Montag, 06.06.2005 Ausgangslage – warum Sanierung ?
Ende der 60er Jahre hatten in Linden-Nord 46% der Haushalte kein WC in der Wohnung, die große Mehrheit (59%) hatte kein Bad, und kaum jemand (97%) hatte eine Heizung. Es gab in Linden-Nord kein Jugendzentrum. Spielplatze, Kindertagesstätten,
Alteneinrichtungen und Grünflächen fehlten. Der Durchgangsverkehr der Pendlerströme floss in voller Länge durch die Limmerstraße. Der Ausländeranteil lag bei 14,6%. Die deutsche Stadtteilbevölkerung war überaltert. Jüngere Familien zogen weg.
Wie war es dazu gekommen? Nach dem 2. Weltkrieg war Linden nur wenig zerstört. Die in Linden noch heilen Wohnungen wurden darum stark überbelegt. Die Vermietung war für die Hausbesitzer auch ohne Erhaltungsinvestitionen lange Zeit kein
Problem. Dadurch wurde Linden in der Stadtentwicklung der 50er und 60er Jahre quasi übergangen.
Dies ging solange gut, bis einerseits der Rückstand so groß war, dass es zum Wegzug jüngerer Familien und einem sichtbaren Niedergang des Stadtteils kam. Gleichzeitig zogen Studenten und ausländische Familien in leerstehende Wohnungen nach. Letztlich war der Rückstand aber so groß, dass die notwendigen erheblichen Investitionen den Lindener Hausbesitzer vielfach nicht mehr lohnend
erschienen, bzw. manche älteren Hausbesitzer oder Erbengemeinschaften aus unterschiedlichen Gründen selbst das Notwendigste unterließen. Stadtteilsanierung im Rahmen eines förmlich festgesetzten Sanierungsgebietes ist nun, wenn man es einmal nur ökonomisch betrachtet, der Versuch, mit öffentlichen Mitteln, diese Rentabilitätslücke zu schließen. D.H. die unrentierlichen Kosten werden über Steuermittel wegsubventioniert. Ziel ist es dem Stadtteil damit wieder den Anschluss zu sichern,
im Planerdeutsch ihn zu „revitalisieren", damit er aus eigener Kraft die laufenden Erhaltungsinvestitionen wieder selbst erwirtschaftet.
Sanierung - aber wie ?
Die ersten Projekte im Vorfeld der eigentlichen Sanierung Anfang der 70er Jahre (Viktoriawohnblock in der ehemaligen Fannystrasse, Ihmezentrum und daran anschließende Pläne von Prof. Göderitz (Braunschweig) zu großflächigen Abrissen zugunsten von Hochhäusern und mehrspurigen Straßen (Allerweg in
Linden-Süd, Limmerstrasse in Linden-Nord) erzeugten im zeitlichen Zusammenhang der beginnenden Studentenbewegung ein ausgesprochen kritisches Klima. Man diskutierte diese Bauten und Planungen als Beispiele eines menschenfeindlichen „kapitalistischen Städtebaus".
Diese Ausgangserfahrungen und das kritische gesellschaftliche Klima waren die Voraussetzung für eine hohe Mobilisierungsbereitschaft der Lindener in den Anfangsjahren der Sanierung und auch für eine Linkswendung des SPD
Ortsvereins Linden-Limmer. Er versuchte diese Initiativen zu unterstützen, initiierte manche von Ihnen (z.B. Stadtteilforum Linden-Nord) und setzte eine besonders intensive Bürgerbeteiligung durch: Anwaltsplanung, paritätische Sanierungskommission (6 Kommunalpolitiker + 6 Bürgervertreter/innen), Stadtteilforum, Blockversammlungen, Wohnungsvergabekommission. Die starke Stellung der SPD in Linden hat sich aufgrund dieser „Politik auf der Seite der Bürger" lange gehalten. (auch anders als in
anderen alten Arbeitervierteln wie in Kreutzberg /Berlin). Die Grünen hatten zwar 1981 erstmalig für den hannoverschen Stadtrat kandidiert. Aber erst fünf Jahre später 1986 traten sie im Stadtteil im Rahmen einer Kandidatur zum Bezirksrat Linden-Limmer in Erscheinung. Auch danach haben sie in der Sanierungsdiskussion lange keine eigene Rolle gespielt. Ihr Erstarken haben sie eher der bundesweiten Entwicklung der Grünen und dem hohen Studentenanteil in Linden-Nord zu verdanken, denn eigener
politischer Initiativen. In der Stadtteilsanierung blieben CDU, DKP und andere Parteien fast völlig unbedeutend.
