Bericht 21-08

 

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Fr., 25.04.2008, Kulturforum und Hannoversche Volksbank
Figurativ eröffnet
25. April bis 30. Mai, Hannoversche Volkbank KompetenzCenter Linden, Minister-Stüve-Straße 22

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Nach dem ersten Beitrag wird ein Diskussionsforum eingerichtet.

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Stefan Stettner -> Homepage
Johanna Paula + Benedikta und die Nackte (Welt)
Acryl auf Leinwand
3.300 €

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v.l.n.r.: Gisbert Fuchs (Vorstand Hannoversche Volksbank ) - Bodo Dringenberg (Schriftsteller) - Hans-Jürgen Giesecke (Vorsitzender Verein Lebendiges Linden e.V.) - Katharina Sickert - Jochen Krüßmann - Stefan Stettner

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Fotos: Öl/Schaefer, Text: Öl
Letzte Änderung: 15.04.2008

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Jochen Krüßmann -> Homepage
Bandarbeiter
Acryl auf Leinwand mit Bleistift
2.400 €

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Katharina Sickert -> Homepage
Frau B.
Eitempera auf Leinwand
1.600 €

Auszüge aus der Einführung von Bodo Dringenberg am 25.04.08

Hannoversche Volksbank zeigt FIGURATIV: Sickert, Krüßmann, Stettner

FIGURATIV kann durchaus verschiedenes bedeuten. Es kann damit gemeint sein, dass eine reale Figur dargestellt oder wiedergegeben wird. Aber FIGURATIV kann auch meinen, dass in der bildenden Kunst etwas Abstraktes, ein Zustand, ein Begriff, gegenständlich gezeigt wird. Beide Bedeutungen von FIGURATIV werden von der Künstlerin und den beiden Künstlern sehr unterschiedlich realisiert.
Die ungewöhnliche Hängung ihrer Bilder hat es darauf angelegt, den Betrachtenden ästhetische Differenzen und Näherungen nahe zu bringen. In jeder der drei Ebenen der Bank sind alle drei Künstler vertreten, aber durchaus nicht beliebig, sondern in mal kontrastierenden, mal ähnlichen Bildmerkmalen. Diese gemischte und genau komponierte Hängung ist eine sehr uneitle Form der Präsentation von Gemälden. Es handelt sich aber vor allem um eine sehr publikumsfreundliche Hängung, in welcher sich die Modalitäten von FIGURATIV plausibel entfalten können. FIGURATIV ist eine Ausstellung, die auch herausfordert, die Bilder der Künstlerin und die der beiden Künstler zu identifizieren und dabei den Blick lustvoll zu schärfen.

Katharina Sickerts Malerei mit Ei-Tempera auf meist eher dunkelfarbigen Hintergründen ist oft umrißhaft, manchmal wie mit dem Pinsel gezeichnet. Mitunter gibt es graphisch wirkende Linien, leichte fast schwebende Auflösungen des Figurativen mit einer oft verblüffenden Transparenz.
Das gilt auch für zwei ihrer Frauenbilder, beide grau-schwarz-weiß. Eines ist mit Häkelschlingenpartien ausgestattet, endlose Häkelschlingen, in denen sich die weiblichen Figuren wie in einem Netz verfangen können. Die andere Frau - Sie kennen sie von der Einladungskarte - steht schwer gebückt über einem Waschbecken. Auf ihren stämmigen Beinen sind weiße Strümpfe bis zu den Oberschenkeln gezogen. Darüber ist eine helle dreieckige Unterhose, tangaartig, und gekrönt von einer besonders großen Tätowierung im Lendenbereich, einem so genannten Arschgeweih. In diesem Porträt in uns abgewandter Haltung bleiben die Anstrengungen nach Lebensglück im Grau und Anthrazit stecken, in einer unerotischen Körperhaltung. Diese Trostferne verstärkt nicht zuletzt dieses Arschgeweih, das eigentlich Mut und Verzierung bedeuten soll, aber doch bloß ein Klischee gescheiterter Erotik reproduziert. Ein gelungen illusionsloses Porträt, ein Bild ohne jede Koketterie und versöhnende Elemente.
Im Seitenflur des ersten Stocks befindet sich eine Putzfrau, eine kniende Frau mit Eimer, die den Boden wischt. Sie ist trotz ihrer runden Formen eher fein als grob oder gar ordinär gemalt. Das Bild ist ebenso wie der Blick der Künstlerin auf die kniend gebückte Figur nicht unfreundlich. Die Sehnsucht nach Schönheit ist in dieser einfachen, zugleich schweren Tätigkeit nicht erloschen. Mit dem blumengemusterten Kittel und seinen zarten, aufsteigenden rosa Pastellstreifen entsteht eine Spannung, als ob diese marginalisierte Frau ihrem trüben Arbeitsvorgang entrinnen könnte.

