Bericht 26-05

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Archiv 2005

Fr., 29.07.2005, Solidaritätsfest in Linden-Nord am 9.9.05:
Das Spielhaus ist in Gefahr
von Anne Barkhoff


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Spielhaus-Interviews mit Jugendlichen im Juni 05
Interview mit S.
Interview mit A.
Interview mit I.
Interview mit J.
Gespräch mit Gunda Puls, Iris Bojarra, Rita Przybilla und Reza Anbari – GfA
Gespräch mit Marion Latzke vom Verein für integrative Jugendarbeit e.V.

Freitag, 29.07.2005 - Das Spielhaus Linden-Nord in der Walter-Ballhause-Str. 10 besteht seit 1982. Es beherbergt drei Jugendhilfeträger unter einem Dach: Den Kinderladen „Die Drachenkinder“, der 3 – 6 Jährige betreut, die teiloffene Gruppe der Arbeiterwohlfahrt ebenfalls für 3 – 6Jährige und den Caritasverband Hannover, der ein offenes Angebot für 6 – 13jährige Kinder vorhält. In dieser Einrichtung arbeiten Renate Kaiser und Matthias Wenzel seit 20 Jahren. Der Caritas-Verband erwägt nun, sich aus dieser Arbeit zurückzuziehen.

Viele Kinder haben im Spielhaus eine zweite Heimat. Diejenigen von ihnen, die im Elternhaus wenig Zuwendung und Förderung erfahren, sind auf diese Einrichtung dringend angewiesen. Durch die lange personelle Kontinuität bestehen enge Verflechtungen mit anderen Einrichtungen, besonders mit der GfA und dem Jugendtreff Linden-Nord. Eine Schließung würde für alle Beteiligten einen unwiederbringlichen Verlust bedeuten.

Anne Barkhoff, langjährige Vorsitzende des Trägervereins hat Jugendliche und junge Erwachsene interviewt, die als Kinder regelmäßig das Sielhaus besucht haben. Außerdem hat sie Mitarbeiterinnen der GfA und dem Jugendtreff Linden-Nord befragt. Alle Gespräche zeigen, dass diese Einrichtung unverzichtbar ist.

Am Freitag, den 9. September findet um 15 Uhr im Spielhaus ein großes Solidaritätsfest statt, zu dem unter anderem der Kriminologe Dr. Christian Pfeiffer seinen Besuch zugesagt hat. Kommt zahlreich, das Spielhaus retten!

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Spielhaus-Interviews mit Jugendlichen im Juni 05

„Ich kann mir Linden ohne das Spielhaus nicht vorstellen“
S. ist in Hannover geboren, ihre Eltern stammen aus dem Kosovo. Sie hat die deutsche Staatsbürgerschaft, ist jetzt 23 Jahre alt und Mutter einer Tochter (9 Monate).

AB:
Seit wann kennst du das Spielhaus?
S. Seitdem ich 5 Jahre alt bin.

AB: Erinnerst du dich daran, als du das erste Mal hier warst?
S: Ich habe unten bei den Kleinen angefangen, bei Nana. Später bin ich zu Renate und Matthias gekommen.

AB: Woran erinnerst du dich besonders gern?
S: An die Kinder hier und an die Ausflüge im Sommer. Einmal waren wir bei Tante Anni, einer älteren Dame. Wir hatten ein eigenes Haus, wo wir alleine kochen mussten, das war riesig. Das war schön. Später waren auch meine kleinen Geschwister dabei. Alle vier Geschwister sind im Spielhaus groß geworden.

AB: Warst du auch in der Tanzgruppe?
S: Ja, bei Yvonne. Ich erinnere mich an ein Stück von New Kids on the Block.

AB: Bist du katholisch?
S: Nein, ich bin Moslem.

AB: Hier wurden auch die christlichen Feste gefeiert, wie fandest du das?

