Leere Geschäfte, fehlende Kunden: Auf der Limmerstraße herrscht Krisenstimmung. Nur wenige hundert Meter weiter eröffnet am Lindener Markt ein Laden nach dem anderen. Was ist das Geheimnis des Erfolges und des Misserfolges? Es ist ein Bild des Jammers. Die Achse Schwarzer Bär Ihme-Zentrum Limmerstraße ist zu einer Achse des Leerstands geworden. Dem nicht gerade attraktiven Geschäftemix an der lärmumtosten Verkehrskreuzung folgt eine gespenstische Mischung aus gähnender Leere, Ramsch- und Discountläden im Wohnungsmoloch der siebziger Jahre. Und inzwischen kränkelt auch die Geschäftswelt jenseits
des Betonklotzes. Während es für den Schwarzen Bären und das Ihme-Zentrum zumindest neue Konzepte gibt, ist für die angeschlagene, von Leerständen gebeutelte Limmerstraße aber keine Lösung in Sicht. Die Geschäftsleute der Hauptstraße von Linden-Nord befürchten sogar, dass die Situation noch schlimmer wird. Denn der Rat der Stadt hat jüngst beschlossen, auch die restlichen beiden Teilstücke der Limmerstraße für den
Autoverkehr zu sperren, so dass demnächst auf der gesamten Länge zwischen Küchengarten und Kötnerholzweg nur noch Stadtbahnen, Busse, Fahrräder und Fußgänger verkehren dürfen. Die Aktionsgemeinschaft Limmerstraße befürchtet, dass dann weitere Geschäftsleute wegen fehlender Kundschaft die Segel streichen. "Hier kippt ein ganzes Viertel", klagt Weinhändler Andreas Bothe, der seinen Rechtsanwalt eingeschaltet hat und notfalls gegen die neue Verkehrsführung klagen will. Schon jetzt stehen reihenweise Läden leer. Gerade erst hat der kd-Drogeriemarkt der Limmerstraße den Rücken gekehrt. Die Verkehrssituation habe bei der Entscheidung eine wichtige Rolle gespielt, sagt Vertriebsleiter Josef Mahler von der Handelsgruppe Tengelmann. Wie schwer die Krise der Straße wiegt, wird auch deutlich daran, welche Läden inzwischen als Hauptanziehungspunkte angesehen werden. So klagen die Geschäftsleute vor allem darüber,
dass Rudis Resterampe im vergangenen Jahr geschlossen hat und sich dadurch der Kundenstrom noch weiter verringert habe. Zehn Geschäfte stehen mittlerweile leer. Schon bald, so ist zu hören, will ihnen auch noch das Süße Kaufhaus folgen. Umsatzeinbußen gibt es überall, Öffnungszeiten werden bereits eingeschränkt. "Die Politiker träumen davon, das Viertel als Fußgängerzone zu beleben³, sagt Harm Baxmann, Chef der
Aktionsgemeinschaft. Erreicht werde aber das Gegenteil. Die beiden geplanten Stadtteilparkhäuser, die den Verlust an Parkplätzen auf der Limmerstraße kompensieren sollen, seien keine Alternative, klagt Baxmann. Dann könnten die Kunden auch gleich in die Innenstadt fahren. Wenn die Straße nicht mehr funktioniere, sehe es für das gesamte Viertel schlecht aus. Die geplante Sperrung zwischen Velber- und Grotestraße sowie Mathilden- und Selmastraße könne die entscheidenen Prozente kosten, sagt
Baxmann. Auslöser für die Sperrung ist eine Umfrage aus dem vergangenen Jahr, bei der 62 Prozent der befragten Bürger für eine autofreie Limmerstraße stimmten. 80 Prozent der Geschäftsleute hatten sie jedoch abgelehnt, und auch bei den unmittelbaren Anwohnern der Straße war die Zustimmung geringer. Wegen der Umfrage lassen SPD und Grünen nun aber nicht mehr an den Planungen rütteln. Die beiden Lindener SPD-Ratsmitglieder,
Fraktionschef Klaus Huneke und Wirtschaftsexpertin Christine Kastning, wischten die Einwände ihres CDU-Kollegen Jens Seidel vom Tisch. Der spricht von einem "unhaltbaren Zustand" an der Limmerstraße, die sich immer mehr zu einem "zweiten Ihme-Zentrum³ entwickle. Der Durchgangsverkehr dränge sich schon heute durch die kleinen Nebenstraßen, in denen das Verkehrsaufkommen unerträglich geworden sei. An diesem Punkt will auch Rechtsanwalt Friedhelm Siemers ansetzen, der Weinhändler Bothe vertritt, aber auch selbst Anlieger ist. Die Umfrage sei eine "dubiose Begründung³, die Sperrung nicht zu Ende gedacht. Siemers hat bereits Bedenken beim Tiefbauamt angemeldet, wo die Pläne noch bis Ende August ausliegen. Sind bis dahin alle Einwände entkräftet, werde es eine zügige Umsetzung der Sperrung geben, heißt es aus dem Tiefbauamt. MARCUS MESSNER
