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Sa., 05.10.2002 - Mi., 09.10.2002 :
Salt Lake City (SLC)

Vorgedanken:
Toleranz in Linden - kein Problem ?

In Linden gehört es zum guten Ton tolerant zu sein.
Im Politischen steht der "Lakmustest" auf Toleranz allerdings noch aus, da wichtige Teile des politischen Sprektrums in Linden öffentlich gar nicht präsent sind.
Im täglichen Leben gibt es eine große praktizierte Toleranz der Lebensweise ausländischer Mitbürger gegenüber.
Wie tolerant sind die Religionen in Linden ?
Von der Mehrheit der Christen weiß man, dass sie den anderen nichts vorschreiben. Das haben Sie inzwischen gelernt. Der
Islam jedoch muß seine Toleranzfähigkeit erst noch beweisen. Die meisten Deutschen misstrauen dieser Religion, die in Linden die zweitstärkste nach der Zahl der Gläubigen ist. Positive Ansätze einer Öffnung hat es allerdings erfreulicherweise in den letzten Jahren gegeben.

Der Besuch:
Salt Lake City (SLC) - Hauptstadt der Mormonen

Diese Vorgedanken und mehr hatte ich im Hinterkopf, als ich mit dem Flugzeug in SLC einschwebte. Wie funktioniert hier die Toleranz, wenn die Mehrheit der Bewohner einer stark engagierten Religionsgemeinschaft angehört ?

Nach einer Nacht im Hotel am Flughafen - ich hatte, was fast zu erwarten war, meine Gastgeber noch nicht erreicht - traf ich in der Innstadt (Downtown) ein.
Die Mormonen hatten ihre Versammlung beendet. Man sah nur zufriedene und glückliche Gesichter. Die heilige Schrift in der einen und den geliebten Menschen, Frau, Ehemann oder Kinder in der anderen Hand. Sie schlenderten gruppenweise, feierlich angezogen, die Straße in SLC-Downtown entlang: Menschen aller Rassen aus aller Welt, groß und klein vereint im Geiste Mormons. Es war der 6. Oktober, letzter Tag der großen Konferenz aller Mormonen, die jährlich stattfindet.
Und ganz zufällig war dies auch der Beginn meines Aufenthaltes in dieser Stadt.
Vorher am Morgen kamen alle beim Tabernacle, einer runden Veranstaltungshalle, zusammen, um den Gottesdienst mit seinen sehr eindrucksvollen vorgetragenen Predigten zu hören. Ein Teil hörte drinnen im riesigen runden Saal, der Rest picknickte draußen mit seinen Lieben. Alle hörten aufmerksam zu, teils mit verschlossenen Augenliedern oder schrieben sogar mit. Ca. 60 % der Bewohner SLC's sind Mormonen. Die wichtigen Ämter der politischen Führung der Stadt werden nach Auskunft meiner Gesprächspartner fast vollständig von ihnen gestellt.

Was sagen die Mormonen selber zur Toleranz ?
Im 11. Glaubensartikel der Mormonen heißt es:
"Wir beanspruchen für uns das Recht, Gott den Allmächtigen zu verehren, wie es uns das Gewissen gebietet, und wir gestehen allen Menschen das gleiche Recht zu, mögen sie verehren wie oder was sie wollen."

Das hört sich nach friedlicher Koexistenz und nach Toleranz an. Doch wie sieht es damit in der Praxis aus ?

Was sagen die Anderen ?

Also frage ich diejenigen, die als Minderheit auf die Toleranz angwiesen sind. In SLC sind alle religiösen Gemeinschaften präsent, die es so gibt: Juden, Buddhisten, Muslime, Hindhus und natürlich die anderen Christen. Ich beschließe einfach einmal in die entsprechenden Häuser zu gehen und ganz naiv zu fragen.