S:
Ich fand das schön. Es brannten viele Kerzen, alles war abgedunkelt, die vielen Kinder auf dem Boden, das fand ich schön. Meine Eltern fanden das auch gut. Renate und Matthias, die helfen uns ja immer noch, zum Beispiel bei Problemen mit den Ämtern. Ich bin zwar hier aufgewachsen, aber für mich ist das auch nicht immer leicht. Renate und Matthias sind immer für uns da.

AB: Würdest du deine Tochter auch ins Spielhaus bringen?
S: Auf jeden Fall. Für mich ist das hier der sicherste Ort für sie. Ich bin hier selbst aufgewachsen. 
Hier sind so liebe Erzieher. Ich kann mir Linden ohne das Spielhaus nicht vorstellen.



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„Rettet das Spielhaus!“
A. ist hier geboren, die Eltern stammen aus Polen. Sie hat einen polnischen Pass und spricht beide Sprachen. Sie ist 21 Jahre alt.

AB:
Seid wann kommst du ins Spielhaus?
A: Seitdem ich sechs Jahre alt bin. Ich war von Anfang an bei Renate und Matthias. Tanzgruppe, Mädchengruppe, ich habe alles mitgemacht. Ich war jeden Tag hier.

AB: Woran erinnerst du dich besonders gern?
A: An die Übernachtungen mit der Mädchengruppe. Und an die Auftritte der Tanzgruppe, das war besonders schön. An viele Freizeitaktivitäten, wir waren Schlittschuh laufen, schwimmen, haben draußen gespielt. Auch Gesellschaftsspiele, Stadt Land Fluss habe ich hier kennen gelernt. Es gab auch negative Erfahrungen, zum Beispiel Streit unter den Mädchen. Aber Renate hat uns beigebracht, Konflikte in Ruhe zu lösen, darüber zu reden.

AB: Hat es eine Rolle gespielt, aus welchem Land jemand kommt?
A: Nein, überhaupt nicht. Es gab auch mal Sticheleien: „Geh doch dahin, wo du herkommst“. Aber das konnte ja jeden treffen. Ob Moslems, Katholiken, Schwarze, das hat keine Rolle gespielt, das war vollkommen egal.

AB: Wenn du selber Kinder hättest, würdest du sie ins Spielhaus bringen?
A: Auf jeden Fall. Ich finde es wichtig, dass sie hier mit erzogen werden, Konfliktlösung lernen. Ich würde mein Kind zweisprachig erziehen und ich weiß, dass hier mit den Kindern deutsch gesprochen wird, das ist auch ein Aspekt. Ich weiß, dass die Verpflegung gut ist, dass es hier Hausaufgabenhilfe gibt.
Es ist eine Schande, dass das Spielhaus geschlossen werden soll. Das Spielhaus ist so ein Zufluchtsort. Auch für mich war es das, als mein Vater gestorben ist. Ich wollte nicht zu Hause sein, weil  mich da alles an ihn erinnert hat. Ich konnte hierher kommen, ich konnte mit Renate reden, mit Matthias reden, mit meinen Freundinnen reden. Das Spielhaus muss erhalten bleiben! Es gibt so viele Kinder, die aus Familien kommen, die sich nicht genug um ihre Kinder kümmern. Diese Kinder haben einen Ort, wo sie hinkommen können, wo sie andere kennen lernen können. Es wäre grausam, das Spielhaus zu schließen. Rettet das Spielhaus!

AB: Bist du katholisch?
A: Ja. Ich bin auch gläubig. Für mich waren die Feste im Spielhaus vertraut.

AB: Was machst du beruflich?
A: Ich habe eine Ausbildung zur Physiotherapeutin angefangen. Zur Zeit arbeite ich in einer Praxis für Physiotherapie.


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„Renate ist mein Vorbild“
I. ist in Hannover geboren, die Eltern sind aus der Türkei eingewandert. Sie ist 21 Jahre alt und macht eine Ausbildung zur Erzieherin, hat das Fachabitur gemacht.

