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So., 29.09. - Sa., 05.10.2002:
Austin/Texas

Tommie war ein Glücksfall. Sie holte mich vom Flughafen ab und wir verstanden uns gleich blendend. Sie sprach so deutlich, dass sie gut zu verstehen war und schien ähnliche Interessen zu haben wie ich. Sie fand es großartig, dass ich die Menschen und ihre Art zu leben kennen lernen wollte. Sie ist chief financial officer (Finanzchef) einer 50-Mann Werbefirma, lebt allein und hat drei Kinder großgezogen. Sie mag Europa und war an Gemeinsamkeiten und Unterschieden sehr interessiert. Sie brachte mir gleich großes Vertrauen entgegen. Ich durfte ihr Haus benutzen und hatte einen Schlüssel.

Es ergab sich ziemlich schnell, dass ich mein Thema fand, welches mich am meisten interessierte: Die Ordnung im öffentlichen Raum. Ich arbeite in Linden in Initiativen mit, die Müll, Kriminalität, etc. zum Inhalt haben und da gibt es große Probleme bei uns.
Meistens hielt ich mich in Downtown, dem Innenstadtbereich, mit seiner Hauptstraße, der Congress Avenue, auf. Alles war sehr sauber - auch in den übrigen Stadtteilen, die ich sah. Keine Graffitis, Kaugummis auf den Straßen oder Vandalismus.
Die Menschen und Autos bewegten sich zügig, aber nicht hektisch. Es herrschte eine Gelassenheit und Freundlichkeit, die mich an Skandinavien erinnerte. Fantastisch war die Art und Weise, wie Menschen mir halfen, wenn ich Fragen hatte. Mehrfach erlebte ich, dass sie versuchten mit mir eine Lösung zu finden und sich selbst damit nicht zufrieden gaben mir irgendeinen Tip zu geben. Sie fragten später nach. Ein Verkäufer in einem Hotel, den ich nach der Benutzung eines Telefons fragte, gab mir das Gefühl sein wichtigster Kunde des Jahres gewesen zu sein.
Nach einigen Tagen bekam ich dann Einblicke in eine gewisse Szene in den Straßen. Einige Leute lungerten herum und sprachen auch andere Leute zum Betteln an. Diese Szene war klein (10-15 Leute), meistens verteilt und sehr zurückhaltend in ihrem Auftreten. Es gab keinen erkennbaren Alkohol (verboten in der Öffentlichkeit), kein Grölen, keinen Müll und keine Drogen. Sie kamen mir teilweise so artig vor, wie es bei uns vielleicht in den 60er Jahren war. In Texas gibt es harte Strafen auf Regelverstöße. Auf Schritt und Tritt trifft man auf Beschriftungen, die vor ungesetzlichem Handeln warnen. Evtl. ist es das, was auf der einen Seite einschüchtert und auf der anderen Seite aber das Gefühl erzeugt sich gelassen und sicher fühlen zu können. Meine mitgebrachte Ängstlichkeit bezüglich meines Rucksackes legte sich und es entstand das Gefühl ihn ruhig mal stehen lassen zu können, ohne dass er geklaut wird. Ich hab's natürlich nicht darauf ankommen lassen. Mit Tommie sprach ich darüber. Auch sie empfand eigentlich eine große Sicherheit in ihrem täglichen Leben. Sie kennt nur die Nachbarn gegenüber. Sie persönlich würde sicher mehr Kontakt suchen, wenn sie sich unsicher fühlen würde. Vielleicht ist es ja so, dass es auf die Balance zwischen Liberalität und Strenge ankommt. Vielleicht trägt dazu auch die Wahl der Richter durch das Volk bei. Für diese Balance gibt es wohl kein Patentrezept. Es erschien mir nach einer Woche Aufenthalt, dass die Leute hier sie relativ gut gefunden haben. Interessant wäre es einmal die entsprechenden Kriminalstatistiken zu lesen.
Etwas Verschmutzung sah ich an unbewohnten Ausfallstraßen und mir wurden einige Straßen genannt, die als nicht so sicher gelten. -> Bilder
Prävention

