlichkeit wirkte recht aufgewühlt und diskutierte das Thema kontrovers.

Für den Präventionsrat Linden-Limmer war das Anlass die Frage zu stellen: Jugendgewalt, was tun?

Aus Sicht der Polizei berichtete Herr Seidel von der Zunahme an Gewaltdelikten und der Intensität der Taten. Gegenüber früher wird häufiger noch brutal weiter geschlagen, selbst dann, wenn der Gegner längst am Boden liegt. Die Berufsschulen sind Schwerpunkt bei Tätern und Opfern. Mit den jugendlichen Gewalttätern kann man laut Herrn Seidel vernünftig reden - allein und ohne ihr "Rudel".
Die Vorbildfunktion der Personen aus der unmittelbaren Umgebung sei sehr wichtig. Weiche Drogen seien überall zu bekommen und die Wirkstoffe sind heute dreimal so hoch konzentriert wie früher. Die Kollegen in den Streifenwagen haben für bestimmte Drogen Teststreifen dabei. Bei Vorfällen in Berufsschulen werden auch die Arbeitgeber benachrichtigt.

Jugendrichter Herr Augenreich hatte subjektiv den Eindruck einer Zunahme von Gewaltdelikten. Manche Angeklagte sind nicht einfach zu beeindrucken und da gäbe es sehr individuelle Unterschiede. Ein Drogenrausch sei nicht generell strafmindernd. Es käme auf den einzelnen Fall an. Allgemein gibt es hierbei eine Tendenz zu weniger Strafminderung. Die gesetzlichen Möglichkeiten würden ausreichen. Eine Frage aus dem Publikum nach gezielter Ausnutzung der gesetzlichen Straffreiheit bei Delikten von Zwölfjährigen blieb am Ende unbeantwortet.

Diplom Sozialpädagoge Herr Feise berichtete aus seiner Arbeit, dass es aussichtsreich sei mit den Müttern zu arbeiten. Die Väter wären meistens nicht anwesend. Leute aus mittelasiatischen Ländern hätten eine andere Kultur. Über die Mütter jedoch könne man einwirken.

Soziologin Frau Rabold vom Kriminologischen Forschungsinstitut berichtete aus der Forschung. Danach haben die Anzeigen ("Hellfeld") zugenommen, jedoch nicht die Gewalt insgesamt. Nach Befragungen von Schülern ("Dunkelfeld") sei die Gewalt insgesamt seit Langem rückläufig. Die Ursache von Gewalt liege hauptsächlich im familiären Umfeld. Gewalt in der Familie und die "Kultur der Ehre" bewirken vor allem bei Russen und Türken mehr Gewalt. Gewalttätige Freundesgruppen spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle. Umfragen würden zeigen, dass, wenn die allgemeine Einstellung zur Gewalt denen der Deutschen entspricht, auch das Gewaltverhalten ähnlich ist. Die höhere Gewaltbereitschaft bei bestimmten Gruppen läge also an deren Kultur.

Aus dem Publikum beteiligten sich besonders praxiserfahrene Teilnehmer an der Diskussion. Eine Lehrerin aus einer Fördereinrichtung mit Gewalttätern schilderte die Probleme dort und suchte nach einem Weg überhaupt etwas bewirken zu können. Das Problem sei die Gruppe. Man käme nur schlecht an die Schüler heran. Die Initiativen verpuffen einfach. Die vierte Klasse sei wie eine Zeitbombe. Ein Schüler erzählte ihr, wie er den Richter hinters Licht führte und an einer Gefängnisstrafe vorbei kam. Von den Schülern hätten die meisten einen Migrationshintergrund.

Ein Lehrer, der Präventionsarbeit an seiner Schule betreibt, berichtete von guten Erfahrungen. Veränderungen seien im Laufe der Jahre spürbar. Ein anderer Teilnehmer benannte Drogen inkl. Alkohol als Problem bei Jugendlichen. Frau Rabold antwortete, dass Drogen einen Einfluss haben, jedoch nicht zu den wichtigsten Faktoren gehören würden.

Zum Abschluss betonten mehrere Redner die Wichtigkeit des Hinschauens und des sich Einmischens - ein Verhalten, das manchmal sehr schwierig ist. Jeder könne es jedoch entsprechend seinen Möglichkeiten lernen.

Eine mögliche Beantwortung der Fragestellung "Jugendgewalt, was tun?" findet sich in folgender auf der Veranstaltung verteilten Broschüre:

Schülerbefragung 2005:
Gewalterfahrung, Schulschwänzen und Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen
Dezember 2006, Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. (KFN), www.kfn.de
In der Broschüre wird eine Reihe von Vorschlägen aufgelistet. Dazu gehört auch die Verteilung von Migrantenkindern auf Kindergärten und Klassen, damit "Memet" die Chance erhält mit "Max und Moritz" im Sandkasten zu spielen bzw. zu lernen.

Das Veranstaltungsplakat: -> mehr

Fotos/Text: Klaus Öllerer
Letzte Änderung: 13.05.2008

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