Bericht 44-06

 

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Sa., 19.08.2006 Eröffnungsfeier Küchengartenplatz
Stroganow und Lindemann
               Zwei ehrenwerte Bürger erklären unsere Welt

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Lesung: "Lindemann" Hans-Jörg Hennecke (li.) und "Stroganow" Kersten Flenter. Stroganows Tochter möchte etwas über die Geschichte des Küchengartens erfahren:
„Also, drei Möglichkeiten: entweder du gehst auf den Berg in den Pavillon und fragst die netten bärtigen Männer, oder aber du gehst an meinen Computer und suchst im Internet, ach nee, das vergessen wir mal… oder aber, du gehst zu dem netten alten Mann da hinten, das ist der Herr Lindemann. Ein Zugereister zwar, aber der kennt sich mit der Geschichte von Linden ziemlich gut aus, und der weiß bestimmt auch was über den Küchengarten."„Welchen alten Mann meinst du denn? Hier sind so viele. Du bist auch ein alter Mann."
„Der da! Der mit dem Bier!"
Da schaut Stroganows Tochter etwas verwirrt -  als ob so eine Aussage in Linden eine Orientierung gäbe…     Hier geht's weiter -> mehr

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Der Umbau des Küchengartenplatzes ist beendet. Zur Feier des Tages organisierte der Bezirksrat Linden/Limmer ein kleines Kulturfest mit Mitwirkenden aus Lindener Organisationen und der umliegenden Gastronomie.

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"Die Lindener können jetzt sagen: unser Treffpunkt, das ist unser Küchengarten". Kaum war die Eröffnungsfeier im Gange, begann es zu regnen. Also eine „Platzeinweihung bei Platzregen", wie Bürgermeister Bernd Strauch launig bemerkte.

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Gemeinsame Lesung von Hans-Jörg Hennecke und Kersten Flenter

In einem Sommer wie diesem ist alles anders

Zwei ehrenwerte Bürger erklären unsere Welt, die bekanntlich vor allem zwischen Ihme und Fösse stattfindet.

Prolog der Nörgler und Grantler:



Lindemann: Ein Küchengarten!

Stroganow: Was für'n Garten?!

Lindenmann: Und wo ist die Küche?
 
Stroganow: Städtische Bäder – und wo ist der Sprungturm?

Lindemann: Ihme-Zentrum, Linden-Park: Eigentum verfremdet…

Stroganow: Gilde-Carré – da wird kein Liter Bier gebraut!

Lindemann: Jedenfalls können sich hier Leute treffen und kennen lernen.

Stroganow: Schönen Dank, ich kenne schon genug Leute.