AB:
Wann bist du in das Spielhaus gekommen?
I: Mit 6 Jahren. Meine Eltern haben ganz viel gearbeitet, ich war immer allein, oft vor dem Fernseher. Jemand hat mir vom Spielhaus erzählt. Ich war ein sehr schüchternes Kind. Ich habe mich kaum getraut, die Jacke auszuziehen. In der Schule war ich ziemlich unbeliebt, weil ich mich kaum geäußert habe. Hier habe ich mich sehr wohl gefühlt. Ich habe die Bestätigung bekommen, dass ich dazu gehöre. Vor allem in der Tanzgruppe wurde das Gemeinschaftsgefühl sehr gestärkt. Die Auftritte waren ganz entscheidend für mich. Ich musste mich überwinden, aber das ging auch, weil wir alle gleich angezogen waren und uns als Gruppe gefühlt haben.

AB: Mochtest du Tanzen?
I: Ja sehr! Ich tanze immer noch. Yvonne hat das ganz klasse gemacht. Zuletzt war ich in der Tanzschule, lateinamerikanische Tänze, Hip Hop, Salsa, Merengue und diese Richtung. Tanzen war immer ein guter Ausgleich für mich. Ich mache jetzt eine Ausbildung zur Erzieherin. Ich bin bald fertig. Ich habe erfahren, dass man durch die Bewegung viel lernt. Ich habe viele Projekte mit Musik gemacht, das kam immer gut an. Ich habe mich gefreut, das weiter zu geben, was ich hier gelernt habe, was mich gestärkt hat, gefordert und gefördert.

AB: Woran erinnerst du dich, wenn du zurück denkst?
I: An ganz viele kreative Sachen, Seidenmalerei unter anderem, basteln. Das kann ich in der Ausbildung gut gebrauchen. Ich habe jetzt hier Praktikum gemacht. Auch da waren Renate und Matthias Bezugspersonen für mich. Mit beiden konnte ich immer über alles reden, die waren immer da. Meine Eltern haben immer gearbeitet, zu Hause hatte ich keine Ansprechpartner. Wir haben hier viele Ausflüge gemacht und viel unternommen. Das ist einfach eine Einrichtung, in der man sich sicher und geborgen fühlt. Wenn ich so zurück blicke, ich war ein schüchternes Kind, jetzt bin ich selbstbewusst, stärker, kann  mich besser durchsetzen. Dazu hat das Spielhaus sehr viel beigetragen.

AB: Spielen Nationalitäten im Spielhaus eine Rolle?
I: Nein, überhaupt nicht. Alle werden so angenommen, wie sie sind, werden akzeptiert. Und wenn jemand sagt, „Du siehst ja aus wie Schokolade“, wird das gleich von den Erziehen aufgegriffen und besprochen. Hier werden die Menschen so genommen, wie sie sind.
Ich habe im Spielhaus erfahren, was mir wirklich liegt. Renate ist auf jeden Fall mein Vorbild. Ich kann mir auch vorstellen, auf Grundschullehramt zu studieren.



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„Eigentlich war jeder Tag ein Höhepunkt“
J. ist 17 Jahre alt und Deutscher. Seine Familie wohnt ganz in der Nähe des Spielhauses. Er besucht die 11. Klasse der IGS Linden und möchte studieren.

AB:
Seit wann kennst du das Spielhaus?
J: Solange ich mich erinnern kann. Ich glaube, das erste Mal war ich hier mit 7. Ich bin gleich zu Renate und Matthias gekommen.

AB: Woran erinnerst du dich gerne? Gab es Höhepunkte?
J: Das war immer schön hier. Ich habe viel Spaß mit den Leuten gehabt, die in meinem Alter sind. Das Sommerferienprogramm war immer gut, weil man viele verschiedene Sachen gemacht hat. Wir waren im Rastiland, jeden Freitag Grillen, oft zum schwimmen, Minigolf. Eigentlich war jeder Tag ein Höhepunkt.

AB: Hast du hier auch Hausaufgaben gemacht?
J: Ab und zu mal. Die habe ich meistens zu Hause gemacht.