Verkehr: Es gibt ein Bussystem. Im Innenstadtbereich (Downtown) gibt es kostenlose Busse (genannt Dillo - Gürteltier). Sonstige Fahrten kosten 50c, egal wohin. Bezahlt wird beim Fahrer. Das System reicht bis weit in die Vororte hinein, deckt aber nicht alles ab. Ich musste z.B. vom Haus zur ersten Haltestelle ca. 4 km laufen, was mir durchaus Spaß gemacht hat. Die Busse sind in einem ausgezeichneten Zustand und fahrrad- sowie behindertengerecht (eingebaute Fahrstühle, Rampen). Ich habe nicht ein Graffiti und nicht eine mutwillige Beschädigung gesehen. Auffällig viele Fahrgäste lesen Bücher, arbeiten in Papieren oder lösen Kreuzworträtsel, wo dann schon mal auch der Nachbar gefragt wird.
Man begrüßt und verabschiedet sich beim Ein- und Aussteigen auch innerhalb der Stadt: "Have a nice day" oder so. Mich sprach das sehr an. Die Busse waren nicht mehr als zu 1/3 ausgenutzt.
Das Volksverkehrsmittel Nr. 1 ist hier das Auto. Der Verkehr fließt überall zügig. Staus und Hektik gibt es nicht. Der niedrige Spritpreis von 30-40c/Ltr. ermöglicht anscheinend auch den Wenigverdienern die regelmäßige Autonutzung.

Niedrige Einkommen und Obdachlose (homeless):
Ich fand heraus, dass es
Nachbarschaftszentren für Leute mit niedrigen Einkommen gibt. Diese Zentren sind Krankenhaus und Sozialamt in einem. Ich habe eines besucht. Besonders Eltern mit Kindern gingen ein und aus.
Benchmark: War die Kindersterblichkeit in den USA früher geringer als in Deutschland (30/40 auf 1000 Geb. in 1960), hat Deutschland inzwischen aufgeholt, bei insgesamt allgemein sinkender Tendenz (8/5 in 2000, UNESCO).
Mehr zu erfahren war leider nicht möglich, da der Pressesprecher in der noch verbleibenden Zeit nicht mehr zu erreichen war.
Im August war die Grundsteinlegung für ein Heim für Obdachlose (
Austin Resource Center for the Homeless).
Als ich Tommie erzählte, dass in einer hannoverschen Zeitung einmal stand, dass ca. 200 Kinder und Jugendliche in meiner Stadt auf der Straße leben würden, war sie schockiert. Das gibt es hier anscheinend nicht. Dazu würde passen, dass ich erlebt habe, wie die Polizei in Austin Schulschwänzer sucht und habe auch Bilder davon gemacht.

Krankenversicherung: Tommie erzählte mir, dass der Versicherungsschutz für Krankheit bei Entlassungen noch 18 Monate mit der Firmenversicherung bestehen kann. Dafür muß der Arbeitslose dann ca. 700$ monatlich aufbringen. Sie bedauert, dass der Versuch eine Krankenversicherung für alle Amerikaner einzuführen in den 90ern gescheitert ist. Die Amerikaner wären misstrauisch gegen Institutionen, weil diese die Neigung haben unkontrollierbar, teuer und uneffektiv zu werden. Ich erzähle von Deutschland und bestätige diese Vermutungen. Wir sind uns einig, dass wir beide keine Lösung wissen.
Die USA haben eine Staatsquote* von 35% und Deutschland von ca. 50%. Ich würde unter diesen Bedingungen mein höheres Einkommen benutzen, um mir für Notzeiten selber ein entsprechendes Polster zurechtzulegen.
* Staatsquote ist der in Prozenten des Bruttosozialproduktes ausgedrückte Staatsverbrauch

Hunde: Es gibt nur wenige Hunde im Stadtbild. Tommie erzählt, dass es kein Gesetz zum Umgang mit dem Hundekot gibt. Die Hundebesitzer beseitigen den Kot jedoch, da sie sonst von aufgebrachten Bürgern angegangen würden.

Drogen: In der Praxis wird der persönliche Gebrauch von Haschisch geduldet. Im Zusammenhang mit Unfällen und ähnlichen Ereignissen erfolgt jedoch Bestrafung. Das Dealen wird bestraft.
Alkohol in der Öffentlichkeit oder der Verkauf an Menschen unter 21 Jahre ist nicht erlaubt.

