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| | | | | | Linden - eine
wahnsinnige Geschichte Vergnügliche Zeitreise durch Ereignisse und Legenden Von Hans-Jörg Hennecke, 1. Teil 65 Millionen Jahre v.Chr. gegen 19.30 Uhr hatten sich die Kontinente endlich so eingerichtet, dass Gott sein Werk mit Wohlgefallen betrachtete. Er hatte immerhin viel herumexperimentiert, Landmassen zusammengeschoben und
auseinanderdividiert, Wassermassen verteilt und Fischschwärme in Bewegung gehalten. In der nun überschaubaren Wüstenei gab es von da an den Punkt 09°42'24'',83 geografischer Länge und 52 °21'49'',83 geografischer Breite. Und was war an diesem Punkt? Nichts. Besser gesagt: gar nichts. Nicht einmal ein müder Saurier kam des Weges, denn die waren gerade am Aussterben. Und das blieb ewig lange so. Bis 1115 n.Chr.
An einem lauen Frühlingsmorgen um 1015 Uhr
sinnierte der Graf Wittekind von Schwalenberg irgendwo in der norddeutschen Tiefebene und kam zu einem folgenreichen Schluß. "Es muß etwas geschehen", verkündete er seinem wenig zahlreichen Gefolge. "Es gibt da den Punkt 09°42'24'', 83 geografischer Länge und 52°21'49'',83 geografischer Breite. Gott muß sich etwas dabei gedacht haben, sonst hätte er ihn nicht geschaffen. Ein Wink des Himmels für einen Schwalenberger." Unter Führung des
Hof-Geografen ritt man los und parkte wegen der Ungenauigkeit der damaligen Instrumente nach einer guten Stunde an der Ihme unter einem Rudel Bäumen. "Was sind das für Bäume?", wollte der Schwalenberger wissen. "Linden", erläuterte der Hof-Biologe beflissen. "Dann soll dieser Ort Linden heißen und ich bin der Begründer, indem ich hier erst einmal eine Gerichtsstätte einrichte." Das Gefolge schaute erstaunt. "Warum gerade hier?",
murrten einige. Wittekind von Schwalenberg grinste erhaben. "Wenn ich hier und jetzt nichts tue, wird man nie eine Wittekindstraße und eine Schwalenbergerstraße benennen." Das überzeugte. Der Hof-Historiker trug in seinen Folianten ein: Linden, gegründet 1115. Und damit fing alles an.
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EIN WAPPEN WIRD GEBRAUCHT Für den Schwalenberger endete es aber schon nach geraumer Zeit. Denn der verlor den noch unbesiedelten Ort an seinen Würfel-Kameraden Graf von Roden. "Ein Ort der auf sich hält, braucht ein Wappen", meinte der Neubesitzer. Er hatte sich schon einen Löwen und die Farben blau und weiß entwerfen lassen, fügte entschlossen einen Lindenbaum hinzu
und fertig war der Lack. Die ersten Bürger kamen zögerlich und sie siedelten nicht an der Ihme, weil man da in jedem Frühjahr einen feuchten Hintern bekommt, wenn die Uferzone infolge Hochwasser "Landunter" meldet. Und in echt ist der exakte Punkt 09°42'24'',83 geografischer Länge und 52°21' 49'',83 geografischer Breite direkt am Fuß des Lindener Berges, wo selbst mittlere Sturmfluten ausgeschlossen sind.
Außerdem war dieser Punkt weit genug entfernt von unsicheren Handelsstraßen, wo neben Warenverkehr auch kriminelle Wegelagerei und Beutelschneiderei angesagt war. Zudem barg seine nähere Umgebung beträchtliche Bodenschätze, die für Lindens Zukunft noch bedeutend werden sollten: Kies, Sand, Lehm, Ton, Schiefer, Kalk- und Sandstein, Kalisalz. Im einzelnen wurde das nicht gleich erkannt, denn die Handvoll Neubürger der neuen Gemeinde Linden waren Bauern. Linden
hatte sein Wappen und startete nun durch als Bauerndorf.
DIE KIRCHE IM DORF LASSEN Als man abends nach getaner Arbeit zusammensaß, kam bald Langeweile auf. Kein Fernsehen, keine Videospiele, keine Computer - nur ein müder Kienspan, der fahles Licht verbreitete. Da fiel den Bauern ein, dass sie schließlich zum christlichen Abendland gehörten und schon reifte der Plan, eine Kirche zu errichten. Über den Standort wurde heftig gestritten bis die Meinung mehrheitsfähig war,
die Kirche im Dorf zu lassen. Und wenn schon, denn schon: also in der Mitte des Dorfes. Wann das genau war, konnte niemand aufschreiben. Lindens Bauern waren zu jener Zeit Analphabeten. Aufgeschrieben wurde später von der Obrigkeit der 14. Mai 1285. Da übertrug selbige nämlich dem Geistlichen Rabodo von Haboldesen die Priesterstelle. Von nun an lernten Lindens Bauern in den Gottesdiensten. Allerdings nicht immer das Richtige, denn damals war die Erde noch
eine Scheibe und Mittelpunkt unseres Sonnensystems. Meinte zumindest die alleinseligmachende Kirche. Wer widersprach, kam vor der Zeit zu seinem himmlischen Vater, denn Scheiterhaufen brennen schnell. In Linden widersprach niemand, weil "Scheibe oder Kugel" bei dem Risiko einfach kein Thema war. Vielmehr kümmerte man sich um ökologischen Anbau von Feldfrüchten. Chemischer Dünger und genmanipulierte Pflanzen wurden strikt abgelehnt. Auch in der Viehzucht wurde auf das Prädikat BIO
geachtet, weshalb Fälle von BSE völlig unbekannt waren.