AB: Was würde fehlen, wenn das Spielhaus schließen müsste?
Das wäre sehr traurig, denn die Kinder haben hier in der Gegend sonst nichts, wo sie hingehen können. Die Kinder brauchen aber so etwas.

AB: Bist du nach dem Spielhaus in den Jugendtreff Linden-Nord gegangen?
J: Da gehe ich ab und zu hin. Ich besuche dort Freunde.


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„Das ist hier der richtige Weg für Kinder“

C. ist 16 Jahre alt. Er ist in der Türkei geboren und im Alter von 6 Jahren nach Deutschland gekommen. Er besucht die 10. Klasse der Fössefeldschule und versucht, den Realschulabschluss zu erreichen.

AB:
Seit wann kennst du das Spielhaus?
C: Seitdem ich acht oder neun war.

AB: Wie hast du das Spielhaus kennen gelernt?
C: Mein Freund hat mich mitgenommen. Dann hatte ich Lust, wiederzukommen. Als ich Kind war, war ich jeden Tag hier. Außer am Freitag, dann ist Mädchentag.

AB: Wo bist du zur Schule gegangen?
C: Zuerst in die Albert-Schweitzer-Schule. Weil ich nicht so gut deutsch konnte, haben die mich zur Sonderschule geschickt. Dann habe ich gut aufgepasst in der Schule, deutsch gelernt und konnte dann die Schule wechseln.

AB: Du gehst auch in die GFA?
C: Ja, ich habe zwei Mal pro Woche Termine bei Rita. Ich schreibe auch Bewerbungen wegen Praktikumstellen dort. Nach den Sommerferien muss ich ein Praktikum machen.

AB: Was hast du im Spielhaus besonders gerne gemacht?
C: Vieles war eigentlich sehr schön. Ich habe hier gespielt und Freunde kennen gelernt. Das Sommerferienprogramm war auch sehr gut. Ich war auch mit an der Nordsee oder an der Ostsee.

AB: Sind deine Eltern auch in das Spielhaus gekommen?
C: Die sind manchmal zum Grillen gekommen. Mein Bruder war auch oft hier.

AB: Bist du nach dem Spielhaus in den Jugendtreff Linden-Nord gegangen?
C: Ab und zu. Ich gehe oft ins Jugendzentrum Glocksee.

AB: Fährt deine Familie regelmäßig in die Türkei?
C: Nicht jeden Sommer. Letztes Jahr sind wir gefahren, davor das Jahr auch. Ob wir in diesem Jahr fahren, ist noch nicht sicher.

AB: War wäre, wenn das Spielhaus schließen müsste?
C: Das wäre sehr schade. Hier kommen so viele kleiner Kinder. Das ist hier der richtige Weg für die Kinder. Kinder gehen oft Klauen, weil sie gar nichts zu tun haben. Hier fühlen sie sich wohl. Bei mir war das auch so. Ich habe mich früher viel geschlagen. Ich habe mich leicht provozieren lassen. Wenn jemand ein Schimpfwort gesagt hat, hat mich das sofort aufgeregt. Jetzt ist das nicht mehr so.

AB: Woran liegt das?
C: Weil Matthias immer gesagt hat: „Links rein, rechts raus“ (zeigt auf seine Ohren). Ich habe hier auch deutsch gelernt. Matthias kann ein bisschen türkisch, er hat mir ein paar Sachen übersetzt.
Meine Mutter ist auch hierher gekommen, wenn sie einen Brief vom Wohnungsamt oder Sozialamt bekommen hat. Matthias hat uns auch sehr geholfen, als sie uns in die Türkei zurück schicken wollten.



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Gespräch mit Gunda Puls, Iris Bojarra, Rita Przybilla und Reza Anbari – GfA – im Juli 05
(GFA="Gesellschaft zur Förderung ausländischer Jugendlicher e.V.")

„Eine Schließung des Spielhauses wäre für unsere Arbeit der GAU“

Die GfA besteht seit 21 Jahren. Gunda Puls arbeitet seit 16 Jahren, Iris Bojarra seit 11 Jahren in der Einrichtung. Über das Stadtteilforum für Kinder- und Jugendarbeit Linden-Limmer hinaus gibt es eine langjährige, enge Kooperation zwischen GfA und Spielhaus.