Stefan Stettner greift mit seinen scharf begrenzten Farbflächen, der Motivwahl und Betitelung in originärer Weise auf die Kunst- und Kulturgeschichte bis zur Gegenwart zurück. Er treibt dabei ein mehrfach doppeltes Spiel mit uns Betrachtern. Stettners Vermeidung von Raumillusion und seine Betonung des Flächigen führt zu vertrackten Effekten: wir betrachten quasi eine Figurfläche auf der Leinwandfläche und sehen dennoch - räumlich mitdenkend! - dreidimensional figürlich.
Adam und Eva gleich neben der Tür - nicht zum Paradies sondern zur Volksbank - sind motivisch und im Bildaufbau an Dürer geschult. Stettner bringt die beiden sündigen Akteure farbfroh und unbeschwert wie Stelltafeln in den Garten Eden. Adams Blick gleitet über die Schlange zu Evas Brüsten, Eva fixiert sowohl die Schlange als auch Adams blattbedecktes Geschlecht, den orangefarbene Apfel der Versuchung trägt sie lässig wie eine Boule-Kugel in der Linken verborgen.
Und die Nackten sind noch grün, heller als die Bäume, und erfreulich undramatisch auf die Leinwand gebracht. Solch ein Sündenfall macht keine Furcht, solch ein gemalter Sündenfall ist der Sphäre von Fluch und Verdammnis locker entzogen. - Schön!
Doch Stefan Stettners Malerei ist viel mehr als bloß ein farbenfrohes, reduktionistisches Spiel mit Vertrautem. Sie steht mit ihren klaren Konturen in der hard edge-Tradition der Pop Art-Ära und besitzt eine ganz eigenwillige, individuell bedeutsame Farbverwendung. Es sind Monochromien, die sich in den figurativen Darstellungen an gängigen Sehgewohnheiten reiben und klischeehafte Farbzuordnungen vermeiden. Das ist oft irritierend, meistens ironisierend und manchmal auch erheiternd, gerade wo es um heikle Themen wie Erotik oder Tod geht.

Joachim Krüßmanns Malerei reicht von gegenständlich bis gestisch, hat eine sehr eigene Motivik, die von scheinbar vertraut bis verstörend reicht. Eine seiner Besonderheiten ist, dass sich in seinen Kompositionen Bleistiftzeichnung und Malerei durchdringen.
Sechs seiner "Bandarbeiter"-Bilder reihen sich auf der hinteren Stirnwand im zweiten Stock. Fast als hybride Mensch-Maschinen treten diese Einzelporträts vor die Betrachter. Besonders bei diesen "Bandarbeitern" fallen verschlossene, manchmal bedrohliche und fast ausgelöschte Gesichter auf. Zudem weist dieses sehr präsente Personal leibliche Anomalitäten auf, und die menschlichen Figuren wirken wie kostümiert. Ein dekonstruiertes Personal wird vorgeführt, das Reklameplakaten, Trivialmythen und Fernsehserien entsprungen scheint. Ihnen sind - auf den ersten Blick fremd wirkend - kleinere Abbildungen aus Gebrauchsanweisungen beigefügt. Wie auch ein Mensch mehr oder minder funktional und dinglich wird, spitzt Krüßmanns figurative Malerei zu. Nur einigen dieser Porträts eignet ein furchtsamer Akzent, eine Spur geronnenen Schreckens dringt da durch Mimik, Positur und Farbabschattungen.
Manchmal, wie bei seinen Jazz-Bildern, wirken Krüßmanns Akteure aber von den dunklen Farbkompositionen wie geschützt, getragen und erfüllt. Gemalt wurde wie perspektivisch aus dem Publikum heraus, das zu den Solisten aufblickt. Ruhige Bewunderung, der vielleicht in ihrer Kunst stimmig Lebenden zeigt dieses Sujet. Krüßmanns Gemälde sind immer auch Entdeckungsreisen in Stile und Malweisen. Es ist eindrucksvoll zu sehen, wie Übermalungen mit Bildeinklebungen und Zeichnungen sich gegenseitig verstärken oder auch gegensätzliche Wirkungen erzeugen.

© Bodo Dringenberg