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Mi., 09.10. - Mo., 14.10.2002:
Seattle - ein Tagebuch

1. Tag, Mittwoch, 09. Oktober

Diese Stadt ist anders als die Beiden, die ich vorher besucht hatte. Das spüre ich schon auf der Fahrt im Bus vom Flughafen. Ryan mein Gastgeber, 19, hatte mich abgeholt.
Der Bus ist voller Fahrgäste. Ich schaue in Gesichter, die mir anders erscheinen als die in Austin oder Salt Lake City. Es sind Gesichter, wie ich sie sehe, wenn ich morgens mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre und in die mir entgegenkommenden Autos schaue.
In mir steigt etwas auf: Schwermut ist im Anmarsch.
Ich schlendere durch Downtown. Ein Saxophonist spielt eine schwere Weise. Es kommt mir vor wie bestellt. Es passt einfach. Er kriegt 'nen Dollar, weil's so schön schaurig ist.
Ich erinnere mich an Barbara aus SLC: "Immer Regen, immer Wolken - Depression". Vielleicht hat sie ja gar nicht so Unrecht. Instinktiv halte ich meine Sachen enger bei mir.
Ich frage nach "visitor informations". Eine fröhliche Schwarze versucht es mir zu erklären. Ich bestelle einen "caffe Latte" bei Starbucks Coffee. Eine lächelnde Weiße bedient mich.
Aha, sie können ja doch lächeln.
Ich bestelle mir einen Erdbeer-Banane Milchshake. Die Bedienung mixt ihn und fragt mich irgendetwas. Ich verstehe nicht. Sie wiederholt die Frage noch zweimal. Ich verstehe immer noch nicht. Sie bricht ab und sagt mir den Preis.
Ich bin sicher, dass mir in den beiden anderen Städten  die Frage solange durch Variationen erläutert worden wäre, bis ich verstanden hätte. Ich habe das Gefühl, dass ich schon fast wieder zu Hause bin. Hätte ich meine Reise hier angefangen, wäre mir dieses alles wahrscheinlich gar nicht aufgefallen.

Wenn die Schwermut kommt, schreib am besten ein Tagebuch. Womit dieses hier der erste Eintrag ist.

Im Starbuck Caffee:
"Is this seat free ?". Man nickt. Der Kaffee ist ausgezeichnet. Bisher der beste der Reise.
"Und sollen wir dann ...?" Ich stutze. Die drei vietnamesischstämmigen Damen am Tisch sprechen Deutsch. Ich gebe mich als Deutscher zu erkennen und sofort sind wir in einem anregenden Gespräch. Sie sind wegen eines Sterbefalles in der Familie hier und stammen eigentlich aus Krefeld - eine Mutter und ihre beiden hübschen Töchter. Das Gespräch führt nur eine der beiden Töchter. Sie finden Seattle toll. Die Leute wären so freundlich, die Busse in der Innenstadt kostenlos. Wenn ein Bus nach außerhalb fährt, so müssen die Fahrgäste beim Fahrer aussteigen, um nachträglich zu bezahlen. So kann keiner entwischen. In Deutschland würden ja so viele schwarzfahren.
Ich erzähle, dass ich vor 32 Jahren mal eine Freundin in Krefeld hatte und dass das jedoch nicht lange andauerte.
"So ein Zufall, dann kennen Sie ja Krefeld, wo ich mich so zu Hause fühle." Dann, nahtloser Übergang: Irak.
"Was Bush im Irak will. ist doch völlig zu verurteilen. Der ist doch völlig unsympathisch. Ihm geht's doch um ganz andere Dinge."
Da ist es wieder: das Thema. Nie habe ich auf dieser Reise dieses Thema von mir aus angesprochen, obwohl ich eigentlich ein sehr politischer Mensch bin.
Ich sage, dass man die Argumente abwägen müsste und liefere einige Beispiele. Sie wirkt nun sehr nachdenklich. Sie erzählt noch, dass es sehr viele Asiaten aus Vietnam in Seattle gibt. Wir verabschieden uns fast herzlich.