In einem Sommer wie diesem ist alles anders. Tauben fallen verdurstet vom Himmel, Verkäuferinnen lächeln, Bankangestellte lockern ihre Krawatten und springen in die Leine. Dies darf man sich nun ganz offiziell trauen, seit Linden einen echten Leinestrand hat, und es gibt allerhand kleine Kinder, die dies vormachen und selten ertrunken sind. Kein Wunder, denn die Leine ist an dieser Stelle so flach wie die Gedanken von Stroganow.
Stroganow sitzt seit neuestem gern in einem Etablissement mit Namen „Seeteufel". Wäre es nicht Sommer, würde er vielleicht darüber nachdenken, was für ein See hier gemeint sein könnte, denn die Glocksee kann es nicht sein, die ist woanders. Stroganow aber denkt wie gewohnt kaum bis langsam, aber unglücklicherweise sitzt ein Kind neben ihm, mit dessen Mutter er vor Jahren einen kurzen Genaustausch hatte. Folgerichtig hat das Kind auch ein Recht, Stroganow Fragen zu stellen.
„Papa, die Frau vorhin war aber komisch!"
„Du meinst die mit dem Dobermann, der oben auf dem Lindener Berg an die Von Alten-Gruft gekackt hat?"
„Genau. Du warst aber böse auf die!"
„Und womit? Mit Recht! Denn weißt du, dieser Berggarten sieht zwar aus wie ein Park, ist aber immer noch ein Friedhof, und auf Friedhöfe kackt man nicht."
Stroganow ist froh, dass er seiner Tochter etwas über das Leben im Allgemeinen beibringen kann.
„Warum hat die denn behauptet, sie wäre von der Polizei?"
Darüber muss Stroganow nachdenken, und kommt zu folgendem Schluss:
„Ich glaub, die hat ne Macke."
Stroganows Nachkommende sinniert einen Augenblick.
„Papa!?"
„Ja?"
„Da steht so ein komisches Haus auf dem Berg."
„Du meinst den Küchengarten-Pavillon."
„Wer wohnt denn da?"
„Keiner. Früher stand der übrigens ganz hier in der Nähe, da wo Pavillonstraße und Fössestraße zusammentreffen."
„In echt?" wundert sich Stroganows Tochter, „und wie ist der dann auf dem Berg gekommen?"
Stroganow kommt ins Schwitzen, jetzt muss er in seinem Zugereistenhirn nach einer Packung Halbwissen kramen.
„Weißt du, früher war das mal ein Lusthaus, König Schorse der Zweite hat das bauen lassen, am Rande eines großen Gartens, der hier mal war."
„Wo hier? Was ist ein Lusthaus?"
„Schnauze. Wie wär's mit einer neuen Bionade?"
„Aber nicht wieder Holunder. Was ist ein Lusthaus?"
Stroganow seufzte.
„Also, das Ding ist vor etwa 250 Jahren gebaut worden, und man nannte es „Belvedere", das heißt soviel wie „Schöne Aussicht".
„Wieso schöne Aussicht? Wenn man direkt aufs Ihme-Zentrum guckt?"
„Ich glaub, das gab es damals noch nicht."
Stroganows Tochter guckt etwas argwöhnisch.
„Und was war das für ein Garten, den du meinst? War das ein Schrebergarten wie unserer?"
„Pass mal auf, Zuckerschnecke, deinem Papa ist ganz schön warm, und es gibt so viele schlimme Dinge auf der Welt. Kriege, hungernde Kinder, die große Koalition, deine Mutter. Lass uns lieber über wichtige Dinge reden, die was mit heute zu tun haben. Willst du noch ne Bionade?"
„Aber nicht wieder Holunder. Und jetzt weiß ich immer noch nichts über den Garten und das Lusthaus."
Stroganow fürchtet nun ernsthaft um sein wohlverdientes Nichtstun und besinnt sich darauf, dass Erziehung in erster Linie Anleitung zur Selbständigkeit bedeutet, ein Begriff, der natürlich nur durch eine dünne Linie von solchen wie Indifferenz und Bequemlichkeit getrennt ist.
„Weißt du was Spaß macht?" fragt Stroganow seine Tochter listig.
„Eis essen und Gummitwist!"
„Das gibt's doch gar nicht mehr. Egal, nein, ich meine etwas anderes: am tollsten ist es, wenn du alles selbst herausfindest."
„Wie denn?"
Stroganow sieht sich um und entdeckt die Lösung.
„Also, drei Möglichkeiten: entweder du gehst auf den Berg in den Pavillon und fragst die netten bärtigen Männer, oder aber du gehst an meinen Computer und suchst im Internet, ach nee, das vergessen wir mal… oder aber, du gehst zu dem netten alten Mann da hinten, das ist der Herr Lindemann. Ein Zugereister zwar, aber der kennt sich mit der Geschichte von Linden ziemlich gut aus, und der weiß bestimmt auch was über den Küchengarten."
„Welchen alten Mann meinst du denn? Hier sind so viele. Du bist auch ein alter Mann."
„Der da! Der mit dem Bier!"
Da schaut Stroganows Tochter etwas verwirrt -  als ob so eine Aussage in Linden eine Orientierung gäbe…    
 