Die quasi Monopolstellung der SPD hat in der Folge dazu geführt, dass die Debatten um die Sanierung eigentlich nicht wie üblich als politischer Parteienstreit ablief, sondern eher in den öffentlich tagenden Stadtteilgremien zwischen Bürgern und Verwaltung.
Ergebnisse
Aus der Bürgerbeteiligung hat sich ein überaus konstruktiver Prozess ergeben. Neben
der baulichen Sanierung, d.h. der Modernisierung und dem Neubau von Wohnungen wurde die soziale Infrastruktur umfassend erweitert.
Obwohl auch Hinterhäuser abgerissen wurden, wurde trotz der bereits bestehenden hohen baulichen Verdichtung insgesamt die Zahl der Wohnungen während der Sanierung in Linden-Nord noch erhöht. Außerdem entstanden interessante Wohnprojekte zu besonderen sozialen Bedingungen: Beispiele Viktoriastrasse Altbaumodell / Neubaumodell (Nutzung von Erbpacht,
Selbsthilfe, weitgehende Planungsbeteiligung ...), Projekte für ehem. Obdachlose (Wohnhäuser Albertstr. 5 und Elisenstr. 8, Treffpunkt Kötnerholzweg), Genossenschaftsmodell Wohnungsgenossenschaft Selbsthilfe Linden e.G.. Die Mieten in Linden-Nord blieben aber trotz der starken baulichen Aufwertung des Stadtteils unter dem allgemeinen hannoverschen Niveau vergleichbarer Wohnungen. Die soziale Infrastruktur in Linden-Nord wurde umfassend ausgebaut: - Kindertagesstätten (Kita Nieschlagstrasse, Kita Herbartstrasse, Kita Noltestrasse (Bethlehem), viele Kinderläden)
- Spielhaus Walter-Ballhause-Str. 10 und Stadtteilzentrum Stärkestr. 15
- Spielplätze (Stärkestrasse, Nieschlagstrasse, Stärkestr./Alberstr., Viktoriastrasse, Pfarrlandstrasse...)
- Jugendeinrichtungen: Jugendtreff Elisenstrasse 10 (in der ehemaligen Wäscherei
Kunze & Burgheim), Bethlehem-Keller-Treff, Domino, GFA, Jugendwohngemeinschaft Grotestrasse.
- Mit der Teilung der Grundschule Albert-Schweitzer-Schule entstand in der Salzmannstrasse eine neue Grundschule in Kombination mit einer Orientierungsstufe als quasi 6jährige Grundschule unter einer Leiterin. Zusätzlich wurde im selben Haus ein Hort der AWO eingerichtet, um eine Ganstagsversorgung anzubieten.
- Erhalt und
Sanierung Fössebad (Zur Rettung des Fössebades und um es ins Sanierungsprogramm aufnehmen zu können, musste zunächst das Sanierungsgebiet förmlich mit Zustimmung von Stadt Hannover und Land Niedersachsen erweitert werden.)
- Alteneinrichtungen: Viktoriastrasse (GBH), Walter-Ballhause-Str. 4 - Projekt „Tun und Wohnen im Alter". (Die AWO-Altenwohnanlage Ottenstr. und die GBH-Altenwohnungen in der Pfarrlandstrasse entstanden schon Anfang der 70er Jahre vor
Beginn der eigentlichen Sanierung).
- Förderung der Ansiedlung des Bildungsvereins und von Rhythmix e.V. in der Viktoriastrasse 1 mit öffentlichen Sanierungsmitteln.
- Umnutzung der Bettfedernfabrik „Werner und Ehlers" zum Ökologischer Gewerbehof e.G. und zum soziokulturelles Zentrum Faust e.V.