2. Tag, Donnerstag 10. Oktober

Soll man sein Tagebuch nun anreden, so, als wenn es Jemand wäre ? "Liebes Tagebuch, Liebes Diary, Hey Partner" - oder so ? Oder machen das nur pubertierende Schülerinnen ? Das ist echt ein Problem für Jemanden, der noch nie ein Tagebuch geschrieben hat.

Die Wohnies der WG meines Gastgebers waren bis drei Uhr aktiv. Ich wundere mich über mein dickes Fell, bleibe gelassen und kriege meinen Schlaf.
Die Sonne bricht durch. Wow ! Unbelievable.
Ich habe den Market entdeckt - eine Fülle von Ständen und Produkten. Massenandrang.
Am Fischstand:
Ich bitte den Verkäufer sich zum Knipsen neben die Riesenkrebse zu stellen. Er mürrisch:"Ich muss mich um die Kunden kümmern."
Anderer Fischstand:
Die Menge johlt. Die Verkäufer grinsen. Riesenfische, Salmons, fliegen durch die Luft und werden geschickt aufgefangen. Eine hübsche Blonde aus der Menge muß hinter den Tresen. Sie wird im Fischfangen trainiert. Sie schafft es den Riesenfisch gleich zu erhaschen. Alles johlt. Hier stehen die Massen.
Die Krabben sehen verlockend gut aus. "Sir, shrimps, sir", lasse ich mich auf das Spiel ein. Er grinst und nimmt zwei. "Sir, not two shrimps, shrimps for 2$, sir", bekräftige ich. Er grinst noch mehr, wirft die Packung zu seinem Kollegen über den Tresen, schreit "Sir, shrimps for 2$, sir", "Sir, shrimps for 2$, sir", schreit dieser zurück, wiegt ab und kassiert.
Nur salzig wie zu Hause hätten die Krabben sein können.

Liebes Diary (liest sich das nun etwa gut ?),
ich habe nun eine Entscheidung getroffen. Ich wohne nicht mehr bei Ryan und seiner WG. Kurz vor Mitternacht sagte ich es ihm. Seine Wohnverhältnisse sind nicht zumutbar, zumindest nicht in Friedenszeiten. Seine WG kommt mit den Aufgaben, die das gemeinsame Wohnen im Hause so mit sich bringen, nicht klar. Ich habe selber WG-Erfahrung. Doch habe ich früher nie eine WG gesehen, die derart "messy" war wie diese: unaufgeräumt und dreckig. Außerdem habe ich einen Schlafplatz im Keller, wo es sehr kalt ist.
Ryan bedauert, dass es nicht geklappt hat und hilft mir mit meinem Gepäck zum Bus und ich fahre nach Downtown.
Im Green Tortoise Guesthouse bin ich willkommen. 21$ kostet die Nacht mit Frühstück. Vorbuchung über das Internet hätte nur 16$ gekostet. Dafür spare ich das Geld für Frühstück zu 5$ und zweimal am Tag das Busfahren à 1,25$.

3. Tag, Freitag, 11. Oktober

Missgeschick: Ich sitze hier relaxt im Cafe mit tollem Blick auf den Pazifik - oder was ich halt dafür halte, irgendwie wird es der Pazifik schon sein - und crash !
Der Becher mit "hot cocoa" ergießt sich auf den Boden. Ich Trampel, schnell aufgewischt, neuen Becher hingestellt, nichts dazubezahlt - Hi, american service.

Irakische Immigranten demonstrieren für einen Krieg gegen Sadam. Sozialistische Zeitungsverkäufer ("no irak war") gesellen sich dazu und reden mit den Irakis. Ich frage, warum sie hier dabei sind. "Ich möchte die Argumente kennen lernen.", war die Antwort. Das gefällt mir.