 
Mein Bier lass ich mir doch nicht mies machen, auch nicht von diesem komischen Typen da drüben, denkt Lindemann. Netter alter Mann, das fällt dem gerade noch so ein, aber nichts zum Küchengarten. Lindemann streckt sich. Alt? Könnte man eigentlich nicht sagen. ‚Ein gestandener Mann' wäre vielleicht die angemessene Formulierung. Ein Mann in den besten Jahren, das ginge auch. Hätte nur noch gefehlt: Der da mit den friedhofsblonden Haaren...
Kein Wunder, diese vernichtende Pisa-Studie. Zudem hat Lindemann seit langem eine gesicherte Erkenntnis, was Kinder betrifft: Sie sind laut und klebrig und schließlich bekommen sie keine Lehrstelle.
„Bist du der zugereiste Mann, der den Küchengarten erfunden hat", fragt das Mädchen ohne jegliche Vorrede.
Das unbefangene Wort verwirrt Lindemann, aber gleichzeitig fühlt er sich als Beamter verpflichtet, dem Gemeinwesen auf die Sprünge zu helfen, selbst wenn es in Gestalt eines unmündigen kleinen Mädchens auftritt. Lindemann hat sich ausgiebig mit dem Thema Küchengarten beschäftigt, schließlich war da gerade mal wieder arbeitsbeschaffend herumgebuddelt worden.
Und wenn Lindemann sich mit einem Thema wie dem Küchengarten beschäftigen muss, tut er das gründlich und greift bei der Recherche auf altehrwürdige und seriöse Materialien zurück. Das älteste Dokument, das er fand, war die Genesis.
„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser."
Das könnte hier gewesen sein, denkt Lindemann, aber Geist über dem frühen Küchengarten, gar der Geist Gottes? Lindemann möchte Baumeistern nicht zu nahe treten und er weiß, jeder hat seine Fans, sogar Lindemann.
Das Mädchen schaut skeptisch. „Du bist nicht Gott, der hat einen Rauschebart. Du hast nur Bartstoppel und die sind doof, weil die beim Schmusen pieksen."
Lindemann merkt, dass seine Gesprächspartnerin noch nicht über die intellektuelle Reife verfügt, um die Relation von Gott in der Höhe, Linden auf der Erde und dem Küchengarten im besonderen zu diskutieren. Er versucht es also eine Etage tiefer:
„Hier gab es viel Wasser, hier war mal ein Meer. Das ist bewiesen, das haben sogar Bauarbeiter bei Schachtarbeiten bestätigt gefunden. Was hier im Untergrund historisch ist, hat sein Leben im Meer verbracht. Fische wimmelten reichlich, weil es noch keine Fangquoten der Europäischen Union gab. Davon hatte aber niemand etwas, denn es gab auch noch keine Menschen. Nicht einmal am Küchengarten."
„Ich spiele lieber mit den anderen Kindern Fangen. Mit deiner europäischen Union kannst du mich mal", spricht das Mädchen und trollt sich. Lindemann sinniert, dass die Europäische Union bei Volksabstimmungen in Frankreich und Holland genauso abgesagt war, das Mädchen sich also zumindest auf der Höhe des Mainstreams der fortgeschrittenen europäischen Einigung befindet.
Alleingeblieben sinniert Lindemann weiter an seinem gedanklichen Ausgangspunkt.
Das Paradies inklusive Adam, Eva und listiger Schlange lag woanders. Lindemann schaut in sein Bier, weil dieses Gebräu schon etwas mit Paradies zu tun hat und ist froh, dass die frühe Menschheit das Paradies nicht wegen Trinken, sondern wegen Essen verloren hat. Aber selbst nach der Vertreibung aus Eden war der Herrgott nicht auf den absurden Gedanken gekommen, die beiden Menschen plus Schlange am Küchengarten anzusiedeln.
Nein, der Küchengarten war die Tat hannoverscher Fürsten.
Was Gott geschaffen hatte, war jedoch Republik und nicht Monarchie.
Das drückte der Dichter Heinrich von Reder aus, als er den Bundschuh-Bauernführer Florian Geyer würdigte:
„Als Adam grub und Eva spann,
Wo war denn da der Edelmann?"