AB:
Wie ist die konkrete Zusammenarbeit mit dem Spielhaus?

Gunda Puls: Die Kontakte zum Spielhaus bestehen zum einen darin, dass wir viele gemeinsame Projekte und Veranstaltungen machen. Wir bereiten seit Jahren gemeinsam Feste im Stadtteil vor, den Lindener Fastnachtsumzug inzwischen seit 11 Jahren und das gemeinsame Sommerferienprogramm seit acht oder neun Jahren. Das Ferienprogramm ist den Kindern und Familien ganz eng vertraut, darüber definieren sie Spielhaus und GfA häufig zusammen. Es kommen hier Anrufe für das Spielhaus, sie fragen hier nach, was im Spielhaus läuft und umgekehrt.
Zum anderen ist es so, dass wir uns in unseren Angeboten sehr gut ergänzen. Wir haben den Schwerpunkt Sprachförderung und sehen in erster Linie die schulischen Belange. Die meisten Kinder haben hier nur ein oder zwei Termine in der Woche. Außerdem haben wir eine hortähnliche Gruppe. Das sind Kinder, die täglich bis etwa 15 Uhr bleiben und hier auch Mittagessen bekommen. Die meisten gehen danach ins Spielhaus. Wir telefonieren täglich.  Das Spielhaus legt den Schwerpunkt auf sinnvolle Freizeitgestaltung, das ist ein sehr offenes Angebot. Die Kinder sind auf beide Einrichtungen ergänzend angewiesen.

Iris Bojarra: Wir schicken auch Kinder, die erst seit kurzem in Deutschland sind, ins Spielhaus, damit sie Kontakte knüpfen und deutsch sprechen. Wenn sie neu hier sind, reicht unser Angebot nicht aus.

AB: Wie gestaltet sich denn der Kontakt zu den Eltern? Im Spielhaus besteht ja oft Kontakt zu der ganzen Familie.

Gunda Puls: Das ist bei uns eigentlich ähnlich. Wir haben Kontakt zu Eltern, die sowohl ins Spielhaus gehen als auch hierher kommen. Eltern suchen uns immer an den Punkten auf, wo es Probleme mit den Ämtern oder in der Schule gibt. Spielhaus und GfA sind neutrale Räume, wo man sich jederzeit Hilfe und Unterstützung holen kann. In diesen Räumen finden Gespräche mit Lehrkräften statt. Die Eltern fühlen sich hier sehr sicher und sind entspannter als in der Schule. Wir begleiten regelmäßig Sonderschulüberprüfungsverfahren, weil die Eltern uns darum bitten. Hier kommen viele kleine Alltagssorgen an, zum Beispiel die Hartz IV-Anträge.
Was ich noch nicht erwähnt habe, ist die Zusammenarbeit mit dem Spielhaus in kleinen Helferkonferenzen. Dadurch, dass wir in personeller Kontinuität so lange zusammenarbeiten, bemerken wir, wenn es spezielle Probleme bei den Kindern und Jugendlichen gibt. Dann setzen wir uns mit dem Spielhaus, dem Elternhaus, der Schule und dem KSD zusammen und entwerfen ein gemeinsames Hilfekonzept. Spielhaus und GfA werden von Kindern und Eltern als unterstützendes System empfunden.

Rita Przybilla: Ich arbeite schwerpunktmäßig in der Haupt- und Realschule am Fössefeld. Die Jugendlichen dort gehen ja nicht mehr in das Spielhaus, sind aber oft ehemalige Spielhauskinder. Wenn Schwierigkeiten auftreten, die Jugendlichen die Schule schwänzen, ein Leistungsabfall festzustellen ist, kommt auch das Spielhaus hinzu, weil sie die Jugendlichen gut kennen und häufig eine sehr gute Beziehung zu Renate Kaiser oder Matthias Wenzel besteht. Wir führen dann gemeinsame Gespräche mit den Jugendlichen, den Lehrern, eventuell dem KSD.