Buddhisten und Katholiken

Als erstes suche ich mir Buddhisten aus.
Im "Zen Center" treffe ich auf eine attraktive Dame am Laptop. Sie gibt bereitwillig Auskunft:

"Oh, ich habe schon lange aufgehört darüber nachzudenken. Ich habe genug mit meinem Karma zu tun.
Aus dem Ort, wo ich herkomme, südlich von SLC, kamen Mormonen zum Unterricht in die Schule, was eigentlich nicht erlaubt ist. Es gibt eine Trennung zwischen Staat und Kirche. In SLC gibt es manchmal Einrichtungen der Mormonen neben den Schulen, wo die Kinder zwischendurch oder nach der Schule zum Unterricht gehen. Vielleicht 55% mögen die Mormonen nicht. Die Mormonen sind sicher Fundamentalisten. SLC ist eine friedliche Stadt. Für eine genaue Auskunft ist es besser zur Universität zu gehen, dort gibt es genug Leute, die Bescheid wissen und Untersuchungen gemacht haben."
Erst durch mich erfährt sie, dass es einen "Toleranzparagraphen" bei den Mormonen gibt.

Das war schon mal ein erstes Stimmungsbild. Bei der katholischen Kirche, der größten der Minderheiten, traf ich auf eine kompetente Gesprächspartnerin.
Barbara Stinson Lee, editor, vom Catholic - UTAH's OFFICIAL NEWSPAPER gab bereitwillig und engagiert Auskunft. Folgender Text ist eine sinngemäße und in lesbare Form gebrachte Zusammenfassung eines intensiven Gespräches mit ihr.

"Religiös sind die Unterschiede zu den Mormonen sehr groß. Das geht nicht zusammen. Wir haben jedoch gleiche Vorstellungen z.B. über Familie, Kinder, Erntedankfest. Da arbeiten wir zusammen. 60-70% der Bevölkerung hier sind Mormonen. Sie haben eine große Dominanz im Schulwesen. Wenn z.B. die große Jahreskonferenz stattfindet, möchten sie, dass am Montagnachmittag alle Schulveranstaltungen ausfallen, damit ihre Kinder beten können. Alle Gesetze werden zuerst einmal auf die Mormonen zugeschnitten. In Schulklassen werden zu Geburtstagen nur die eigenen Mormonenkinder eingeladen und die anderen 3-4 Andersgläubigen bleiben außen vor. In ländlichen Orten gibt es bis zu 98% Mormonen. Die wenigen Katholiken haben es da sehr schwer. Wenn wir Land kaufen wollen für eine Kirche, weil die Katholiken z.B. durch Zuwanderung zugenommen haben, findet sich kein Verkäufer oder die Preise explodieren plötzlich. Für uns und unsere Kinder ist die geistige Auseinandersetzung mit ihnen allgegenwärtig. Die Mormonen sind in einer sehr missionarischen Haltung. Durch pesönlichen Kontakt versuchen sie zu gewinnen. Die Bezeichnung "tolerante Fundamentalisten" würde ich als zutreffend ansehen. Wir haben hier bei uns Mitarbeiter, die Mormonen sind. Bei den Mormonen gibt es das umgekehrt nicht.Für uns gibt es zwei Möglichkeiten: Man verzweifelt oder man wächst und wird ein besserer Katholik. Viele Probleme mit dieser Dominanz sind natürlich, weil der Anteil so hoch ist. Wenn eine Mormonenfamilie im katholischen Boston lebt, hat sie es auch schwer und sie können sehr gute Mormonen werden. In Utah darf mit 14 Jahren geheiratet werden. Das ist per Gesetz möglich und ist auf die Mormonen zugeschnitten. Es wird auch praktiziert. Die Bigamie, die eigentlich verboten ist, existiert weiter. Ein Mann heiratet, lässt sich scheiden, heiratet, lässt sich scheiden usw. Alle leben jedoch zusammen. Das gibt es auch hier in SLC."

Am Ende des Gespräches erzähle ich Barbara von meinen Reiseplänen und das ich für Seattle noch kein Ziel habe. Sie versteht sofort und sagt: "Immer Regen, immer Wolken - Depression". Wir lachen. Später, in Seattle, sollte ich feststellen, daß sie damit garnicht so falsch lag.