Und doch gäbe es ohne Monarchie den Küchengarten nicht, jedenfalls nicht diesen und auf jeden Fall nicht so und er wäre auch nicht vor 140 Jahren urplötzlich verschwunden. Nach den Hungerjahren des 30jährigen Krieges, die in der Regel natürlich nur das gemeine Volk zum Friedhof brachten, ließen die hannöverschen Fürsten 1652 einen Lust- und Küchengarten zur Versorgung ihres Schlosses anlegen. Ackerbau, Fischteiche, Bierbrauerei – an alles war gedacht. Ein Garten - so groß wie die Gärten aller Lindener Arbeiter zusammen, aber die gab es erst viel später, die wurden erst angelegt, als das König- und Kaisertum hierzulande Pleite gemacht hatte.
Überhaupt, denkt Lindemann, verschwinden in Linden andauernd Sachen, die gemeinhin als Immobilien gelten. Immobilien sind unbewegliche Güter. Wie immobil war der Küchengartenpavillon, als er gegen 1914 stückweise auf den Bergfriedhof verfrachtet wurde? Manche Immobilien verschwinden in Linden auch komplett und rückstandslos. Wo ist die Fannystrasse geblieben? Was ist mit der Brauerei? Wer hat die Lichtenbergplatz-Kastanie geklaut? Alles immobil und doch verschwunden. Wie die sieben großen Biere, die Lindemann zu diesem Zeitpunkt bereits verinnerlicht hat. Nur das Ihme-Zentrum kann er noch deutlich erkennen.

„Und?" fragt Stroganow, als seine Tochter etwas ratlos an seinen Tisch zurückkehrt.
„Ich glaub, der ist ein bisschen schräg", erwidert sie, „genau so ein langweiliger Schwätzer wie du! Ich will lieber spielen!"
„Nimm dir noch ne Bionade!"
Schön, dass das Kind so offen und ehrlich ist, denkt Stroganow, während die Bedienung unaufgefordert ein neues Bier plus Bionade vor ihnen abstellt, das ist eindeutig eine Frucht meiner fein dosierten Erziehungshäppchen, alle vier Wochen. Aber was meinte sie mit „Schwätzer"? Der Mensch spricht nun mal, er ist ein soziales Wesen und erblüht erst in der Kommunikation mit seinen Mitmenschen. Wenn er das nicht tut, klettert er irgendwann auf's Ihme-Zentrum und springt auf die Spinnereistraße, und wenn es schlecht läuft, löst er damit eine ziemlich skurrile Kettenreaktion aus. Alles schon gehabt. Sprechen wir also.
„Der erste Satz geht meistens schief", sagt Stroganow und setzt sich zu Lindemann an den Tisch.
„Vortreffliche Einleitung", kontert Lindemann, und ergänzt: „meistens nicht nur der erste…"
Wohl war, denkt Stroganow und sagt: „So scheitert menschliches Miteinander zumeist schon an der Begrüßung. Wir beide aber, scheint mir, sind vom gleichen Schlage und wollen uns hier zusammenfinden, um unsere Horizonte zu erhellen, jedenfalls soweit, dass ihnen der künftige Linden-Park nicht mehr im Weg steht."
So hab ich mir diesen Stroganow vorgestellt, denkt sich Lindemann, ein Typ wie Stokelfranz, nur anders. Sitzt den ganzen Tag bei glücklichem Kaffee von freilaufenden Nicaraguanern aus Bodenhaltung, analysiert die politische Lage beim Bier und furzt auf die Geschichte. Und bewegt rein gar nichts.
„Meine Tochter", sagt Stroganow, dreht sich zu ihr um, kann sie aber auf dem ihr zugewiesenen Platz nicht mehr entdecken, und wendet sich wieder Lindemann zu, „fragte mich eben noch, ob es richtig sei, dass in so einem ehrenwerten Gebäude wie dem Küchengartenpavillon in den Jahren seines Niedergangs zeitweise Schweine hausten. Und dies führt mich zu der nicht unwichtigen Frage, was an dieser Überlieferung stimmt – sprachen die Geschichtsschreiber hier in Metaphern und meinten damit eigentlich die  Behausung dieser Behausung durch die Schergen der Obrigkeit, oder waren hier tatsächlich die possierlichen Nutztiere gemeint? Und wenn ja, wo sind all die Schweine hin? Sind Schweine mobil?"
Wenn Schweine und Gärten verschwinden, denkt Stroganow, woran können wir uns dann noch halten? Wir brauchen Traditionen.
„Wir brauchen Traditionen", sagt Stroganow, und Lindemann ahnt, dass sein gegenüber hier von verzwickten Dingen spricht. „Zum Beispiel ist es gut, in regelmäßigen Abständen ein Pils vor sich hingestellt zu bekommen. Eine Tradition kann nämlich auch für den kurzen Zeitraum von drei Stunden eine Tradition sein. Prost!"
Stroganow schaut sich wieder um. Wo ist denn das Mädchen hin? Nirgends zu entdecken. Nun, sehen wir es positiv, denkt er, denn schließlich ist dies ein Zeichen, dass auch eine Tochter keine Immobilie ist."


