Vorgedanken: Toleranz in Linden - kein Problem ? In Linden gehört es zum guten Ton tolerant zu sein. Im Politischen steht der "Lakmustest" auf Toleranz allerdings noch aus, da wichtige Teile des politischen Sprektrums in Linden öffentlich gar nicht präsent sind. Im täglichen Leben gibt es eine große praktizierte Toleranz der Lebensweise ausländischer
Mitbürger gegenüber. Wie tolerant sind die Religionen in Linden ? Von der Mehrheit der Christen weiß man, dass sie den anderen nichts vorschreiben. Das haben Sie inzwischen gelernt. Der Islam jedoch muß seine Toleranzfähigkeit erst noch beweisen. Die meisten Deutschen misstrauen dieser Religion, die in Linden die zweitstärkste nach der Zahl der Gläubigen ist. Positive Ansätze einer Öffnung hat es allerdings erfreulicherweise in den letzten Jahren gegeben. Der Besuch: Salt Lake City (SLC) - Hauptstadt der Mormonen Diese Vorgedanken und mehr hatte ich im Hinterkopf, als ich mit dem Flugzeug in SLC einschwebte. Wie funktioniert hier die Toleranz, wenn die Mehrheit der Bewohner einer stark engagierten Religionsgemeinschaft angehört ? Nach einer Nacht im Hotel
am Flughafen - ich hatte, was fast zu erwarten war, meine Gastgeber noch nicht erreicht - traf ich in der Innstadt (Downtown) ein. Die Mormonen hatten ihre Versammlung beendet. Man sah nur zufriedene und glückliche Gesichter. Die heilige Schrift in der einen und den geliebten Menschen, Frau, Ehemann oder Kinder in der anderen Hand. Sie schlenderten gruppenweise, feierlich angezogen, die Straße in SLC-Downtown entlang: Menschen aller Rassen aus aller Welt, groß und klein vereint im Geiste
Mormons. Es war der 6. Oktober, letzter Tag der großen Konferenz aller Mormonen, die jährlich stattfindet. Und ganz zufällig war dies auch der Beginn meines Aufenthaltes in dieser Stadt. Vorher am Morgen kamen alle beim Tabernacle, einer runden Veranstaltungshalle, zusammen, um den Gottesdienst mit seinen sehr eindrucksvollen vorgetragenen Predigten zu hören. Ein Teil hörte drinnen im riesigen runden Saal, der Rest picknickte draußen mit seinen Lieben. Alle hörten aufmerksam zu, teils
mit verschlossenen Augenliedern oder schrieben sogar mit. Ca. 60 % der Bewohner SLC's sind Mormonen. Die wichtigen Ämter der politischen Führung der Stadt werden nach Auskunft meiner Gesprächspartner fast vollständig von ihnen gestellt. Was sagen die Mormonen selber zur Toleranz ? Im 11. Glaubensartikel der Mormonen heißt es: "Wir beanspruchen für uns das Recht, Gott den Allmächtigen zu
verehren, wie es uns das Gewissen gebietet, und wir gestehen allen Menschen das gleiche Recht zu, mögen sie verehren wie oder was sie wollen." Das hört sich nach friedlicher Koexistenz und nach Toleranz an. Doch wie sieht es damit in der Praxis aus ? Was sagen die Anderen ? Also frage ich diejenigen, die als Minderheit auf die Toleranz angwiesen sind. In SLC sind alle religiösen Gemeinschaften präsent, die es so gibt: Juden, Buddhisten, Muslime, Hindhus und natürlich die anderen Christen. Ich beschließe einfach einmal in die entsprechenden Häuser zu gehen und ganz naiv zu fragen. Buddhisten und Katholiken Als erstes suche ich mir Buddhisten aus. Im "Zen Center" treffe ich auf eine attraktive Dame am Laptop. Sie gibt bereitwillig Auskunft: "Oh, ich habe schon lange aufgehört darüber nachzudenken. Ich habe genug mit meinem Karma zu tun. Aus dem Ort, wo ich herkomme, südlich von SLC, kamen Mormonen zum Unterricht in die Schule, was
eigentlich nicht erlaubt ist. Es gibt eine Trennung zwischen Staat und Kirche. In SLC gibt es manchmal Einrichtungen der Mormonen neben den Schulen, wo die Kinder zwischendurch oder nach der Schule zum Unterricht gehen. Vielleicht 55% mögen die Mormonen nicht. Die Mormonen sind sicher Fundamentalisten. SLC ist eine friedliche Stadt. Für eine genaue Auskunft ist es besser zur Universität zu gehen, dort gibt es genug Leute, die Bescheid wissen und Untersuchungen gemacht haben." Erst durch
mich erfährt sie, dass es einen "Toleranzparagraphen" bei den Mormonen gibt. Das war schon mal ein erstes Stimmungsbild. Bei der katholischen Kirche, der größten der Minderheiten, traf ich auf eine kompetente Gesprächspartnerin. Barbara Stinson Lee, editor, vom Catholic - UTAH's OFFICIAL NEWSPAPER gab bereitwillig und engagiert Auskunft. Folgender Text ist eine sinngemäße und in lesbare Form gebrachte
Zusammenfassung eines intensiven Gespräches mit ihr. "Religiös sind die Unterschiede zu den Mormonen sehr groß. Das geht nicht zusammen. Wir haben jedoch gleiche Vorstellungen z.B. über Familie, Kinder, Erntedankfest. Da arbeiten wir zusammen. 60-70% der Bevölkerung hier sind Mormonen. Sie haben eine große Dominanz im Schulwesen. Wenn z.B. die große Jahreskonferenz stattfindet, möchten sie, dass am