Alkohol, Kneipen und Sonntagsruhe

Mormonen lehnen Alkohol ab. Nach ihrem eigenen Toleranzparagraphen dürften sie niemandem anders verbieten Alkohol zu trinken.
Hier konnte ich selber einen bauernschlauen Kompromiss erleben.

Unter bestimmten Bedingungen ist Alkohol in Kneipen erlaubt. Dazu gehört z.B. eine Mitgliedschaft in einem entsprechenden Club. Wer kein Mitglied ist kommt allerdings auch unkompliziert rein: Er wird einfach einem Clubmitglied als Gast zugeordnet. So ist es mir im "Port Call" ergangen. Dort herrschte eine ausgelassene Stimmung bei Footballübertragung, viel Bier und Kontakte waren auch leicht zu knüpfen.

Am Sonntag waren die Geschäfte zu. Diese ungewohnte Ruhe fiel auf. Damit hatte ich in den USA nicht gerechnet. Erst am späten Nachmittag öffneten dann einige Geschäfte. Meine Gesprächspartner führten diese Sonntagsruhe auf die Mormonen zurück.

Öffentlicher Nahverkehr

Es gibt ein gut funktionierendes Nahverkehrssystem. Die Busse hatten den Standard, den ich schon in Austin erleben konnte: Fahrrad- und Behindertengerecht, Einheitstarif (hier 1,25$) für alle Strecken, bezahlen beim Fahrer hier auch mit Magnetkarte, absolute Sauberkeit, kein einziges Graffiti, kein einziger Vandalismus. Eine erst fünf Jahre alte Straßenbahn machte ebenfalls einen sehr guten Eindruck. Haltestationen wurden immer regelmäßig angesagt.

Öffentliche Ordnung und Sauberkeit, Graffities

Die Stadt wirkte sehr sauber. Keinerlei Müll oder Kaugummies oder Hundekot und es war auch keinerlei Vandalismus sichtbar. Bei einer Fahrt mit der Straßenbahn am letzten Tag sah ich die ersten Graffities der Reise überhaupt an einigen Firmengebäuden. Meine Gesprächspartner nannten mir die große Sicherheit in dieser Stadt als Grund des Zuzuges.

Pfiffiges in SLC

Es gab teilweise überraschend pfiffiges, was ich wie schon in Austin auf Bilder festgehalten habe. -> Bilder

Meine Gastgeber -> Bilder

Jessica und Jason waren meine Gastgeber. Ich rechne ihnen hoch an, daß sie mich beherbergten, obwohl sie erst in der Woche zuvor in ihr neues Haus gezogen waren und sie teilweise noch aus den Kartons lebten. Sie waren beide anregende Gesprächspartner und freuten sich sehr über den Bildband aus Hannover.

Abschied

Nach dem Gespräch mit Barbara von der katholischen Zeitung Catholic war mein Kopf frei. Ich hatte im Wesentlichen meine Ziele erreicht.
Ich setzte mich am letzten Nachmittag in die Sonne auf dem Rasen und ließ zufrieden meine Seele baumeln.

Jessica fuhr mich am letzten Tag zur Straßenbahn. Wir frühstückten zu meiner Überraschung im Auto: Kaffee und warmen Kuchen. Jetzt weiß ich, welchen Sinn die Tassen mit Deckel und Trinkloch machen.

Seattle, ich komme !

weitere Bilder -> mehr

letzte Änderung: 19.10.2002


Salt Lake City
- von einem Wandteppich abfotografiert und beschriftet -

Salt Lake City auf einen Blick :
Haupstadt von Utah (2.200.000 Einwohner),
Einwohner Salt Lake City: 181.743
Einwohner Salt Lake Area: 898.387
Höhe: 1.320 Meter
Religionen: Mormonen ca. 60%, Katholiken sind größte Minderheit
Zeitverschiebung: -8 h
Offizielle Homepage Salt Lake City


Gläubige picknicken vor dem Tabernacle und lauschen vereint im Geiste Mormons.


Die Abschlußveranstaltung im Tabernacle mit charismatischen Reden.


James und Richard kümmern sich um die Sicherheit der Menge und durchsuchen auch die Taschen der Teilnehmer, die ins Tabernacle wollen.