„Männer", stöhnt Oma Kasten aus dem ersten Stock, der das Ganze natürlich nicht entgangen ist. „Wenn die von Tradition reden, geht es nicht unter 40 Volumen-Prozent ab."  Das Mädchen schaut interessiert und erwartet zu Recht umfassende Aufklärung.
„Aus der Tradition heraus muss man den Küchengarten erklären. Uns wurde früher die Geschichte in Märchen verständlich nahe gebracht. Da gab es feuerspeiende Drachen und furchtlose Recken, die jeden Drachen besiegten, dafür bekamen sie die schöne Königstochter und das halbe Königreich. Verstehst Du das?"
Das Mädchen nickt heftig. „Na klar. Du meinst die Terroristen und die werden von der Bundeswehr in Afghanistan oder dem Kongo und bald in Nah-Ost besiegt.
Die schönen Jungfrauen gibt es aber erst im Paradies und nur für Terroristen. Das ist doch ungerecht."
Oma Kasten schaut fassungslos auf das empörte Mädchen. Sie entspannt die Lage mit dem jahrhundertealten Spruch, der sie schon vor 70 Jahren wurmte:
„Das verstehst du nicht, dafür bist du noch zu klein. Aber ich erzähle dir mal die Geschichte vom Küchengarten.
1652 ging es dem Kurfürsten von Hannover gar nicht gut, weil er nur den Zehnten von seinen Untertanen bekam. Und die nagten am Hungertuch und der Zehnte vom Hungertuch... nun ja, er wird gesagt haben: ‚Davon wird kaum noch meine Katze satt. Es ist so viel, wie der Hundertste bei meinem Großvater. Ich lege einen eigenen Garten an, dort können meine Untertanen ihre fröhlichen Hand- und Spanndienste leisten, die ja deshalb Frondienst heißen. Und wir, von Gottes Gnaden, ernten die dicksten Kartoffeln.' Was der Kurfürst nicht wusste: die dicksten Kartoffeln hatte auch damals schon der dümmste Bauer. Ja Mädchen, besonders schlau waren die Kurfürsten und Könige von Hannover nicht. Der letzte verspielte seinen Küchengarten gar inklusive Hof und Heimat an die Preussen."
Oma Kasten treibt es die Tränen in die Augen. Wie spannend wäre die Yellow-Press, wenn noch über echte Könige und Königinnen von Hannover zu berichten wäre. Ernst-Augusts Uriniergeschichten sind kein wirklicher Ersatz.
Das Mädchen trollt sich mit dem abgestandenen Wissen von Oma Kasten aus dem ersten Stock zu den Männern, um mehr über Tradition zu erfahren. Lindemann freut das, er ist es nämlich leid, immer nur Fragen zu beantworten, die keiner stellt.
„Unsere Tradition beginnt bekanntlich mit den alten Germanen. Die haben Geschichten gemacht, aber keine hinterlassen. Dafür haben wir ein Buch des Römers Tacitus, der unsere Vorfahren genau beobachtete. Er schrieb:
‚Als Getränk dient ihnen ein Saft, der unter Verwendung von Gerste oder Weizen bereitet und ähnlich wie Wein vergoren ist... Die Speisen sind einfach: wildwachsendes Obst, frisch erlegtes Wildbret oder geronnene  Milch...
Gegen den Durst zeigen sie nicht die gleiche Beherrschtheit. Wenn man ihrer Trinklust dadurch Vorschub leistet, dass man ihnen so viel zuführt, wie sie trinken wollen, wird man sie ebenso leicht durch ihre eigenen Laster wie durch Waffengewalt bezwingen können.'
Tja, und nach diesem Rezept von Tacitus ist der Küchengarten angelegt worden. Die Brauerei wird das Kernstück gewesen sein, die Brauhofstrasse legt Zeugnis davon ab. Eine Blumenkohlstrasse oder Salatstrasse gibt es in Linden jedenfalls nicht." Lindemann legt sich selbstzufrieden zurück und nimmt einen kräftigen Schluck. „Jetzt weißt du", bescheidet er in Richtung Mädchen, „wie das mit der Tradition ist. Und wenn da noch Lücken bleiben: Hier laufen jede Menge KommunalpolitikerInnen rum, die sollen ein Schild spendieren, wo alles leicht verständlich beschrieben wird."