Der Lindener Markt Der Satz ging ihr nicht aus dem Kopf. "Mach doch mal einen Schuhladen auf", hatten Freunde zu Sybille Furczyk gesagt. Schon lange hatte sie ein Faible für alles, was man an den Füßen trägt, zu Hause türmten sich die Schuhe säckeweise. Doch an ein eigenes Geschäft hatte die
gelernte Bibliothekarin nicht gedacht. Als sie dann vor dem leeren Ladenlokal in der Stephanusstraße stand, sprang der Funke sofort über. "Ich musste es einfach tun", sagt die Lindenerin. Vor gut einem halben Jahr hat sie dort in einer ehemaligen Computerschule das Edel-Schuhgeschäft "Anne Behne" eröffnet. Und schon jetzt ist sie sicher, dass es die richtige Entscheidung war. "In Linden-Mitte bewegt sich was." Exklusive
Designermode, extravagante Wohnaccessoires, erlesener Schmuck die Gegend um den Lindener Markt ist zum Geheimtipp für Leute geworden, die Dinge mögen, die nicht jeder hat. Lauter kleine, feine Lädchen haben sich dort im Laufe der vergangenen Jahre niedergelassen. Neben Mode und Design gibt es eine Weinhandlung, einen italienischen Feinkostladen, einen Friseur, der auch Düfte und Dekorationen verkauft, und ein für seine außergewöhnlichen Kreationen bekanntes Blumengeschäft. Und der Trend
setzt sich fort: Allein drei Neueröffnungen gab es in den vergangenen sieben Monaten. Die Kunden kommen längst nicht mehr nur aus dem Stadtteil. Auch der Mitte Mai unter neuer Regie wiedereröffnete Musik- und Szeneladen "Gig³ zieht neues Publikum an. Schon immer hatte der ehemalige "bürgerliche³ Teil Lindens ein anderes Flair als das frühere Arbeiterviertel Linden-Nord. "Hier ist es schick, aber nicht versnobt", meint
Susanne Nöhren, überzeugte Lindenerin und eine der Pionierinnen am Marktplatz. Vor acht Jahren hat sie dort ihre Goldschmiede "Aurix³ eröffnet. Heute, sagt sie, könne sie gut davon leben. "Selbst Leute aus der List oder Kirchrode haben Linden-Mitte für sich entdeckt." Viele ihrer Stammkundinnen gehen auch bei Modistin Astrid Ries ein und aus, die nebenan handgefertigte Hutkreationen für 150 Euro und mehr verkauft. Wer nach
anderen ausgefallenen Dingen sucht, den verweist Susanne Nöhren gern an die neuen Nachbarinnen um die Ecke. Unter dem Namen "Frau Zimmer" haben dort Ende vergangenen Jahres fünf junge Textildesignerinnen eine Mischung aus Werkstatt und Laden aufgemacht dort bieten sie etwa bunt bedruckte Lampions, Latexhandtaschen mit eingearbeiteten Orangenscheiben oder geblümte Bustiers mit passenden Armstulpen an. "Das hat sich schnell rumgesprochen, neulich waren sogar Kunden aus Hamburg da", sagt Orike
Muth, eine der Frauen aus dem Quintett. Sarah Schröder hat den Schritt in die Selbstständigkeit allein gewagt. Seit Ende Mai verkauft die 25-Jährige in ihrer liebevoll dekorierten Boutique "Ey Linda" flippige Mode aus Paris zu moderaten Preisen in einer früheren Fahrschule. Eigentlich wollte sich die gelernte Floristin zur Berufsschullehrerin weiterbilden. Doch als sich die Gelegenheit bot, die Räume in der
Stephanusstraße zu mieten, griff sie spontan zu. Allzu riskant erschien ihr das Unterfangen nicht. "Die Miete ist günstig, und ich habe von so vielen gehört, dass es hier richtig gut läuft." Die jungen, kreativen Geschäftsleute rund um den Lindener Markt kennen sich alle untereinander, starten gemeinsam Aktionen und Feste oder sitzen bei schönem Wetter einfach mal vor ihren Läden zusammen auf der Straße meist auf
Gartenmöbeln von Jörg Mickasch, der in seinem Geschäft "Raumke" seit drei Jahren Designmöbel und Wohnaccessoires verkauft. "Woanders möchte ich keinen Laden haben³, sagt der 36-Jährige. Er würde sein Geschäft gern vergrößern. Doch in der Nähe ist derzeit im Unterschied zur Limmerstraße kein Ladenlokal mehr frei. Derweil verkauft Sybille Furczyk in ihrem Schuhgeschäft auch die Designmodelle der Schneiderin Antje Aschemann, die ihr Atelier in ihrer Wohnung am Lindener Markt betreibt und
(noch) keinen eigenen Laden hat. "Alle wollen jetzt hierher", meint Furczyk. "Wir haben hier einen richtigen Boom ausgelöst." JULIANE KAUNE Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung. Erstveröffentlichung in der HAZ v. 10.07.2002 |