ADEL VERPFLICHTET - ZU NICHTS Inzwischen war auch die Frage geklärt, wie das mit den Besitz- und Machtverhältnissen in Linden aussehen sollte. Die adlige Familie derer von Alten bekam Grund, Boden und die Bauern noch dazu. Die waren zu Hand- und Spanndiensten für den Adel verpflichtet und mußten auch noch einen Teil ihrer landwirtschaftlichen Erträge abführen. Damit das klappte, erhielten die von Altens
Gerichtsbefugnisse. Wer nicht spurte wurde verurteilt und im sogenannten Hundeloch eingeknastet. Reste des Gefängnisses kann man noch neben der Martinskirche erkennen. Und die Bauern? Die hatten wenig zu lachen. Vielleicht ernannten sie deshalb den Dämlichsten unter sich zum Dorftrottel. Der rannte nachts um die Kirche und schrie aus Leibeskräften: "Linden muß mit Hannover vereinigt werden!" Kein Mensch mit Verstand nahm ihn ernst. Nur die Herrschaften von
Alten ließen am Schwarzen Bären eine Brücke über die Ihme bauen, um schneller Land gewinnen zu können, wenn es denn mal nötig würde. Die Hannoveraner konterten eiskalt. Gegen 1300 bauten sie eine Stadtmauer um ihre Gemeinde und verwendeten als sichtbares Zeichen Kalkstein vom Lindener Berg. Von da an waren die Lindener "Butjer", weil sie von buten (draußen) kamen. Die nächsten paar Jahrhunderte passierte nicht viel. Die Bauern bauerten und hungerten sich so
durch - der Adel adelte und schwamm im Fett. Dass man ihn so auch braten könnte, fiel den Untertanen erst später ein. Allerdings nicht in Linden. Doch auch hier stutzten die Menschen, als sie eines Sonntags zum Gottesdienst bei St. Martin erschienen. Der Geistliche strahlte über alle Backen und verkündete: "Zwei wichtige Neuigkeiten, welche wollt ihr zuerst hören?" Natürlich entschied man sich für die Zweite, weil der Gottesmann bekanntermaßen viel Anlauf
brauchte, um zum Wesentlichen zu kommen.wird fortgesetzt |
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Zeitreise durch Ereignisse und Legenden Von Hans-Jörg Hennecke, 2. Teil Was bisher geschah: Linden war also gegründet. Bauern richteten sich am Fuße des Lindener Berges ein und ackerten. Kein Fernsehen, keine Videospiele. Das Leben nahm seinen langweiligen Lauf. Bis eines Sonntags der Pastor auf St. Martin zwei Neuigkeiten ankündigte.
"Zwei wichtige Neuigkeiten, welche wollt ihr zuerst hören?" Natürlich entschied man sich für die Zweite, weil der Gottesmann bekanntermaßen viel Anlauf brauchte, um zum Wesentlichen zu kommen. Diesmal war alles anders. "Also", stieß der Gottesmann atemlos hervor, "wir sind mit unserem Latein am Ende." Das war im Jahre 1538 noch keine
doppeldeutige Redensart, sondern ziemlich wörtlich gemeint. Die Bauern stutzten misstrauisch. Latein war immerhin das Herrschaftswissen, mit dem sich die gelehrten Herren vorm gemeinen Volk verschanzten. In lateinischer Sprache war die Bibel von Mönchen per Hand abgeschrieben, somit vervielfältigt und dennoch dem einfachen Gläubigen nur per Predigt des Pfarrers erschließbar. Kurz: Latein war für Menschen jener Tage die halbe Miete auf der Karriereleiter. Und das sollte am Ende sein? Nun
kam es knüppeldick von der Kanzel: "Unser Martin Luther hat dem Papst den Stinkefinger gezeigt und die ganze Heilige Schrift ins Deutsche übersetzt. Was sagt ihr nun?" Erst mal sagte keiner was. Dann kam Geschrei auf, bis man nur noch den Lautesten verstehen konnte. Das war Ludwig Cordt, ein stämmiger Bauer, der ganz gut lesen und schreiben konnte, obwohl kein einziges Schuljahr für ihn verwendet worden war. Er hatte sich das ABC in einem Do-it-yourself-Kursus
beigebracht. Der Prediger - sein Name war Helmold Koken - war bemüht, sich erneutes Gehör zu verschaffen. Die Bauern verstummten und spürten, dass Herrschaftswissen doch erhalten bleiben sollte. Sie ahnten nämlich nicht, was 1444 in Mainz passierte. Da hatte der ehrenwerte Johannes Gutenberg die Druckkunst mit beweglichen Lettern erfunden und seine Jünger druckten nun wie im Rausch eine Bibel nach der anderen. In deutscher Sprache - oder was man damals dafür hielt. Was das in
einer Marktwirtschaft für Folgen hat, wissen wir heute genau. Aber die Folgen hatten Linden noch nicht erreicht, sodass Pfarrer Koken weitersprechen konnte. Wobei er bei seinen News verschwieg, dass 1516 in deutschen Landen das Reinheitsgebot für Bier eingeführt wurde: Bier durfte seitdem keine Haltbarmacher, Abwaschwasser und süßen Früchte mehr enthalten, nur noch Wasser, Hopfen und Malz. Dieses Reinheitsgebot hatte auch Luther stark in seinem Kampf inspiriert, während in Linden
noch überwiegend ungesunder Schnaps getrunken wurde. "Die andere Neuigkeit: wir sind jetzt evangelisch, haben mit Rom und den Katholischen nichts mehr am Hut. Ablasszettel gibt es nicht mehr. Das Geld werft ihr jetzt direkt in den Klingelbeutel. Was dann aus euren Sünden wird, hat mir die Obrigkeit noch nicht genau mitgeteilt. Ich vermute, sie verschwinden im Schlund des Beutels. Ansonsten geht alles seinen bewährten Gang." Das stimmte nur zeitlich begrenzt, denn die
