Bericht 6-04

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Do., 12.02.2004, Irak II :
Zurück aus Bagdad, Kommentar, Infos
Irak I : Ein Iraker und ein Mitglied der Friedensbewegung aus Linden diskutieren.

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Zurück aus Bagdad:
Aso erzählt von seinem Besuch in seiner Heimatstadt Bagdad aus der er einst geflohen war.

Der Iraker Aso hat drei Wochen lang gegen Ende Oktober 2003 Bagdad besucht. Er wohnte bei Verwandten im Stadtteil Mansoor.
Er lebte vorher selbst seit seinem fünften Lebensjahr in Bagdad, hat dort erfolgreich studiert und lebt nun seit einigen Jahren in Deutschland.

Am 06. November führte ich mit Aso ein Gespräch über seine Reise, das ich hier kurz zusammenfasse.
Ich selbst rief ihn zweimal in Bagdad auf seiner Festnetznummer an. Überraschenderweise kam ich sofort durch. Aso schätzt, dass ca 40% des Festnetzes funktionieren. Die Telefonzentrale sei nicht durch die Amis sondern durch Plünderer zerstört worden. Die Bevölkerung macht Ausländer dafür verantwortlich
Aso weiter:
Die Sicherheitslage habe er als gut erlebt. Die Leute sind bis zehn Uhr abends draußen und die Geschäfte haben auch solange auf. Die Ausgangssperre galt damals ab 0:00 Uhr.
Er hat einen Angriff auf ein amerikanisches Gelände miterlebt und stand nur ca. 200 m entfernt. Zwei Angreifer schossen zwei Panzerfäuste o.ä. ab.
Einige Minuten später wurden sie festgenommen. Irakische Bürger hatten den Soldaten mitgeteilt, wer und wo die Täter waren. Es waren zwei Syrer.
Man sieht im Stadtbild wenig US-Soldaten. Irakische Polizisten gibt es in zunehmender Zahl.

Asos Schwesters Kinder gehen regelmäßig zur Schule. Auch als ein Widerstandstag gegen die Amerikaner ausgerufen wurde, gingen diese Kinder zur Schule. Im Gegensatz dazu meldete die hiesige Presse, dass in Bagdad alle Schulen und Ämter geschlossen seien.
Soweit Aso weiß, haben die Schulen nach der Renovierung sogar Klimaanlagen, was sie vorher nicht hatten.

Die Stimmung der Bevölkerung in Bezug auf die US-Soldaten sei positiv. Aso schätzt, dass nur 3-4% der Iraker konsequent gegen die Amis sind. Er sprach mit ca. 100 Personen (überwiegend rel. Gebildete), die er auch noch von früher her kannte. 100% der Kurden, 90% der Schiiten und 80% der Sunniten fänden die Veränderungen überwiegend gut, so seine Einschätzung.

Hinweis: 1% der Bevölkerung von Bagdad sind schon 60.000-80.000 Personen, so dass Terroristen ausreichend Unterstützung finden können, ohne dass die übergroße Mehrheit damit einverstanden sein muss.

Die Lebenslage habe sich sehr verbessert. Angehörige der öffentlichen Verwaltung erhalten Gehälter, die ein Mehrfaches der Vorkriegszeit betragen. Lehrer verdienen 120$/Monat. Es gibt Arbeitsprogramme, bei denen Arbeitslose mit 3,50$/Tag für gemeinnützige Arbeiten entlohnt werden. Hinzu kommen noch Lebensmittel aus dem "Food for Oil-Programm" der UNO.
Aso hat während seines Aufenthalts in Bagdad, bei dem er verschiedenste Stadtteile besucht hat, 3-4 ärmlich aussehende obdachlose Erwachsene gesehen. Bettelkinder o.ä. kamen nicht vor.
Strom gibt es zwischen 14 und 18 Stunden am Tag mit Unterbrechungszeiten, die vorher bekannt sind. Das ist weniger als zu Saddams Zeiten, weil ein Kraftwerk bei Falludscha noch nicht richtig funktioniert. Wasser ist ständig verfügbar.

Es herrsche allgemein eine positive Aufbruchstimmung. Vor allem die neue Freiheit habe es den Leuten angetan. Alle möchten amerikanische Autos haben, als Symbol der neuen Freiheit. Europäische Autos seien nicht so angesagt.

Mazdas Schwester hat ein Restaurant in der Nähe. Es hat bis 11:00 abends auf und läuft gut.

Es gibt ca. 4 irakische Fernsehsender, die über Antenne zu empfangen sind. Die Berichterstattung ist laut Aso sachlich ausgewogen und enthält auch Kritik an den Amerikanern.

Auf der Hinreise von Syrien nach Bagdad (ca. 600 km) wurde er lediglich einmal von Amerikanern kontrolliert. Er fragte eine Soldatin, wie es ihr im Irak gefiele. Sie machte abwägende Gesten wie: so lala. Ein Soldat meinte, dass es ihm gut gefiele.

Aso zeigte mir ein Bild, auf dem er in Bagdad zwischen zwei US-Soldaten steht und sie umarmt. Alle lächeln gelöst.

Klaus Öllerer
letzte Änderung: 14.01.2004


Aso freut sich mit den US-Soldaten.

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Die Inhalte angeführter Links und Quellen werden von diesen selbst verantwortet.