Gunda Puls: Bei der möglichen Schließung des Spielhauses ist uns bewusst geworden, dass wir damit unseren wichtigsten Kooperationspartner verlieren würden. Das wäre für uns und unsere Arbeit wirklich der GAU. Es würde so viel wegbrechen, das können anderen Einrichtungen nicht auffangen.
Das Sommerferienprogramm könnten wir dann nicht fortsetzen. Dieses Programm ist entstanden, weil wir festgestellt haben, dass unsere Kinder von der städtischen Feriencard nicht erreicht werden. Die ist nur nutzbar für Kinder und Jugendliche, die mobil sind, deren Eltern lesen können, die gewohnt sind, längerfristig zu planen, ihre Kinder frühzeitig anzumelden und die sozial so kompetente Kinder haben, dass sie sich für jede Aktion auf einen neuen Veranstalter, eine neue Kindergruppe und neue Betreuer einstellen können. Wir haben in den Anfangsjahren der Feriencard versucht, die Kinder darauf zu orientieren, in dem wir das Programm durchgearbeitet haben, einen Kalender erstellt haben, den Kindern gesagt haben, wo sie sich anmelden müssen. Das einzige, was sie genutzt haben, ist kostenlos ins Schwimmbad zu gehen. Alles andere geht vollkommen an ihnen vorbei.

AB: Das Sommerferienprogramm scheint allen Beteiligten viel Spaß zu machen.

Gunda Puls: Ja! Man merkt immer an der Stimmung, wie nah man den Eltern wieder ist, wie begeistert die Kinder sind.

Iris Bojarra: Die Kinder, die in Urlaub fahren, sind zum Teil richtig frustriert: „Ich muss in die Türkei, - schade“

Gunda Puls: Es ist sehr anstrengend, aber es ist auch so viel schönes gemeinsames Erleben. Wir waren mit Eltern und Kindern im Harz, wo allen beim Busfahren übel geworden ist. Das sind oft die kleinen Dinge, die man zusammen macht, die sich vom Alltag unterscheiden. Das wirkt immer lange nach. Das ist auch schön für uns, wenn man feststellt, wen man im Stadtteil plötzlich alles kennt.
Das Spielhaus ist für viele Kinder und Eltern ein Zuhause. Zum Beispiel diese selbstorganisierte Kleiderkammer. Was das auch für einen Spaß macht, die Sachen durchzusehen und anzuprobieren und welche Gespräche dabei geführt werden. Das Spielhaus ist in jeder Richtung offen.



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Gespräch mit Marion Latzke vom Verein für integrative Jugendarbeit e.V. im Juli 2005
Der Verein betreibt den Jugendtreff Linden-Nord.

„Die Schließung des Spielhauses wäre eine Katastrophe“

AB:
Wie gestaltet sich der Kontakt zum Spielhaus?
Marion Latzke: Wir hatten von Anfang an Kontakt zum Spielhaus. Das Spielhaus ist drei Jahre vor dem Jugendtreff entstanden. Der Kontakt ist sehr intensiv geworden, als das Spielhaus während der Modernisierung des Hauses hier oben eingezogen ist. Das war 1993. Die Kinder sind ganz oft zu uns in der Jugendtreff gekommen. Seitdem feiern wir zusammen das Winterfest mit Kindern, Jugendlichen und Eltern. Das findet immer am letzten Schultag vor Weihnachten statt. Dann kommen etwa 120 Leute. Wir tanzen, bauen Masken, es gibt ein Büffet, zu dem jeder was mitbringt. Das hat schon Tradition.
Über die Zusammenarbeit ergibt sich ein reger Austausch über die Kinder und Jugendlichen. Die Kinder gehen erst ins Spielhaus, kommen, wenn sie so 11 oder 12 Jahre alt sind, mal vorbei. Wir haben bestimmt 50 – 75% Kinder, die aus dem Spielhaus zu uns kommen.