Rache Roms erreichte schließlich auch die norddeutsche Tiefebene. Tilly war nicht die Frau von nebenan Nein, Tilly war vielmehr Graf und General bei den Kaiserlichen, die für den alten römischen Glauben fochten. Sagten sie jedenfalls. Ebenso überzeugend war der Gegenpart: Dänen, Schweden und deutsche Fürsten, die für Gott und Luthertum das Schwert erhoben. Doch irgendwie ging es wie immer in Kriegen um Macht und Reichtum. Tilly erschien auf dem Lindener Berg um Hannover einzunehmen,
doch da war schon der überlegene Gegner. Also hielt man sich an Linden schadlos. Linden wurde plattgemacht, sah dann ungefähr so aus, wie der Parkplatz beim real-Supermarkt am Sonntag. Nur noch einige rauchende Trümmer erinnerten an das vielversprechende Dorf. Dem vorläufigen Ende folgte ein langsamer Neuanfang. Am schnellsten war die Obrigkeit (sie hatte auch die geringeren Verluste) in Gestalt des Herzogs Christian Ludwig, der schon drei Jahre vor Kriegsende (1645) am Küchengarten einen
Küchengarten anlegen ließ: Gemüseanbau für das Schloss in Herrenhausen. Dann trat der Graf von Platen-Hallermund auf den Plan. Der übernahm den Lindener Besitz derer von Alten. Ein Graf lässt weben Platen war ein schlauer Fuchs. Logisch folgerte er: "Die Leute werden irgendwann eine Europäische Wirtschaftsgemeinschaft gründen und minderwertige Lebensmittel massenhaft produzieren. Daraus entstehen elende Krankheiten. Damit ist dann kein Geschäft mehr zu machen. Der Reibach
liegt in neuen Entwicklungen. Ich muss die Manufaktur entwickeln, aus der schließlich Industrie entstehen kann. Wenn das klappt, loben mich die Nachfahren über den grünen Klee." Naja, Straßenbenennungen waren natürlich auch noch drin, wie der Schlauberger richtig vermutete. Gesagt, getan. Auf grünem Klee ließ der Graf die Weberstrasse erbauen, nahe seines neuerbauten Schlosses im Von-Alten-Park In Sichtweite, denn der alte Fuchs prägte den Lehrsatz: "Vertrauen ist gut,
Kontrolle ist besser." Ein russischer Revolutionär behauptete allerdings später, der Satz sei von ihm. Nun gab es gerade wieder mal ein frisches Jahrhundert und man schrieb exakt: Anno domini 1700. In der Weberstrasse entstanden 31 Weberhäuser. Die Bewohner waren im Weserbergland angeworben und verstanden die Kunst des Leinewebens. Die betrieben sie in einem Arbeitsraum ihres Hauses: Heimarbeit war angesagt. Erbärmlich bezahlt, wie das damals international üblich war. Eine
aufgeregte Debatte begann: gehört die Weberstrasse zu Linden? Was wollen die Fremden hier? Dürfen die etwa auch in der Martinskirche beten? Um die Gemüter zu beruhigen, wurde das neuerschlossene Wohngebiet "Neu-Linden" getauft, eine Art eigene Gemeinde. In Haus-Nummer 23 wurde gar eine Schule eingerichtet, doch für eine Kirche reichte es nicht. Also gingen die Zugewanderten genau wie die Ricklinger zur Martinskirche, was regelmäßig Tumulte hervorrief. Denn dort hatte jeder
nach Stand und Vermögen seinen eigenen Sitzplatz. Was neben dem eigentlichen Gottesdienst dort ablief, lässt sich aus den Protokollen des Calenberger Amtes ablesen: "Jasper Bock, Cordt Bock, Arnd Gastin, Jasper Strues und Hans Lutter haben sich übel bei währendem Gottesdienst bezeiget und die Ricklinger aus ihren Stellen gedrungen, und ob zwar der Priester Silentium geboten, solches nicht geachtet = 2 Thaler, 28 Groschen Strafe." Was sonst so passierte: "Hans Lutter lief
trotz des priesterlichen Protestes während des Gottesdienstes aus der Kirche" und - noch schlimmer - "Jasper Bock und Jürgen Volkmanns Frau haben sich Ostertags in der Kirche geschlagen." Das kostete immerhin 1 Thaler und 4 Groschen. wird fortgesetzt |
| | | | Linden - eine wahnsinnige Geschichte Vergnügliche Zeitreise durch Ereignisse und Legenden Von Hans-Jörg Hennecke, 3. Teil Mit der Leineweberei war klar: Linden sollte längerfristig Industriestadt werden. Doch noch war es Dorf, die Weberstrasse nur der Anfang vom Anfang. Dabei hätte man in Linden vielleicht die Opec gründen können, denn 1730 wurde zwischen Badenstedter und Davenstedter Strasse
eine Ölquelle entdeckt. Mangels Existenz von Esso oder DEA bemühte man den königlichen Leibarzt Steigerthal zur Qualitätsprüfung. Der kam zu einem erstaunlichen Ergebnis: "Das Öl, das äußerlich von einem erfahrenen Chirurg mit Vorsichtigkeit möge gebrauchet werden. Wir tragen aber zu innerlichen Kuren Bedenken, dieses wegen seiner durchdringenden hitzigen Kraft einem Menschen, in Sonderheit Kranken, zu verordnen." Also: einreiben ja, trinken nein. Dafür kam der Arzt ins hiesige
Adressbuch, wenngleich die Steigerthalstrasse nicht der Nabel von Linden ist.