Websites in englisch aus dem Irak

Weblogger Salam und Pax aus Bagdad

Iraq Today

Al-Sabah

 

Kommentar

Die Rechnung scheint aufzugehen:
Der Irak und die Region haben nun viele Chancen.

von Klaus Öllerer

Seit über einem Jahr habe ich intensiv die Irak-Berichterstattung in den Medien verfolgt. Dabei konnte ich feststellen, dass es nicht einfach ist ein ausgewogenes Lagebild zu gewinnen. Negative Informationen gab es genug.
Alles schien sich nur um folgende Frage zu richten:
Was läuft schief und wo sind die Risiken für die Zukunft? Vor allem bei deutschen Medien und dem bekannten arabischen Sender Aljazeera herrscht diese Blickrichtung vor.
Es gibt aber auch noch die andere Frage:
Was läuft gut und wie sind die Chancen für die Zukunft ?
Zu dieser Frage habe ich meistens nur BBC, CNN, Welt und Zeit mit entsprechenden Informationen gefunden.

Überhaupt waren einzig BBC und dann auch CNN ein Lichtblick. Nur hier entstand bei mir das Gefühl der ausgewogenen Berichterstattung.
Daher konnte ich mir nicht nur die negativen, sondern auch die positiven Meldungen und Meinungen zum Irak durch den Kopf gehen lassen.

Die Mehrheit der Iraker meinen, dass der Sturz Saddams das Beste gewesen sei, was Ihnen in den letzten 12 Monaten passiert ist. 90% der Bevölkerung wollen eine irakische Demokratie, Zweidrittel erwarten in fünf Jahren ein besseres Leben. Fast ebenso viele wollen, dass die Besatzungstruppen erst einmal im Lande bleiben. Das haben verschiedene Meinungsumfragen unter der irakischen Bevölkerung in den letzten Monaten ergeben.

Das erste Mal in der Geschichte haben die Iraker Presse-, Informations- und Meinungsfreiheit. Millionen von Vertriebenen haben wieder Zugang zu ihrer alten Heimat. Massenmorde werden aufgedeckt und untersucht. Vor dem Krieg starben lt. UNICEF 500.000 Kinder (ca. 50.000 jährlich) durch die Kombination von Saddam Regime und UN-Sanktionen. Das ist jetzt Geschichte.
Nach einer langen Zeit des Niederganges hat der wirtschaftliche Aufbau des Landes nun eine reale Chance und kommt voran. Die Ölförderung steht besser da als vorausgesehen und erreicht langsam wieder das Vorkriegsniveau: 2,2 mio Barrel pro Tag gegenüber 2,9 vor dem Krieg am Jahresende 2003.

Viel, sehr viel bleibt noch zu tun. Es wurden viele Fehler gemacht und werden auch weiterhin gemacht.  Die Sicherheitslage ist prekär und ein Erfolg noch nicht gesichert. Unübersehbar sind aber auch die Fortschritte der Alliierten im Kampf gegen die Terroristen. Konstruktive Kritik und Unterstützung erscheint angebracht.
Mutige Menschen, Iraker und Ausländer, aus staatlichen und privaten Organisationen lassen sich nicht abschrecken. Während die Ängstlichkeit der UNO nicht sehr vertrauenerweckend wirkt.

Der neue Irak erhält immer mehr Struktur. Die Zukunftsaussichten erscheinen gut. Ähnlichkeiten mit dem Nachkriegsdeutschland drängen sich auf. Ich bin 1949 geboren. In jenem Jahr erhielt (West-)Deutschland seine (eingeschränkte) Souveränität zurück. Viele Deutsche misstrauten den Alliierten. Das Wirtschaftswunder begann. Im Irak wird es nicht so lange dauern. Da bin ich optimistisch.

Massenvernichtungswaffen wurden nicht gefunden. Dafür entdeckte man aber Verstöße des alten Regimes (Kay-Kommission), die u.U. die Mehrheitsverhältnisse in der UNO vor dem Krieg hätten verändern können, wenn sie vorher bekannt geworden wären. UN-Inspektor Blix mit seinen Mitstreitern war eigentlich immer chancenlos die Wahrheit herauszufinden. Saddam wollte einfach nicht. Eine ständige Bedrohung ist nun mit dem Sturz des Diktators entfallen. Ein weiterer weisser Fleck auf der Landkarte der Massenvernichtungswaffen erscheint getilgt.

Inzwischen haben der Iran und Libyen die Signale dieses Krieges verstanden. Iran hat ein Abkommen über die Kontrolle seines Atomprogrammes unterzeichnet. Libyen öffnet weitestgehend seine Tore für Kontrollen über Massenvernichtungswaffen. Eine Rückkehr dieses Landes in die internationale Gemeinschaft steht bevor.

Klaus Öllerer
letzte Änderung: 11.01.2004

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Kulturzeit 3Sat: Teile der Friedensbewegung unterstützen Terrorismus im Irak -> mehr

Welt: Irakischer Militär bestätigt Berichte über Saddams Waffen -> mehr

BBC: Iraqis rally against 'terrorism' -> mehr

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"the West won the world not by the superiority of its ideas or values or religion but rather by its superiority in applying organized violence. Westerners often forget this fact, non-Westerners never do."
Samuel P. Huntington
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Entnommen der Website des Webloggers
Salam aus Bagdad