In Stroganows Augen bilden sich schwarze Striche – rechts ein Frage- und links ein Ausrufezeichen! Seiner Kehle entfährt ein glucksendes Geräusch, das am besten sofort mit einem Schluck Bier vergessen gemacht wird.
„Kommunalpolitiker können ja eine Menge spendieren, aber das mit den Schildern sollten sie lieber bleiben lassen! Saß ich neulich mit einem befreundeten Autor, der, das nur nebenbei, sich seit Jahren von meinen Geschichten ernährt, am neu errichteten Leinestrand kurz vor der Schwanenburg. Ein Ort wie geschaffen für geistiges Abhängen und körperliche Erfrischung, geschaffen aus Anlass des europaweiten Flussbadetages im Juli, dann einfach dagelassen, weil den Organisatoren das Geld zum Abräumen des Sandes fehlte. Und das war auch gut so, denn - die Lindener sind schnell in der Auffassung und immer offen für neue kostenlose Freizeitbeschäftigungen – gleich ab dem nächsten Tag war ein neues viel frequentiertes Strandbad geboren. Ein wunderbarer Ort für Mütter und ihre Kleinkinder, die mit den Pfandflaschen ihrer Platznachbarn prima im Wasser spielen konnten. Aber, wie bei allen schönen Dingen, treten spätestens am zweiten Tag die Neider und Querulanten auf den Plan. Und jetzt, mein neuer Beamtentrinkgenosse, komme ich auf die Sache mit den Schildern: zunächst erschienen links und rechts des Strandes je ein Warn-Schild: „Baden hier lebensgefährlich – Übungsstrecke für Wasserskier". Sowas, lieber Freund, kommt dabei raus, wenn Kommunalpolitiker Schilder aufstellen: Sprachgrütze ersten Grades – warum, bitte schön, sollen denn Wasserskier ein Übungsgelände haben? Was üben denn Skier? Wer hier zu üben hat, sind deren Besitzer, die Wasserskifahrer, im Übrigen eine  Pest, die den Flussbewohnern schon lange ein Dorn im Auge ist. Eine elitäre Clique von Wasserverschmutzern und Lärm-Verursachern, die zu den schönsten Tageszeiten den Spaziergang am Leineufer, oder das Sitzen im Dornröschen, diesem einzig moderesistenten Etablissement, unmöglich machen."
Alle Achtung, denkt Lindemann, dieser Stroganow hat zwar kaum noch Haare auf dem Denkgehäuse, aber er spricht ganz flüssig in Schachtelsätzen, und trotz all dieser Nachmittagsbiere kann ich ihm noch folgen.
„Und damit nicht genug", fährt Stroganow fort, es brauchte nur ein paar Zeitungsartikel, dann wurde das Baden dort ganz verboten, nur vorübergehend, hieß es zwar, der Zorn der Schwimmer war aber berechtigt. Denn: wo sollen Familien mit ihren Kindern denn noch schwimmen gehen, wenn die Stadt die Zuschüsse fürs Fössebad soweit runter streicht, dass die Eintrittspreise dort für das gemeine Volk kaum noch zu bezahlen sind? Da schafft man nun eine volksnahe Möglichkeit der sommerlichen Erfrischung, und nur weil ein paar Motorbootraser ein bisschen Penunze ins Stadtsäckelchen werfen,  soll das ganze wieder abgeschafft werden. Kaum gedacht, standen am Strand dann zwei riesige Schilder: `Baden verboten! Lebensgefahr!' Sowas hätte man hier an das TAK-Bad nie geschrieben. Und überhaupt: man soll doch nicht die Gefährdeten strafen, sondern erstmal die Gefahren beseitigen!"
„Gute Rede", stöhnt Lindemann, und überlegt noch einmal, ob er sich am Küchengarten Schilder wünscht. Ein Blick auf Oma Kasten bringt ihn auch nicht in seinen Gedanken voran, höchstens in der Einsicht, dass Oma Kasten auf Wasserskiern eine Stadtteilattraktion wäre. Soll man die Wasserskifahrer enteignen?
Eine Überlegung, der sicher nachzugehen wäre, aber, gerade bei dieser Hitze: ein Beamter sollte nicht mehr nachdenken, als unbedingt erforderlich. 

