Zurück aus Bagdad: Aso erzählt von seinem Besuch in seiner Heimatstadt Bagdad aus der er einst geflohen war. Der Iraker Aso hat drei Wochen lang gegen
Ende Oktober 2003 Bagdad besucht. Er wohnte bei Verwandten im Stadtteil Mansoor. Er lebte vorher selbst seit seinem fünften Lebensjahr in Bagdad, hat dort erfolgreich studiert und lebt nun seit einigen Jahren in Deutschland. Am 06. November führte ich mit Aso ein Gespräch über seine Reise, das ich hier kurz zusammenfasse. Ich selbst rief ihn zweimal in Bagdad auf seiner Festnetznummer an.
Überraschenderweise kam ich sofort durch. Aso schätzt, dass ca 40% des Festnetzes funktionieren. Die Telefonzentrale sei nicht durch die Amis sondern durch Plünderer zerstört worden. Die Bevölkerung macht Ausländer dafür verantwortlich Aso weiter: Die Sicherheitslage habe er als gut erlebt. Die Leute sind bis zehn Uhr abends draußen und die Geschäfte haben auch solange auf. Die Ausgangssperre galt damals ab 0:00 Uhr. Er hat einen Angriff auf ein amerikanisches Gelände miterlebt und
stand nur ca. 200 m entfernt. Zwei Angreifer schossen zwei Panzerfäuste o.ä. ab. Einige Minuten später wurden sie festgenommen. Irakische Bürger hatten den Soldaten mitgeteilt, wer und wo die Täter waren. Es waren zwei Syrer. Man sieht im Stadtbild wenig US-Soldaten. Irakische Polizisten gibt es in zunehmender Zahl. Asos Schwesters Kinder gehen regelmäßig zur Schule. Auch als ein Widerstandstag gegen die
Amerikaner ausgerufen wurde, gingen diese Kinder zur Schule. Im Gegensatz dazu meldete die hiesige Presse, dass in Bagdad alle Schulen und Ämter geschlossen seien. Soweit Aso weiß, haben die Schulen nach der Renovierung sogar Klimaanlagen, was sie vorher nicht hatten. Die Stimmung der Bevölkerung in Bezug auf die US-Soldaten sei positiv. Aso schätzt, dass nur 3-4% der Iraker konsequent gegen die Amis sind.
Er sprach mit ca. 100 Personen (überwiegend rel. Gebildete), die er auch noch von früher her kannte. 100% der Kurden, 90% der Schiiten und 80% der Sunniten fänden die Veränderungen überwiegend gut, so seine Einschätzung. Hinweis: 1% der Bevölkerung von Bagdad sind schon 60.000-80.000 Personen, so dass Terroristen ausreichend Unterstützung finden können, ohne dass die übergroße Mehrheit damit einverstanden sein
muss. Die Lebenslage habe sich sehr verbessert. Angehörige der öffentlichen Verwaltung erhalten Gehälter, die ein Mehrfaches der Vorkriegszeit betragen. Lehrer verdienen 120$/Monat. Es gibt Arbeitsprogramme, bei denen Arbeitslose mit 3,50$/Tag für gemeinnützige Arbeiten entlohnt werden. Hinzu kommen noch Lebensmittel aus dem "Food for Oil-Programm" der UNO. Aso hat während seines Aufenthalts in
Bagdad, bei dem er verschiedenste Stadtteile besucht hat, 3-4 ärmlich aussehende obdachlose Erwachsene gesehen. Bettelkinder o.ä. kamen nicht vor. Strom gibt es zwischen 14 und 18 Stunden am Tag mit Unterbrechungszeiten, die vorher bekannt sind. Das ist weniger als zu Saddams Zeiten, weil ein Kraftwerk bei Falludscha noch nicht richtig funktioniert. Wasser ist ständig verfügbar. Es herrsche allgemein eine
positive Aufbruchstimmung. Vor allem die neue Freiheit habe es den Leuten angetan. Alle möchten amerikanische Autos haben, als Symbol der neuen Freiheit. Europäische Autos seien nicht so angesagt. Mazdas Schwester hat ein Restaurant in der Nähe. Es hat bis 11:00 abends auf und läuft gut. Es gibt ca. 4 irakische Fernsehsender, die über Antenne zu empfangen sind. Die Berichterstattung ist laut Aso sachlich ausgewogen und enthält auch Kritik an den Amerikanern. Auf der Hinreise von Syrien nach Bagdad (ca. 600 km) wurde er lediglich einmal von Amerikanern kontrolliert. Er fragte eine Soldatin, wie es ihr im Irak gefiele. Sie
machte abwägende Gesten wie: so lala. Ein Soldat meinte, dass es ihm gut gefiele. Aso zeigte mir ein Bild, auf dem er in Bagdad zwischen zwei US-Soldaten steht und sie umarmt. Alle lächeln gelöst. Klaus Öllerer letzte Änderung: 14.01.2004 |