Christen und Muslime Die andere Religion - das unbekannte Wesen. So nah und doch so fern. Hier in Linden begegnet man sich oft. Muslime, Christen und Nichtgläubige leben nebeneinander und nehmen sich gegenseitig auch wahr. Jedoch nimmt man im allgemeinen nur wenig Notiz von
einander. Diese Ausstellung möchte das ändern und zum Kennenlernen beitragen. Sie ist noch bis zum 22. September geöffnet. Klaus Öllerer letzte Aktualisierung:12.09.2004 Aus der Ausstellung
Islam in Hannover Linden www.kirchliche-dienste.de/gesichter-des-islam In Linden leben insgesamt ca. 43.000 Menschen (Stand:2004), darunter etwa 7.000 Muslime. Nicht alle sind Türken, viele kommen aus Jugoslawien, Pakistan, Albanien, Marokko und anderen
islamischen Ländern. Es gibt vier Moscheen: die Medrese Jama 'at-un-Nur in der Dieckbornstraße (Islamisches Lehrhaus), die Camii Fössestraße, die Naqshibendi Dergah in der Voltmerstraße und eine neue arabische Moschee im Industriegebiet. Islamische Gemeinden sind als Kulturvereine organisiert und ihre Aktivitäten richten sich
überwiegend nach innen. Der Organisationsgrad der in Linden lebenden Muslime ist niedrig, nur ca.10% sind Mitglieder in islamischen Vereinen. Es gibt faktisch keine Instanz für den Islam in Linden; die islamischen Kulturvereine können nicht als Vertretung des Islam angesehen werden, nur als Sprachrohr ihrer Mitglieder. Neben den Sunniten finden sich in Linden Schiiten, Ismailiten, Sufis, Derwischorden, Ahmadiyyas, die Moslembruderschaft und die Jama 'at-i-Islami. Vermutlich 20% der Türken
sind Aleviten. Das größte Problem der Muslime in Linden ist wie auch sonst in Deutschland ihre kulturelle Entwurzelung und damit der Verlust von Werten und Normen, Auflösung familiärer Bindungen und Loslösung von traditionellen Autoritäten. Besonders die muslimischen Jugendlichen leiden unter Identitätsverlust. Nur 12 % der türkischen Jugendlichen wollen die religiöse Tradition ihrer Eltern beibehalten. 58 %
haben sich bereits vom Islam distanziert, 22 % betätigen sich nur unfreiwillig religiös. Der Jugend eine Perspektive zu geben und sie in die Gesellschaft einzugliedern ist derzeit das wichtigste Vorhaben der islamischen Organisationen. Fast alle islamischen Gruppen signalisieren heute ihre Bereitschaft am Dialog. So lädt zum Beispiel die Islamische Gemeinschaft Jama 'at-un-Nur seit Jahren zum Offenen Tag der
Moschee, zum Fastenbrechen und zu Diskussionsveranstaltungen ein. Umgekehrt laden evangelische Kindergärten und Kirchengemeinden zu Veranstaltungen, beispielsweise zu Adventfeiern, ein. Die Begegnung von Christen und Muslimen ist jedoch oft von Fehlwahrnehmungen und Vorurteilen auf beiden Seiten geprägt. Dies macht sich unter anderen in den Schulen als ernste Herausforderung für den Alltag bemerkbar. „Der
Dialog zwischen Christen und Muslimen geht da los, wo Menschen sich in der Begegnung berühren – und diese Berührung führt zu einer Vertiefung des eigenen Glaubens. Die Bereitschaft, sich selbst zu hinterfragen, gehört dazu. So vertieft jeder den eigenen Glauben am Gegenüber. Wichtig ist mir, dass wir miteinander um Gutes streiten. Ich halte den lokalen Dialog dabei für entscheidend: wir sollten ihn als Nachbarn suchen. Ich sehe darin auch eine Chance für das Christentum, nämlich sich
selbst zu erneuern." (Wolfgang Wegener, Herausgeber der Muslim Zeitung und des Lindenspiegel) „In der Arbeit des Jugendzentrums gehört das Thema Islam zum ganz normalen Alltag. Eine Grunderfahrung dabei ist: Muslimische Jugendliche wissen genauso viel über ihre Religion wie deutsche Jugendliche, nämlich sehr wenig. Für die muslimischen Jugendlichen ist Religion gleichbedeutend mit Kultur (im Sinne von
Regeln, die die Religion vorgibt und die eingehalten werden müssen). Türkische Jugendliche definieren sich über den Islam, während sich deutsche Jugendliche nicht über ihre Religion definieren. Sie sind vor allem herausgefordert, ihre eigene Position überhaupt erst zu finden. Im Unterschied zu muslimischen Jugendlichen wird ihnen Religion zu Hause nicht mehr vermittelt. Das größte Problem ist – auf beiden Seiten – die Unwissenheit. Dass es gemeinsame Bezugspunkte für beide
Religionen geben könnte, wie z.B. Abraham, ist beiden Seiten fremd. Auch, dass die Gottesfrage eine gemeinsame Basis für ein gegenseitiges Verstehen darstellen könnte. Kirchliche Feste feiern wir deshalb sehr bewusst. Sie vermitteln den deutschen Jugendlichen ein fassbares Bild des eigenen Glaubens. Ebenso versuchen wir die muslimischen Feste als Bestandteil des Alltags verstehen zu lernen, indem wir z.B. das Fastenbrechen am Ende des Ramadan feiern." (Rüdiger Klein, Stellv.Leiter des Ev.Stadtjugenddienstes)
|