Früher war das für Beamte sogar verboten, das Denken, weiß Lindemann. Da verkündeten Vorgesetzte  reichsweit die gestanzte Verhaltenvorschrift: ‚Überlassen Sie das Denken den Pferden, die haben die größeren Köpfe.'
Die Vorschrift ist längst außer Vollzug geraten. Stroganow vermutet vermutlich, das läge an der Einführung von Demokratie, die das Baden zulässt, wo es verboten ist. Lindemann weiß es besser: Es gibt keine Pferde mehr. Nicht mal die Brauerei hat noch Pferde. Schlimmer ist, dass es sogar die Brauerei nicht mehr gibt. Schilder mit der Erklärung ihres Verbleibs führen auch nicht weiter, sieht Lindemann ein. Schilder führen schnurstracks nach Schilda, wo bekanntlich die Bürger ihr versehentlich  fensterloses Rathaus durch das Hereintragen von Sonnenlicht erhellen wollten. Also sollen die Politiker doch machen, was sie wollen. Irgendeine Dienstvorschrift wird schon dabei herausspringen, an die Lindemann sich im Zweifel halten kann. Im übrigen gibt es in Deutschland gezählte 19 Millionen Gebäude, da kann schon mal das eine oder andere wegkommen. Es muss ja nicht gleich meine Stammkneipe treffen, hofft Lindemann.
Trotzdem, interessanter Typ der Stroganow. Man kann sich mit ihm vortrefflich unterhalten, weil man wohl auf der gleichen Wellenlänge denkt. Ich sollte ihn gegen den unsäglichen Stokelfranz austauschen, vielleicht gibt es irgendeine verwaltungsinterne Durchführungsverordnung, die das ermöglicht.
Wie kommt es eigentlich, fällt Lindemann unvermittelt ein, dass Bier Pilsener Brauart die Gehirnwindungen so geschmeidig macht und damit das Denkvermögen maßlos erweitert? Ob Pferde Bier getrunken haben? Ganz sicher. Schon Lindemanns Opa sagte  seinerzeit: ‚Man muss die Pferde saufen lassen.' In so ein Pferd passt ja auch ‚ne Menge rein. In Stroganow ebenfalls, fällt Lindemann auf. Der soll aber nicht glauben, dass ich nicht mithalte, nur weil ich keine Wasserskier habe.
Und – wie wird das enden? Für Stroganows Tochter ist längst aller Tage Abend, zumindest was die beiden alten Männer anbetrifft. Lindemann jedoch denkt nun bierselig in größeren Kategorien.
Man muss unbedingt das Ende bedenken. Dereinst, so Lindemann vor dem zehnten Bier, wenn alles Wasser der Ihme abgeflossen ist, macht sich speziell der Lindener Mensch auf die große Reise via Bergfriedhof direkt in den Himmel.
Genauer gesagt, korrigiert sich Lindemann: Der bierschwere Körper bleibt auf dem Berg und klinkt dort die Seele aus, die auf Unsterblichkeit pocht..
Dann – und erst dann, denkt Lindemann und bezieht Stroganow in seine Philosophie ein, kann einem der Küchengarten schnurzegal sein.

Text: gemeinsame Lesung Hans-Jörg Henneckes und Kersten Flenter

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung

Fotos: Schaefer/Öllerer, Bildtext: Schaefer Letzte Aktualisierung: 25.08.2006

Vor dem Umbau war der Küchengartenplatz eine Betonfläche mit einer Tanke nebendran. Nun soll dieser Platz hell, offen und einladend sein, so die Stadtplaner. Auf historischen Fotos am Info-Pavillon von "Quartier e.V." erkennen einige Lindener Butjer ihre alte Heimat wieder.

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Klaus Öllerer
Letzte Aktualisierung: 25.08.2006

Fr., 25.08.2006, Küchengartenplatz
Skateboarder in Aktion - Lorenz zeigt wie's geht !