Zum Glück wurde 160 Jahre später das Automobil erfunden, in welchem Öl seine hitzige Kraft beweisen konnte. Aber da war die Lindener Quelle schon versiegt. DAS REZEPT FÜR REICHTUM 1772 wurde Johann Egestorff in Lohnde geboren. Das meldete keine Zeitung, deshalb steht es aus gutem Grunde hier. Er kam aus einfachen Verhältnissen (der Vater war Kleinbauer und Fischer). Ab 1795 arbeitete er als
Böttchergeselle bei Stukenbrok, der am Lindener Berg eine Kalkbrennerei und Böttcherei betrieb. Obwohl kaum des Lesens und Schreibens kundig, war er ein scharfer Rechner. Stukenbrok nicht, der machte bald Konkurs. Da es keinen Sozialplan für die Beschäftigten gab, übernahm Egestorff den Betrieb unter heftiger eigener Verschuldung. Als Wohnung blieb ihm das Kalkbrennerhäuschen am Berg und so nannte man den Emporkömmling spöttisch "Kalkjohann". Der Unterschätzung folgte bald
Bewunderung. Binnen weniger Jahre übernahm und gründete Egestorff I. Steinbrüche, Holzhandel, Kohlegruben, Ziegeleien und eine Zuckerfabrik. Und, hastenichtgesehen, gehörte ihm so ungefähr der ganze Lindener Berg. Das war die Zeit der Franzosenherrschaft (1803-1813). Napoleons Truppen hatten Mittel- und Osteuropa überrannt und Linden dem Königreich Westfalen einverleibt: Das war eine hundertprozentige Tochtergesellschaft von Napoleon und löste wenig Begeisterung aus. Die Soldaten aus
Linden und Umgebung erinnerten sich daher daran, dass sie bereits den Doppelpass besaßen, der fast 200 Jahre später bei einer Minderheit zum Objekt der Begierde wurde: Personalunion mit England war angesagt, der König in London regierte gleichzeitig in Hannover. Also zogen sich ganze Truppenteile aus der hiesigen Gegend über den Ärmelkanal zurück und wurden zur "Königlich Deutschen Legion". Bei Waterloo gaben sie schließlich gemeinsam mit Briten und Preußen Napoleon den Rest. Chef
der Hannoveraner dort in Belgien: Carl von Alten, dem wir somit den Waterlooplatz verdanken. Er teilt uns mit: "Vor dem Staatsarchiv können Sie mich treffen!" Hier geblieben waren die reichen Stadt-Hannoveraner. Die pfiffen auf Napoleon und bauten sich in Linden Villen und Landhäuser, nichtahnend, dass Lindens Zukunft als Proletarier-Stadt bereits abgemachte Sache war.  |
Auch Egestorff hatte mit den Franzosen wenig Probleme. Die hatten moderne Technik und moderne Ideen und der Jungunternehmer lernte schnell. Schwieriger war da der Konkurrent aus
Bredenbeck, die berühmte Familie von Knigge. Die hatte der Menschheit durch ihren Spross Adolph nicht nur freiheitliche Lebensregeln beigebracht ("Vom Umgang mit Menschen"), sondern betrieb eine mächtige Firma in der gleichen Branche wie Egestorff. Also musste der eine geniale Strategie ersinnen: "Gegner, die du nicht besiegen kannst, musst du zu Verbündeten machen." Und das funktionierte. Egestorff verpflichtete sich zur Abnahme der Kniggeschen Produkte, dafür
zogen sich die Barone aus Linden und Hannover zurück. Als Johann Egestorff 1834 starb, hinterließ er lachende Erben. Und ein Rezept für Reichtum. Es ist noch heute auf seinem Grabstein vor der Martinskirche zu erkennen. Dort ist kein Lottoschein abgebildet, sondern ein Bienenkorb. Denn, so der Kalkjohann, "nur durch Bienenfleiß kommt man zu Reichtum". Nachmachen ist ausdrücklich erlaubt. LINDEN WIRD ZUM INDUSTRIEDORF
Nun hat Reichtum seine eigenen Gesetze. Er schreit unverdrossen nach ständiger Vermehrung. So erreichte die Idee, Fabriken zur billigen Massenproduktion zu gründen, auch das Dorf Linden. Sie schossen wie Pilze aus dem Boden: Mechanische Weberei, Baumwollspinnerei, Egestorffsche Maschinenfabrik (die spätere Hanomag). Georg war der Chef, Sohn des Alten. Um zu werden, was er wurde, waren einige Widerstände zu überwinden. Massenproduktion muss transportiert werden,
Pferdefuhrwerke und Ihmekähne reichten dazu längst nicht mehr aus. Seit die Dampfmaschine erfunden war, träumte alle Welt von der Eisenbahn. Nur einer nicht: Hannovers König Ernst-August. Der hatte schon 1837 die Verfassung gebrochen, die Gebrüder Grimm und andere Denkende aus seinem Königreich verwiesen, obwohl er kaum einen qualifizierten Hauptschulabschluss ohne Protektion erreicht hätte. Der also tönte zumeist kategorisch. In diesem Fall war er zudem außer
sich: "Eisenbahn? Niemals! Ich will nicht, dass jeder Schneider oder Schuster so rasch reisen kann wie seine Majestät der König. Immerhin bin ich von Gottes Gnaden - oder umgekehrt." Doch das ganze Gezeter half ihm nichts. Wo wirtschaftliche Kräfte machtvoll drängen, kann kein König sein Zepter halten. Und so wurde 1844 eine Eisenbahnlinie von Hannover nach Braunschweig in Betrieb genommen. Das war damals Ausland, gehörte nicht zum Königreich Hannover.