4. Tag, Samstag, 12. Oktober

Das Tortoise, in dem ich Unterkunft gefunden habe, gefällt mir und ich fühle mich wie in einer Jugendherberge nicht nur der jungen Leute wegen. 8-Bettzimmer mit geräumigen abschließbaren Boxen für das eigene Gepäck (Vorhängeschloß gekauft für 4,50$), Gemeinschaftsküche mit geräumigen Kühlschränken für alle. Und das Wichtigste: Internet, heute umsonst, sonst für 1$/12min.
Das Tortoise wird kommerziell geführt und ist auf Gewinn ausgerichtet. Alles ist ständig zugänglich und fast alles funktioniert gut. Das Preis/Leistungsverhältnis stimmt.
Die Strümpfe wasche ich jetzt mit Shampoo im Waschbecken. Warmes Wasser gibt es an allen Wasserhähnen.
Die Jugendherberge in der Nähe kostet 25$ (Nichtmitglieder) und ohne Frühstück.

Liebes Dingsbums
der Market ist wirklich eine Attraktion. Man kann tagelang bummeln und entdeckt immer noch etwas Neues. Er ist mehr ein Lebensmittel- und Kuriositätenmarkt in einem.
Die Füße tun weh. Die langen Wege haben die kleinen Zehen wundgewalkt und Blasen erzeugt.
Mit dem Rucksack eng an mich gedrückt schiebe ich mich durch die Menge. Wir sind hier schließlich nicht in Texas.

Die Stadt scheint einen missionarischen Charakter zu haben. Ständig demonstriert hier jemand für oder gegen irgendjemand oder -was. Seien es auch nur die Homeless, die hier wesentlich gehäufter und offensiver auftreten als in den anderen beiden Städten.

5. Tag, Sonntag, 13. Oktober

Am vorletzten Tag noch einmal schön essen gehen. Im Vivando am Market esse ich das beste Menü der ganzen Reise.
Olivenöl mit Kräutern und Weißbrot: Köstlich. Wie kann Olivenöl nur so gut schmecken ?
Seelachs auf Kartoffelpürre auf grünem, bissfestem Spargel.
Ein Genuss. Mal wieder die Seele baumeln lasseln.
Ein Trinkgeld ist hier Standard und sollte 15-20% betragen. Ich gebe, das dürfte meine Frau überraschen, reichlich.

Linker- und rechter kleiner Zeh tun weh. Nach über 200 km in den letzten zwei Wochen ist das vielleicht auch kein Wunder. Blasen aufgestochen, Pflaster drauf und gleich geht's besser. Ohh - meine Rasierklingen wurden  bei den vielen Kontrollen ja gar nicht entdeckt.

6. Tag, Montag, 14. Oktober

Abreisetag. Es entsteht Vorfreude. Länger muss ich hier nicht bleiben. Die letzten beiden Wochen waren so dicht voller Eindrücke und neuer Erfahrungen, dass ich mich schon auf zu Hause freue.

Dienstag, 15. Oktober

Flughafen Langenhagen, auf geht's zur S-Bahn. Ach ja, ich muss eine Fahrkarte am Automaten lösen.
Au weia, ist das kompliziert. Das ist Unterschied Nr. 1.
Geschafft, es könnte der richtige Tarif sein.
Am Automaten bildet sich eine Traube. Ratlose Gesichter. Die Bahn fährt ab. Halt ! Zwecklos. Hier wird nicht mehr angehalten. Das ist Unterschied Nr. 2.
Mein Blick fällt auf die Innentür der Bahn: Igitt: Graffiti ! Das ist Unterschied Nr. 3.
Ich steige am Bahnhoff in die Linie 10 nach Linden. Die Gummis der Fenster sind angeschlitzt. Igitt: Vandalismus ! Das ist Unterschied Nr. 4.
Ich gehe über die Limmerstraße. Ach ist es schön zu Hause zu sein.
Der Blick fällt auf den Fußboden. Igitt: Papier, Dreck, Hundekacke ! Das ist Unterschied Nr. 5.
Wenigstens ein bisschen was könnten wir ja mal von den USA freiwillig lernen oder nicht ?