"Scheinselbstständigkeit": Bei jeder Einstellung muss die Firma ein Formular ausfüllen. Es wird u.a. angegeben, in welchem Grad der Mitarbeiter Entscheidungsfreiheit hat. Das entscheidet dann darüber, ob ein Vertrag als "contracter" (Selbstständiger) oder "employee" (Angestellter) zulässig ist. Der Mitarbeiter kann klagen und Geld erhoffen (z.B. für Krankenversicherung). Eine Möglichkeit auf Weiterbeschäftigung hat er wegen dem fehlenden Kündigungsschutz nicht.
Übrigens: Dänemark und Schweiz haben auch keinen Kündigungschutz und eine sehr geringe Arbeitslosigkeit. Tommie meint, dass die Demokraten, wenn sie dran sind, immer neue bürokratische Gesetze einführen und die Wirtschaft zusammenzuckt und dann bei den Konservativen aufatmet und einige Regelungen dann wieder abgeschaft werden.

Pfiffiges in Austin: -> Bilder
Fasziniert war ich von ungewohnten technischen Lösungen für dieses und jenes, ob im Nahverkehr, im Haushalt oder sonstwo. In jeder besuchten Stadt vielen mir neue Dinge auf. Hier gibt es Fotos aus Austin.

-> weitere Bilder

Nach sechs Tagen war es so weit: Es geht zum Flughafen. Tommie fährt mich hin. Während der Fahrt durch die Stadt sehe ich Demonstranten, Leute, die vor Theatern und einem Minimuseum Schlange stehen.
Es steigt Wehmut auf. Ich habe in der kurzen Zeit viel von den Menschen hier kennengelernt. Vieles hätte ich gerne noch unternommen. Vielleicht beim Nächstenmal.
Goodbye Tommie, goodbye Austin. Ich habe dich ein wenig ins Herz geschlossen.

letzte Änderung: 17.10.2002


Capitol in
Austin

Austin auf einen Blick :
Haupstadt von Texas seit 1839
Einwohner: 656.562,
52,9% Weiß, 30,5% Hispanic, 9,8% Schwarz, 4,7 Asiatisch.
Austin ist die zweitschnellst gewachsene Stadt der USA nach Las Vegas und hat an dem HighTech-Boom der letzten Jahrzehnte heftig teilgenommen.
Zeitverschiebung: - 7 Stunden
Offizielle Homepage Austin Texas


Tommie ist sehr zufrieden, weil sie einen wichtigen Auftrag reingeholt hat und vielleicht auch, weil sie mit einem ganz passablen Deutschen zusammensitzt. ;-) Im Restaurant über ...


... dem Lake Travis, durch den der Colorado fließt.


Harmlose "Herumhänger" auf der Congress Avenue.

Ein solcher Typ namens Leslie ist stadtbekannt und ein Symbol für die liberalen Bürger gegen die Konservativen. Die liberalen Buerger verteidigen ihn gegen die Polizei, reden mit ihm und machen sich Sorgen, wenn er eine zeitlang nicht auftaucht. Auch Tommie, meine Gastgeberin hat schon mit ihm geredet. Er soll sehr intelligent sein, sieht aber aus wie zum schiessen. Er tut niemandem etwas zu leide, macht keinen Dreck und bettelt auch nicht. Er hat sich sogar vor einigen Jahren zur Bürgermeisterwahl aufgestellt. Das Wahlergebnis gilt hier als Achtungserfolg.
Erst durch dieses Foto wurde meinen Gesprächspartnern klar, daß es außer Leslie noch einen Zweiten diesen Typs gibt.


Fahrradtransport ohne Aufpreis. Fahrpreis: 50c


Der "Dillo" (Gürteltier), kostenlos im Innenstadtbereich.


Alle Busse verfügen über ...


... Behindertenrampen oder -lifte. Alle Busse können auf der Einstiegsseite hydraulisch abgesenkt werden.


Bus mit Naturgasbetrieb für saubere Abgase.


1. Plötzlich reißt der Sitz aus der Verankerung. ...


2. ...Scipa ist gutgelaunt, obwohl er gerade mit dem Bussitz zusammengekracht war. "Hast Du zuviel Texassteaks gegessen ?" meint sein Freund.
Von dem ihm ...


Das Fahrgeld wird einfach in diese Box geworfen. Nachzählen nur durch Sichtkontrolle. Die meisten Busse haben elektronische Zählung auch für Scheine. Busfahrer halten an, wenn  verspätet ein Fahrgast kommt.

3. ... unbekannten Juan (homeless) erhält er zum Trost einen Lolly.