Der arrogante Schwätzer Ernst-August ließ sich von "sein treues Volk" ein Denkmal vor dem Hauptbahnhof errichten, als sei er nie gegen die Eisenbahn gewesen. Die nicht adelig-degenerierten Bürger sahen das natürlich ganz anders. Die hannoversche Morgenzeitung "Die Posaune" begeisterte sich über die Möglichkeit, "in weniger als zwei Stunden nach Braunschweig kommen zu können". Überschwänglich berichtete das Blatt über die
technische Neuheit: "Nicht Rosse fördern den unabsehbaren Zug; es sind feuersprühende Dämonen, unempfindlich gegen Schmerz und Mühe, welche knirschend der Gewalt der Dämpfe gehorchen, der unwiderstehlichen weltverändernden allesbewegenden Gewalt, welche eine leise Bewegung in einem einzelnen Menschengehirn in den Kreis der Zeit gerufen hat." Und die Egestorffs? Natürlich lagen die auf der Lauer und witterten mächtig Reibach. Wer
Eisenbahnstrecken in Betrieb nimmt, braucht Eisenbahnen. Und wer baut die? Georg Egestorff, wer sonst im Königreich. Für die Ständeversammlung desselben formulierte er das schließlich so: "Der Wohlstand des ganzen Vaterlandes und mit ihm die Steuerkräfte der Unterthanen werden sich mehren..." Ja, wer kann da noch Nein sagen. Egestorff II. war im Geschäft. wird fortgesetzt |
| | | | Linden - eine wahnsinnige Geschichte Vergnügliche Zeitreise durch Ereignisse und Legenden Von Hans-Jörg Hennecke, 4. Teil Völkerwanderung nach Linden Wo Schornsteine
rauchen und Maschinen rattern, brauchten Unternehmer Arbeitskräfte. Männer, Frauen, Jugendliche und Kinder. Nach Qualifikation wurde wenig gefragt, nach Muskelkraft schon eher. Und so strömten die Landlosen nach Linden, aus dem Calenberger Land, aus dem Eichsfeld, aus Sachsen. Der Lindener Schmelztiegel brutzelte sie in großer Hitze und Eile zu einer neuen Gattung: dem Lindener Industriearbeiter. Der schuf sich in Windeseile aus heimischen Ursprungsdialekten sogar seine eigene
Umgangssprache: das Lindener Platt (im Unterschied zum bäuerlichen Calenberger Platt). In dieser Sprache fehlten einige später bedeutsame Begrifflichkeiten: Ausländer raus; Fremde sind doof; wir sind uns selbst genug; Lindener Leitkultur... Linden hatte unten an seiner menschlichen Basis ein großes Herz und das fühlte: Fremd ist der Fremde nur in der Fremde. Der kapitalistische Überbau setzte andere Maßstäbe: 12-13 Stunden Arbeitstag, mäßiger Lohn, noch schlechtere Wohnverhältnisse. Manche
bekamen bei dem knappen Angebot nicht einmal eine Schlafstelle in Linden, siedelten sich in umliegenden Dörfern oder hannoverschen Stadtteilen an. Ohne U-Bahn und Kilometerpauschale fürs Auto hieß das: um 4.30 Uhr zu Fuß losgehen, Sommer wie Winter, denn bei Egestorff begann die Schicht um 6 Uhr. Dann 12 Stunden Arbeit...  |
Wohnungen für Arbeiter wurden gebaut, ganze Straßenzüge entstanden. Doch ob alt oder neu, von Lebensqualität keine Spur. In einem Bericht an das Königlich-Hannoversche Ministerium des Innern erstatte eine Baukommission 1861 Bericht:
"Weberstrasse: Sehr feucht und kalt. Behnsenstrasse: dumpfig, feucht. Falkenstrasse: dumpfig, sehr feucht. Charlottenstrasse: Mistlager unter den Fenstern. Abortgruben unter dem Hause. Feucht. 1859 hier Cholerakranke." Seit 1845 gab es eine erste Arbeiter-Verbindung, den Buchdrucker-Arbeiterverein (ab 1849 für alle Branchen ein Arbeiterverein Linden). Da politische Vereinigungen im Königreich
verboten waren, beschränkte er sich auf ein Bildungsangebot, das die Mängel des Volksschul-Unterrichts ausgleichen sollte. Das wurde von den Mächtigen in Wirtschaft und Politik durchaus gern gesehen und die Arbeitervereinler waren auch ansonsten hinreichend brav. So wurde 1865 ein Sängerfest veranstaltet, dessen Höhepunkte Ständchen für Chef Egestorff (der war Ehren-Mitglied) und König Georg V. waren. Seine Majestät sollen gerührt gewesen sein... Was sich ein Jahr später
steigerte, als Georg nach verlorenem Krieg ins österreichische Exil abreisen musste. Das Königreich Hannover wurde zur preußischen Provinz. Verführte Massen und väterliche Güte Und Egestorff - hatten Arbeiter da etwas gutzumachen? Immerhin hatte es im Revolutionsjahr 1848 einen ersten Streik (obwohl Streik laut Polizeigesetz verboten war) gegeben: die reine Arbeitszeit sollte v.a. von 12 auf 11 Stunden täglich verkürzt werden. Egestorff stimmte mit Blick auf
revolutionäre Umfeldereignisse zu. Als ein halbes Jahr später die Forderung präzisiert und erweitert wurde (Arbeit von 6 - 18 Uhr bei 2 Stunden Pause), winkte der Boss ab und rief die Polizei. Die drohte mit Gefängnis, der Streik brach zusammen. Rädelsführer wurden entlassen und aus dem Königreich ausgewiesen, gegenüber den verführten Massen ließ Egestorff väterliche Güte walten. Vor der Belegschaft hob er den Zeigefinger hoch in die Luft. Hätte er ihn einigermaßen
angefeuchtet, wäre die aktuelle Windrichtung festgestellt worden: Nord-Nordost. Die kannte Egestorff aber auch so: "Keine dummen Sachen mehr, sonst kracht es." Die Arbeiter nahmen es gelassen zur Kenntnis, gleiche Worte hatten sie von Vater, Lehrer und Unteroffizier beim Militärdienst gehört. Nur Johann Cordt, natürlich ein Nachfahre des Bauern Ludwig Cordt aus dem 2. Teil dieser Geschichte, murrte: "Ich gehe zu den Sozialdemokraten und dann machen wir euch
Feuer unter dem Arsch." Er war so vorlaut wie sein seliger Vorfahr: die Sozialdemokraten waren natürlich noch gar nicht gegründet. Was hingegen unter dem Beifall der Chef-Etagen in die Welt gekommen war, nannte sich "Prügelo-Melodicon" und wurde im "Hannoverschen Volksblatt" gefeiert. Allenthalben plante man, das Gerät massenhaft zu importieren, denn es sprach eine arbeiterverständliche und gleichzeitig kunstfördernde Sprache:
"Ein englischer Maschinist, John Nutcracker, hat eine Prügelmaschine erfunden. Die Maschine hat die Form eines Claviers und ist ebenso wie dieses mit Tasten und Saiten versehen; hinten endet es in einem vier Fuß tiefen Kasten, in welchen sich der auszuprügelnde Gegenstand stellt. Der Strafbare wird auf diese Weise nach Noten geprügelt, und indem man ihn durch Schläge zu bekehren versucht, strebt man zugleich sein Ohr durch die allentzückende Macht der Musik zu veredeln."