Montagnachmittag alle Schulveranstaltungen ausfallen, damit ihre Kinder beten können. Alle Gesetze werden zuerst einmal auf die Mormonen zugeschnitten. In Schulklassen werden zu Geburtstagen nur die eigenen Mormonenkinder eingeladen und die anderen 3-4 Andersgläubigen bleiben außen vor. In ländlichen Orten gibt es bis zu 98% Mormonen. Die wenigen Katholiken haben es da sehr schwer. Wenn wir Land kaufen wollen für eine Kirche, weil die Katholiken z.B. durch Zuwanderung zugenommen haben, findet
sich kein Verkäufer oder die Preise explodieren plötzlich. Für uns und unsere Kinder ist die geistige Auseinandersetzung mit ihnen allgegenwärtig. Die Mormonen sind in einer sehr missionarischen Haltung. Durch pesönlichen Kontakt versuchen sie zu gewinnen. Die Bezeichnung "tolerante Fundamentalisten" würde ich als zutreffend ansehen. Wir haben hier bei uns Mitarbeiter, die Mormonen sind. Bei den Mormonen gibt es das umgekehrt nicht.Für uns gibt es zwei Möglichkeiten: Man verzweifelt
oder man wächst und wird ein besserer Katholik. Viele Probleme mit dieser Dominanz sind natürlich, weil der Anteil so hoch ist. Wenn eine Mormonenfamilie im katholischen Boston lebt, hat sie es auch schwer und sie können sehr gute Mormonen werden. In Utah darf mit 14 Jahren geheiratet werden. Das ist per Gesetz möglich und ist auf die Mormonen zugeschnitten. Es wird auch praktiziert. Die Bigamie, die eigentlich verboten ist, existiert weiter. Ein Mann heiratet, lässt sich scheiden, heiratet,
lässt sich scheiden usw. Alle leben jedoch zusammen. Das gibt es auch hier in SLC." Am Ende des Gespräches erzähle ich Barbara von meinen Reiseplänen und das ich für Seattle noch kein Ziel habe. Sie versteht sofort und sagt: "Immer Regen, immer Wolken - Depression". Wir lachen. Später, in Seattle, sollte ich feststellen, daß sie damit garnicht so falsch lag. Alkohol, Kneipen und Sonntagsruhe Mormonen lehnen Alkohol ab. Nach ihrem eigenen Toleranzparagraphen dürften sie niemandem anders verbieten Alkohol zu trinken. Hier konnte ich selber einen bauernschlauen Kompromiss erleben. Unter bestimmten Bedingungen ist Alkohol in
Kneipen erlaubt. Dazu gehört z.B. eine Mitgliedschaft in einem entsprechenden Club. Wer kein Mitglied ist kommt allerdings auch unkompliziert rein: Er wird einfach einem Clubmitglied als Gast zugeordnet. So ist es mir im "Port Call" ergangen. Dort herrschte eine ausgelassene Stimmung bei Footballübertragung, viel Bier und Kontakte waren auch leicht zu knüpfen. Am Sonntag waren die Geschäfte zu. Diese ungewohnte
Ruhe fiel auf. Damit hatte ich in den USA nicht gerechnet. Erst am späten Nachmittag öffneten dann einige Geschäfte. Meine Gesprächspartner führten diese Sonntagsruhe auf die Mormonen zurück. Öffentlicher Nahverkehr Es gibt ein gut funktionierendes Nahverkehrssystem. Die Busse hatten den Standard, den ich schon in Austin
erleben konnte: Fahrrad- und Behindertengerecht, Einheitstarif (hier 1,25$) für alle Strecken, bezahlen beim Fahrer hier auch mit Magnetkarte, absolute Sauberkeit, kein einziges Graffiti, kein einziger Vandalismus. Eine erst fünf Jahre alte Straßenbahn machte ebenfalls einen sehr guten Eindruck. Haltestationen wurden immer regelmäßig angesagt. Öffentliche Ordnung und Sauberkeit, Graffities Die Stadt wirkte sehr sauber. Keinerlei Müll oder Kaugummies oder Hundekot und es war auch keinerlei Vandalismus sichtbar. Bei einer Fahrt mit der Straßenbahn am letzten Tag sah ich die ersten Graffities der Reise überhaupt an einigen Firmengebäuden. Meine Gesprächspartner nannten mir die große Sicherheit in dieser Stadt als Grund des Zuzuges. Pfiffiges in SLC Es gab teilweise überraschend pfiffiges, was ich wie schon in Austin auf Bilder festgehalten habe. -> Bilder Meine Gastgeber -> Bilder Jessica und Jason waren meine Gastgeber. Ich rechne ihnen hoch an, daß sie mich beherbergten, obwohl sie erst in der Woche zuvor in ihr neues Haus gezogen waren und sie teilweise noch aus den Kartons lebten. Sie waren beide anregende Gesprächspartner und freuten sich sehr über den Bildband aus Hannover. Abschied Nach dem Gespräch mit Barbara von der katholischen Zeitung Catholic war mein Kopf frei. Ich hatte im Wesentlichen meine Ziele erreicht. Ich setzte mich am letzten Nachmittag in die Sonne auf dem Rasen und ließ zufrieden meine Seele baumeln. Jessica fuhr mich am letzten
Tag zur Straßenbahn. Wir frühstückten zu meiner Überraschung im Auto: Kaffee und warmen Kuchen. Jetzt weiß ich, welchen Sinn die Tassen mit Deckel und Trinkloch machen. Seattle, ich komme ! weitere Bilder -> mehr letzte Änderung: 19.10.2002 |