Jetlag

Beim Hinflug hatte ich keinen Jetleg. Dafür erwischte es mich jetzt umso intensiver. Eine Woche lang: Nachmittags gegen drei müde bis zum Umfallen und schlafen bis abends um acht.
Morgens um drei: Wach und fit wie ein Turnschuh. Gottseidank hatte ich diese Woche noch Urlaub.

Klaus Öllerer

P.S.: Öffentlicher Nahverkehr
Trolleybusse sind die Stütze eines sehr gut ausgebauten öffentlichen Nahverkehrs. Die Fahrt innerhalb Downtowns ist gratis. Ansonsten kostet eine Fahrt 1,25$ für 2h mit beliebigem Umsteigen, die Tagesnetzkarte kostet 2,50$.
Alle Busse sind behinderten- und fahrradgerecht, wie ich es bereits von den anderen beiden Städten her gewohnt war.
Bezahlt wird beim Fahrer über einen Geldzählapparat oder Magnetstreifenkarten, die einfach durchgezogen werden.
Die ursprüngliche Straßen-/U-Bahn wurde bis auf eine nostalgische Ausnahme abgeschafft und durch diese Busse ersetzt.

letzte Änderung: 27.10.2002


Seattle Downtown von der Space Needle aus gesehen

Seattle/Washington: 107 Meter über N.N.
Einwohner: 563.400, Region: 2.414.600
Zeitverschiebung: -9 h
Bei Seattle denken viele sofort an Dauerregen und graue Tristesse. In der Zeit dieser Reise gab es überwiegend Sonnenschein.
Offizielle Homepage Seattle


Ankunftsständchen: Schwermut pur. Dafür gab's auch 1$, weil's so schön schaurig war.


An diesem Fischstand herrscht gute Stimmung und  das erinnert an den Hamburger Fischmarkt. Market.


Der Papagei ist echt und quicklebendig. Kopfstand ist seine Spezialität. Market.


Seattle at night.


Frühsport mitten im Zentrum.


Ein Trupp Fahrradpolizisten rast durch Downtown ...


... und sehen so aus, wenn sie stillhalten.


Viele Kartoffelsorten. Market.


Ein etwas spezieller Humor. Market.


Die Spaceneedle und ...


... der Monorail gehören seit der Expo 1992 zu den Wahrzeichen in Seattle.


Sie spielt richtig professionell - macht 1$ Spende.


Die Stütze des sehr guten öffentlichen Nahverkehrs sind strombasierte Trolleybusse. Die Straßenbahn wurde abgeschafft und ...


... in den Tunneln fahren jetzt die Busse. Es gibt auch Hybridbusse, die abwechselnd mit Diesel und Strom fahren können.


Übergewicht ist ein großes Problem in den USA.


Abschiedsessen im Vivando am Market. Noch einmal die Seele baumeln lassen und das für 14,50$ + Tip.

Pfiffiges in Seattle


Dieses Pferdegespann ...


... ist stubenrein. Wäre das nicht etwas für die Gespanne in Herrenhausen oder haben die das schon ?


Dieses Pissoir ist wasserfrei und spart geruchsfrei ca. 150.000 Ltr. Wasser pro Jahr . Market.
falconwaterfree.com


Fahrradständer einmal anders.


Öffentliches Telefon für: Münzen, Telefonkarten, Kreditkarten und Datenanschluß für den Laptop. Außerdem ist ein freundlicher Operator jederzeit erreichbar.


Becher mit Griffstück, damit die Hände nicht zu heiß werden. Gesehen in allen Städten der Reise.

"Missionarisches" in Seattle


SEIU - Gwerkschaftsdemo.

"Women in Black" - gegen den Irak-Krieg.


Irakische Immigranten für den Krieg:
"Saddam is a dictator and killed a lot of people. We want democracy !", Afaq (left) said.


"Sucht Jesus", etc.


Lynden H. Larouche: Für wen oder was ? - schwer zu verstehen.


Gegen Israel.