Ja so warns, die Nachfahren der alten Rittersleut. Derweilen wälzten sich die Arbeiter in einer Hängematte aus Barmherzigkeit.  |
Der Leitartikler der "Hannöverschen Landesblätter" behauptete, "die vielen Unterstützungsvereine tragen zum Verderben der arbeitenden Classe dadurch bei, dass die Armen gewöhnlich ihre Unterstützungen, ohne etwas dafür zu leisten, empfangen." Derart verwöhnt fielen sie reihenweise dem Alkohol zum Opfer, dessen Konsum die Obrigkeit schließlich als "Branntweinpest" geißelte.
Dabei war man in einem echten Zwiespalt. Die Branntweinsteuer war immerhin ein wichtiger Posten im Haushalt des Königreichs. Schon 1691 hatte der Kurfürst ein Edikt gegen Trunkenheit erlassen, das von den Kanzeln verkündet werden musste. Doch spätestens 150 Jahre später war die Schlacht verloren, weil sie auf einer folgenschweren Fehleinschätzung beruhte: wer säuft, verelendet. Daß bei den Armen eher umgekehrt ein Schuh draus wurde (wer elend lebt, säuft), ging
der hohen Obrigkeit nicht auf. Und so schossen überall die "Mäßigkeitsvereine" wie Pilze aus dem Boden. Allerdings mit kurzfristigem Erfolg und wesentlich auf das Bürgertum beschränkt. Zeitzeuge Wilhelm Rothert schrieb darüber: "Von ihren Bollwerken, den Schenken aus, machten die Trinker und Wirte mit Hohn und Spott... die niedrigsten Angriffe auf die Enthaltsamen. Welch ein Jubel der Stammgäste, wenn ein Rückfälliger wieder zur Flasche griff... Dann kam das Jahr
1848. Alle Wirtshäuser füllten sich mit Volksversammlungen und kannegießenden Philistern, die Köpfe erhitzten und berauschten sich in den ausschweifendsten Ideen, die Politik verschlang alle sonstigen Interessen, mit der neuen Redefreiheit erwachte die alte Trinkfreiheit: die Zeiten der Mäßigkeitsvereine waren vorüber." Das machte die Lindener selbstbewusster, wenn auch nicht gerade klarer im Kopf. wird fortgesetzt |
| | | | Linden - eine wahnsinnige Geschichte Vergnügliche Zeitreise durch Ereignisse und Legenden Von Hans-Jörg Hennecke, 5. Teil Residenzstadtunfähig In Lindens Frühzeit war es ein armseliger Dorftrottel, der besessen die Vereinigung des Dorfes mit Hannover forderte. 1865
hatten die Dorftrottel in der Lindener High-Society eine relative Mehrheit. Sie forderten dasselbe. Nun war Hannover nie das Pflaster, auf dem große Geister zu Dutzenden flanierten, aber dieses absurde Ansinnen wiesen die Hauptstädter dennoch kategorisch zurück. Offiziell wurde gesagt: Linden hat keine Kanalisation, keine ausgebauten Straßen und eine residenzstadtunfähige Bevölkerung. Inoffiziell war klar: das ganze Gerede hatte mit der Luftverschmutzung zu tun, die kroch den Leuten längst
die Gehirnwindungen empor. Und die war ein Produkt der massiv angewachsenen Lindener Industrie. Neben Egestorffs Unternehmungen ging es dabei wesentlich um die Mechanische Weberei (1828), die Tapetenfabrik Schütz & Brackebusch und die Söhlmannsche Lederfabrik (1830), die Teppichfabrik Roskamp & Dehmann (1840), die Baumwoll-Spinnerei und Weberei und die Ziegeleien von Stephanus (1853), die Brauerei Brande & Meyer (1854), die Knoevenagelsche Maschinenfabrik (1856), das
Nordmannsche Eisenwerk (1857), die Asphaltfabrik, Hurtzig & Feldmanns Mineralwasserfabrik, die Bettfedernfabrik Werner & Ehlers und die Wagenfabrik Jacobi (alle 1860). Bedeutendstes Unternehmen neben der Mechanischen Weberei war die von Strousberg nach Egestorffs Tod (1868) übernommene Maschinenfabrik. Der neue Besitzer machte daraus die international bedeutsame Eisenbahnfabrik, die ab 1871 als Aktiengesellschaft unter dem Namen Hanomag berühmt wurde. Der alte Stephanus sah es
mit Wohlgefallen, zumal sein eigenes Vermögen sich mächtig anstapelte. Er war Lindener Gemeindevorsteher und trachtete ab 1883 danach, den arroganten Hannoveranern ob ihrer Verschmähung einer Ehe mit Linden eins auszuwischen. »Ich hab´s«, schrie er eines Tages aus Leibeskräften durch eine Straße, die schon bald Stephanusstraße heißen sollte. »Linden wird Stadt! Wir wollen nicht länger als größtes Dorf Preußens in den Heimatkundebüchern stehen.« Flugs ließ er die Einwohner zählen, die sich
im Jahre 1850 noch auf 5.000 addiert hatten. Jetzt — 1883 — waren es doch sage und schreibe stattliche 24.000. »Wir haben das Recht, eine Stadt zu sein«, schlussfolgerte der Fabrikant. Die Obrigkeit war anderer Meinung und attestierte dem Dorf Linden »Mangel an einer genügend intelligenten Mitwirkung bei der Verwaltung einer selbständigen Stadt geeigneten Bevölkerung«. Lindener galten den Stadt-Hannoveranern ohnehin als minderwertig, kamen sie doch »von buten rin«, was auf
Hochdeutsch „von draußen rein" heißen sollte. Von buten — schon war der Titel Butjer geboren. Sie erinnern sich, das hatte schon um 1300 mit der Stadtmauer der Hannoveraner begonnen. Bemerkt wurde es in Linden aber erst jetzt. Butjer — ein Schmähwort? Nicht für die Lindener. Die nannten sich nun stolz Butjer und betrieben unbeirrt den Erwerb ihrer Stadtrechte. Das gelang am 1. April 1885 und Bürgermeister wurde Dr. Georg Lichtenberg. Gehen wir in den Gesangverein!