AB: Kann man das den Kindern anmerken?
Marion Latzke: Ja! Sie kennen sich mit Regeln aus. Sie wissen, dass bestimmte Dinge miteinander diskutiert werden müssen. Zum Beispiel werden Mitarbeiter nicht beschimpft. Man hat auf beiden Seiten einen gewissen Respekt voreinander. Sie verfügen über ein gewisses Maß an Kompetenz. Sie haben einen Grundstock von Vertrauen, auch uns gegenüber. Das ist ein Grundvertrauen in Sozialarbeiter, das andere Kinder nicht haben. Sie haben so etwas wie eine emotionale Grundsicherung.

AB: Werden hier im Jugendtreff auch ganze Familien betreut?
Marion Latzke: Bei einigen Jugendlichen ist das der Fall. Aber das ist weniger geworden. Wir haben in diesem Jahr verstärkt mit Elternarbeit angefangen. Zunächst bei den Müttern, an die Väter kommen wir sehr schlecht heran. Wir machen Projekte für die Frauen, Deutschkurse, Gymnastik, Frauenfrühstück.

AB: Welchen Grund hat die  Elternarbeit?
Marion Latzke: Wir merken immer mehr, dass die Jugendlichen entwurzelt sind. Sie haben keine Kompetenz in vielen Bereichen. Die schulischen Leistungen sind extrem schlecht. Ausbildungsstellen sind fast nicht vorhanden. Wenn sie eine Ausbildung beginnen, brechen sie nach einem Jahr wieder ab.
Wir vergleichen das immer mit der ersten Generation von Jugendlichen, die wir betreut haben. Die wurden zum Beispiel in der Türkei sozialisiert, sind mit 12 oder 13 Jahren nach Deutschland gekommen. Die hatten eine ganz andere Motivation, ein ganz anderes Zielbewusstsein, als sie hierher kamen. Die hatten eine Aufbruchstimmung, wollten etwas verändern, wollten anders werden. Die jetzige Generation hat das überhaupt nicht mehr. Sie sind auch von ihren Familien entwurzelt. Wir wollen von den Müttern wissen, was ist zu Hause los?

AB: Was würde es bedeuten, wenn das Spielhaus schließen würde?
Marion Latzke: Das wäre ein Katastrophe! Ich weiß nicht, wie das aufgefangen werden sollte. Schon die Grundversorgung würde wegbrechen, wenn es kein Mittagessen mehr gäbe. In vielen Familien schaffen die Eltern die Grundversorgung nicht mehr. Wo sollen die Kinder denn hin? Ich finde, das Spielhaus ist so immens wichtig für diesen Stadtteil, für die Kinder, die hier leben. Das wäre eine Katastrophe, wenn das Spielhaus schließt. Ich kann eine solche Entscheidung des Trägers nicht verstehen. Linden-Nord hat einen hohen Anteil an Langzeitarbeitslosen, ganz viele Migrantenfamilien, viele Kinder und Jugendliche, viele entwurzelte Menschen. Wir haben große Alkoholprobleme in den Familien. Ich sehe viele Menschen, die öffentlich als Alkoholiker erscheinen, die auch Familie haben. Das sind ja nicht nur Alleinstehende. Das Spielhaus ist ein solcher Rückhalt für die Kinder! Zum Beispiel die Spieltherapie. Die Kinder wären doch nie in eine Therapie gekommen! Die Eltern wissen doch überhaupt nicht, was das ist!  Und Matthias spricht türkisch. Renate und Matthias sind oft Mutter und Vater für die Kinder, die Kinder brauchen das auch. Die beiden sind eine Einheit, die können nicht einfach so getrennt werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es das Spielhaus nicht mehr geben sollte. Das hätte immense Auswirkungen auch auf unsere Arbeit.

23.07.2005
Anne Barkhoff
letzte Änderung: 23.07.2005


Das Spielhaus in der Walter-Ballhause-Str. 10 ...


... mit u.a. dem Kinderladen „Die Drachenkinder“


Jugendtreff Linden-Nord, Elisenstr. 10

 

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