- Hinzu kamen Straßenumbauten mit Verkehrsberuhigung (Aufpflasterungen, die erste Tempo 30-Zone und die
erste Fahrradstraße Hannovers) Anpflanzung vieler Straßenbäume und Begrünung vieler Hinterhöfen. (Vor der Sanierung gab es so gut wie keine Straßenbäume in Linden mehr.)
Eine Reihe von Projekten wurde nur möglich, weil sich stadtteilbezogene Trägervereine und die Genossenschaft bildeten oder sich Kirchengemeinden und andere bestehende Stadtteilinstitutionen und Vereine engagierten.
Fazit
Insgesamt war es eine überaus
erfolgreiche Epoche der Lindener Stadtteilentwicklung. Die Zeit war keineswegs frei von Konflikten, aber frei von gescheiterten Projekten (vgl. andernorts in Hannover: Projekt Kinderheilanstalt, Sprengel-Konflikt Nordstadt). Die Lindener Konflikte wurden lösungsorientiert und so geführt, dass möglichst alle wesentlichen Stadtteilinteressen berücksichtigt wurden (M.E. gibt es nur eine wirkliche Ausnahme, bzw. Bruch mit dieser Politik: Bei der nach dem Abschluss der Sanierung auf der Grundlage
einer Bürgerbefragung entschiedenen „Fußgängerzone" Limmerstraße wurden die von der Seite der Geschäftsleute vorgebrachten Interessen übergangen).
Es hatte sich eine lebendige und intensive Kommunikation als kontinuierlicher Arbeitszusammenhang zwischen allen Beteiligten (Initiativen, Politik, Verwaltung) und eine starke Lindener Szene aus langjährig Aktiven durchsetzt mit Architekten, Verkehrsplanern, Juristen usw. entwickelt, die eine große Liebe zu Linden, hohes soziales
Verantwortungsbewusstsein, Kreativität und Professionalität einte. Sie leben auch heute noch im Stadtteil, werden von Politik aber nicht mehr angesprochen oder einbezogen. Insgesamt ist in diesen 25 Jahren Linden-Nord bunter und attraktiver geworden. Eine soziale Verdrängung sozial Schwacher wurde verhindert. Die Integrationskraft Lindens wurde durch den Ausbau der sozialen Infrastruktur deutlich gestärkt. Die auf Rücksichtnahme und gemeinsame Zugehörigkeit aller Lindener basierende
Politik hat die Identifikation gestärkt und Ausgrenzungen von Minderheiten verhindert. Auch der Umstand, dass im hannoverschen Vergleich der größte Anteil an städtischen Beihilfen nach Linden-Nord fließt, ist Ergebnis dieser „Lindener Gründerjahre" (und nicht der erst später hinzu gekommenen Partei der Grünen zu verdanken, wie die HAZ - unwidersprochen - mutmaßte).
Aber die parallel verlaufende stetige Ausweitung und Verfestigung der Massenarbeitslosigkeit in diesen 25 Jahren
und der allgemeine Sozialabbau drohen heute auch in Linden das einigermaßen harmonische Mit- oder Nebeneinander sozialer Milieus zu bedrohen. Die geringe Spreizung des Wohnungsangebotes (überwiegend 2-3 Zi.-Wohnungen) und daher fehlende größere familiengerechte Wohnungen bedürfen noch der Nachsteuerung. Offen ist auch, was bei den in den kommenden Jahren auslaufenden Sozialbindungen (häufig 15 Jahres-Frist) von Sozialwohnungen mit den Beständen passiert (z.B. Bunkerblock, ElisenCarre
(Land Nds. verkauft Nileg-Bestand an Kapital-Fonds).
Einen offiziellen Abschlussbericht der Stadt Hannover zur Sanierung Linden-Nord gibt es bis heute nicht.
06.06.2005 Ernst Barkhoff letzte Änderung: 23.06.2005 Ernst Barkhoff war von 1986-2001 Vorsitzender der Sanierungskommission Linden-Nord, Mitbegründer von Stadtteilforum Linden-Nord,
Mietergruppe Linden-Nord und Wohnungsgenossenschaft Selbsthilfe Linden e.G., 1981 -1991 Bezirksratsmitglied, 1991 - 2001 Mitglied des Rates der Stadt Hannover. | | Sanierungsbeispiele | |