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Die Konjunktur machte auch in jener Zeit Sprünge und landete ziemlich regelmäßig in tiefen Tälern.
Dann war Arbeitslosigkeit angesagt und Familien kämpften buchstäblich gegen das Verhungern. Zuweilen war die Situation so schlimm, dass sich Polizeibüttel Sorgen um die Stabilität des Staates machten. 1877 geriet die Hanomag in eine Krise, Massenentlassungen folgten. Ein Polizeiermittler schrieb in seinen Bericht: »So befinden sich in der Tat jetzt 160 Familien in Linden, deren Ernährer schon seit Wochen ohne
Arbeit und jeglichen Verdienst sind, die auch mit dem besten Willen und trotz aller Mühe sich Arbeit nicht haben verschaffen können… Länger ist indes solcher Zustand nicht haltbar… Unter solchen Umständen dürfte es nicht zuviel von mir gesagt sein, wenn ich die Befürchtungen ausspreche, dass Unruhen und größere Excesse die Folge sein werden. Auch die hier so sehr in der Zunahme begriffene Sozialdemokratie würde nicht unterlassen, für sich Kapital daraus zu
schlagen; …das hat uns das Resultat der letzten Reichtagswahlen zur Genüge gezeigt.« Auf den Polizeimann hörte natürlich wieder mal keiner und man wandte das alte Rezept an, Ursache und Wirkung zu verwechseln. So wurde unter einem Vorwand 1878 die Sozialdemokratie als Partei (SPD) in ganz Deutschland verboten (Sozialistengesetz), konnte sich aber weiter an Reichstagswahlen beteiligen: Damit hatten die Mächtigen immerhin eine Meßlatte für die
Entwicklung gefährlichen politischen Potentials. Gewählt wurde übrigens nach einem Auswahlsystem, das der Satiriker Eugen Roth später so benannte: »Frauen, Kinder und Tiere sind glücklich — aber wir Menschen nicht«. Konkret: reines Männerwahlrecht. Auf Landes- und Kommunalebene sogar als Drei-Klassen-Wahlrecht nach Steueraufkommen und Bürgerrecht. Doch das lesen Sie gefälligst in anderer einschlägiger Literatur nach.
Bisher hatten in Linden (8. hannoverscher Wahlkreis) immer vor allem Nationalliberale (Preußen-Fans) und Welfen (Fans des untergegangenen Königreichs Hannover) konkurriert. Da absolute Mehrheit (50 % + X) für das Reichstagsmandat Pflicht war, gab es eine Stichwahl der beiden stärksten Kandidaten. Das waren 1884 erstmals der Welfenkandidat und der sozialdemokratische Arbeiter Heinrich Meister. In der Stichwahl riefen die Nationalliberalen aus alter Welfenfeindschaft
erstmals ihren Anhang auf, für Meister zu stimmen. Und der zog tatsächlich in den Reichstag ein. Das machte die Arbeiter selbstbewusst und sie schlugen dem Sozialistengesetz ein Schnippchen  |
»Fritz, wir gehen in den Gesangverein«, sagte Karl eines Tages grinsend zu seinem SPD-Genossen. »Biste verrückt«, tippte sich Fritz an die Stirn, »ich kann überhaupt nicht singen, höchstens nach dem vierten Rezept.« Dieses Rezept gab es übrigens bei keinem Arzt und kein Apotheker löste es ein. Es galt nur an der Theke und verordnete schlicht: Ein Bier und ein Korn.
Karl hatte nichts gegen »Singen nach dem 4. Rezept« und Dutzende anderer Arbeiter auch nicht. Und so hallte bald überall Gesang in Lindener Arbeiterkneipen. Und wenn der Gendarm kam, um die Einhaltung des Sozialistengesetzes zu überwachen, stimmte man ein vorher abgesprochenes Lied an. Dann wussten die Partei-Strategen im Hinterzimmer: Gefahr im Verzuge. Und packten die Skat-Karten aus. Skat-Spielen war sogar unter Kaiser Wilhelm erlaubt — und Singen natürlich auch.