Evan schreibt das Wichtigste der Predikt mit, damit nichts der weisen Worte vergessen wird.


Familienglück möglichst jung: Das Heiraten ab 14 ist erlaubt.


Mormonen beim Fotografieren vor dem Tempel fotografiert.


David und Jenny schwelgen im Glück. David war als Missionar in Korea und hat dort gute Freunde aus verschiedenen Religionen.


Sister Stroh aus Heidelberg (vorher katholisch) ist den Mormonen beigetreten und fühlt sich als freiwillige Missionarin für 18 Monate sehr wohl.


Kevin besucht als Gast die Kneipe Port Call. Er ist Geologe und denkt, daß Mormonen Fundamentalisten, aber tolerant sind. Man muß jedoch aufpassen. Sie haben mehr Kinder, sind fleißig und bevorzugen im Geschäftlichen Firmen von Mormonen.


Unter bestimmten Bedingungen ist Alkohol in Kneipen erlaubt. Dazu gehört z.B. eine Mitgliedschaft. Wer kein Mitglied ist kommt allerdings auch unkompliziert rein: Er wird einfach einem Clubmitglied als Gast zugeordnet.


"Die Mormonen sind sicher Fundamentalisten" - Das Zen Center, eine von vielen religiösen Einrichtungen in SLC.


Barbara Stinson Lee, editor, vom Catholic - UTAH's OFFICIAL NEWSPAPER : Die Mormonen sind tolerante Fundamentalisten


Die größte Minderheit ist die katholische Kirche. Hier: Cathedral of the Madeleine.

Pfiffiges in Salt Lake City


Geniale Fußgängerampel: die verbleibende Restzeit wird angezeigt.


Aufklappbarer Wickeltisch auch auf dem Männerklo.


Sensationell:
Fähnchen zum überqueren der Straße. Ein Fähnchen ...


... wird genommen, winken, rübergehen und drüben wieder reinstecken. It works ! Die Fähnchen werden nicht geklaut.


Buchrückgabe in einer Bücherei :
Bücher einfach in diesen Kasten werfen.


Straßenbahnhaltestelle:
Auf die Fahrzeiten der letzten Züge wird extra hingewiesen.


Fahrkartenautomat mit Blindenschrift an der Straßenbahnhaltestelle.


Türschloß auch zu schließen, wenn auf der anderen Seite ein Schlüssel drinsteckt. Scheint standard in USA zu sein.


Not macht erfinderisch: Dieser Hund hat eine Lähmung als Folge einer Krankheit. Frauchen steht zu ihm und besorgte diese Hilfe.


Warteplatz mit Fernseher und Münzeinwurf - gesehen im Wartesaal der Greyhoundbusse.

Meine Gastgeber


Jessica (Kindertherapeutin) und Jason (Entwicklungsingenieur in der Medizintechnik)


Kiddy, die Gastgeberkatze. Sie pinkelte nachts auf meine abgelegten Sachen. Doch dank Waschmaschine war der Schaden schnell behoben.


Das Haus der Gastgeber.

Weitere Bilder


Dieser Gesetzestext (Utah Hotel Law) besteht aus einem einzigen Satz !


Eine Demonstration von ca. 200 Bürgern gegen den geplanten Irak-Krieg. Die Demonstranten regeln auf sorgfältige Weise den Verkehr selber und gehen nur auf dem Bügersteig. Polizei ist nicht anwesend.


Steve kommt von UK und ist seit 1945 in US. Er hat gesundheitliche Probleme und lebt vom Betteln. Die Regierung ist der Ansicht, daß er arbeiten könnte.


Ein Sexshop im prüden SLC.


Kunststückchen bis die Ampel grün zeigt.


Buslinie 8: Es gibt etwas umsonst. Hübsche Damen verteilen tiefgfrorene "turtle pie" und anderes von "Edwards" für umsonst. Fast alle decken sich ein.


Die Libary (Bibliothek) hat öffentlichen, kostenfreien Internetzugang für alle.


Die Kinderabteilung der Libary hat einen Vogel, Kuschelecken und Internetcomputer.