Dem Vereinsleben tat das Ganze gut. Linden entwickelte eine bunte Vielfalt von Kultur- und Sportvereinen — was bis heute so geblieben ist. Und das Sozialistengesetz bekam 1890 eine Beerdigung 1. Klasse. Fortsetzung folgt — letztmals (irgendwann muss ja mal Schluss sein)Diese veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung. |
| | | | Linden - eine wahnsinnige Geschichte Vergnügliche Zeitreise durch Ereignisse und Legenden Von Hans-Jörg Hennecke, 6. Teil Liebe Fans der Lindener Geschichte, hiermit endet unserer Vorabdruck. Wir haben Ihnen in 6 Folgen eine Geschmacksprobe geliefert.
Wenn Sie dabei auf den Geschmack gekommen sind: im Oktober erscheint im TAK-Verlag (Theater am Küchengarten) die umfassende Gesamtgeschichte Hans-Jörg Henneckes als Buch: Linden – eine wahnsinnige Geschichte. Preis ca. 20 DM. In allen Buchhandlungen. Übrigens: hervorragend als Weihnachtsgeschenk geeignet!
Ein Hundeleben am Lichtenbergplatz Der Lichtenbergplatz ist in Linden nun wirklich unter die Räder geraten. Einer der schönsten Plätze der Welt sieht beleidigt aus. Und das mit vollem Recht. Seine bürgerliche Wohlanständigkeit ist mit der legendären Kastanie ins allzu frühe Grab gesunken. Sechs Zufahrtsstrassen, jahrzehntelang ein solides
Zeichen von Zentralität, Großzügigkeit und Unbegrenztheit, prallen neuerdings gegen einen grobmaschigen Gartenzaun, mit Holzpfählen am Boden verrammelt. Seit Fielmann auch nicht mehr ohne Zuzahlung optikert, können Ärmere kaum das zarte Pflänzlein im Mittelpunkt des Käfigs erkennen, aus dem schließlich dereinst ein stolzer Baum erwachsen soll. Nicht zu den Ärmeren gehören ortsansässige Hunde, die ihre Besitzer zum Teil über Jahre zum schönsten Platz in Linden zogen. Die sehen, dass da was
ist, wenn auch mickriger als früher. Wo der Mensch seinen Stammtisch hat, liebt der Hund seinen Stammbaum. Das gilt selbst für zeitweilig minderen Ersatz. Kein Lindener lässt sich seinen Weg zum Stammtisch mit einem Maschendraht versperren und die ministerielle Warnung "Rauchen gefährdet die Gesundheit" hält fanatische Nichtraucher kaum davon ab, ihren Stammplatz wöchentlich in einer verräucherten Kneipe
einzunehmen. Und was macht der Hund, der treueste Freund des Menschen ? Der steht am Zaun, hinter ihm sein 60-jähriges Frauchen. Er, von Herkunft Schäferhund, steigt mit den Pfoten bis zum Oberrand des Zauns, wimmert herzerweichend und springt dann an Frauchen hoch. Frauchen strauchelt auf die Ringfahrbahn zurück und erzwingt damit erstmals die Einhaltung der Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 kmh. Und dann ? Soll die
Frau ihren treuesten Freund über den Zaun heben ? Täten würde sie schon wollen, wagen auch (man ist schließlich in Linden), nur machen kann sie sich nicht trauen: von wegen Wirbelsäule und Rheuma. Die Unentschlossenheit des sechsbeinigen Paares lockt ähnliche Paare mit Gewohnheitsrecht an. Der Autoverkehr läuft nun nur noch mit konstant 30 kmh, am Zaun pinkeln winselnde Hunde, kleinere Artgenossen werden hinübergesetzt und leinengesichert davon abgehalten, dem Baum-Nachwuchs Schaden
zuzufügen. Aus den oberen Etagen der anliegenden Häuser erschallen schrille Schreie. Gefährliche Hysterie ist im Anflug. Der einsame Kontaktbeamte der Polizei ahnt schon vor seiner Firma, was da im Schwange ist. Entschlossen lenkt er seine Schritte in Richtung Ihme-Zentrum, weil da möglicherweise ein unkundiger Kunde den Ausgang nicht findet. Und dann hat keiner mehr die Entwicklung im Griff. Schwarzvermummte fragen
drohend, ob hier ein Castor-Transport festgefahren sei. Volltrunkene 96er vermuten, die Aufstiegsfeier für die 1. Liga sei in vollem Gange. Hat das die Verwaltung bedacht, als der Zaun befohlen wurde ? Oder wird Chaos immer mehr zum Ordnungsprinzip ? Linden – eine wahnsinnige Geschichte Wie war das eigentlich damals am 18. Mai 1115,
als Wittekind von Schwalenberg mit seinem wenig zahlreichen Gefolge das Ufer der Ihme erreichte und voller Überzeugung befahl: „Hier soll Linden entstehen!"? Oder als 200 Jahre später der Dorftrottel um die Martinskirche rannte und unter Hohngelächter die Vereinigung Lindens mit Hannover forderte? Das alles war natürlich
erst der Anfang. Viele Mosaiksteinchen versuchen die Frage zu beantworten, wie wir in Linden wurden was wir sind. 900 Jahre pralle Geschichte, die Hans-Jörg Hennecke mit spitzer Feder und satirischem Übermut zu einem Wahnsinnstext zusammenschnürte. Hans-Jörg Hennecke liest aus seinem neuen Buch: „Linden – eine wahnsinnige
Geschichte." Eine Veranstaltung im Rahmen der tak-Keller-Lesungen. Termin: 12. November 2001, 20 Uhr, Theater am Küchengarten (tak-Keller) Eintritt: 8 DM Dienstag, der 12.11.2001 H.-J. Hennecke liest aus seinem Buch "Linden - eine
wahnsinnige Geschichte." Ein bewegender Abend im TAK am Küchengarten. -> mehr Diese Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung. |
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