Niedrige Einkommen und Obdachlose (homeless)

 
Juan, 46 Jahre, homeless und ohne Job, kann als construction worker (Bauarbeiter) nicht mehr arbeiten: Knie, Gelenke. Er wird medizinisch behandelt und bekommt gerade seine neue Brille. Er nimmt an einer Umschulung teil (Electronic).
Er muss morgens um 5:30 aus dem Bett, da er in einem Heim für Obdachlose schläft. Sein Urgrossvater kam aus Mexiko. Er und seine Eltern sind in Texas geboren.


Clarence arbeitet am Empfang eines
Neighborhood Centers. Er war 88/89 als Soldat bei Frankfurt. Deutschland hat ihm sehr gut gefallen. Er weiss Orte im ansonsten sehr sicheren Austin, wo man besser vorsichtig ist.


Sie ist homeless und sucht einen Job.


Austin Resource Center for the Homeless im Bau.

Prävention


1. Dies ist ein Schulbus. ...


2. ... Und das ist Amon (18) mit seinen Freunden. Er hat den Schulbus verschlafen und möchte 1/2 $ für den Bus, die er auch bekommt. Als sie die Polizei sehen ...


3. ... laufen sie weg und der Polizeiwagen fährt hinterher. ...


4. ... Auch das Suchen hinterm Zaun hilft nichts. Sie bleiben verschwunden. Letztendlich werden sie aber keine Chance haben.
Da es einen Zusammenhang gibt zwischen Schulschwänzen und Kriminalität , haben auch deutsche Städte angefangen die Polizei gegen Schulschwänzer einzusetzen (Nuernberg, Bielefeld, etc.).


Wählt Bob Honts zum Richter. ... Verkehr in einer Krise ... Wählt nicht Bob Honts ...


"Neighborhood Watch Community. Wir berichten sofort alle verdächtigen Personen und Aktivitäten an unserer Polzei."


"Weißt Du, daß es ungesetzlich ist :
mißbräuchliche, unanständige, gotteslästerliche, geschmacklose Sprache hier im Bus zu benutzen
Mißbrauch oder Bedrohung einer Person in einer offensiven Art
Beschädigung oder Zerstörung von Eigentum hier im Bus
Markierungen, Inschriften, Slogans, Zeichnungen oder Malen hier im Bus"
Es werden die einzelnen betreffenden texanischen Gesetze genannt. Es wird eine Belohnung bis zu 1.000$ für die Benennung eines  Kriminellen angeboten.


"Kein Alkoholkonsum auf öffentlicher Straße, Bürgersteig und als Fußwege ausgewiesene Bereiche
Stadtordnung 95-0420-D"

"Offene Glasbehälter verboten"
(vermutlich wegen überschwappen von Getränken) ??


Ausgangssperrebereich 1
Personen unter 17
verboten 22:00 bis 6:00
Telefon 480-5000 für Ausnahmen

Pfiffiges in Austin


1. Schlotzki's Deli, Congress Avenue :
Nach der Bestellung erhält man dieses nette Gerät. Wenn das Sandwich fertig ist, brummt und leuchtet es ...


2. ... und die Bestellung kann abgeholt werden.


Haushaltskühlschrank mit Eisspender:
Glas einstellen und gegendrücken, die Eisstückchen fallen automatisch rein.


Gleich zweimal Pfiffiges:
Geschältes wird im Ausguß geschreddert und weggspült.
Spülbürste mit Spülmittel im Vorratsbehälter. Dadurch ist es möglich einzelne Geschirrstücke zu spülen ohne Wasser ins Becken zu füllen.


1. Das WC-Wasser wird beim ...


2. ... Spülen in Rotation versetzt und dann vollständig in den Ausguß gezogen. Gemessener Wasserverbrauch hier: 4 Ltr., offiziell 5,7 Ltr.
Ein deutsches WC verbraucht beim großen 7-8 Ltr. und beim kleinen Geschäft 3-4 Ltr.

Weitere Bilder


Andre ist Reinigungskraft von Beruf und lebt seit 15 Jahren in Austin. Er hat drei Kinder, kam von Detroit und findet hier alles besser: Arbeit, Wohnung, Leute.


Der freundliche ältere Herr bringt als Lehrer seinem blinden Patienten die Bewegung in der Stadt bei. Der Patient hat sein Augenlicht erst im Laufe seines Lebens verloren. Das Programm ist staatlich finanziert.


Stephanie & Sadie, metermaids (Politessen) in Austin machen einen entspannten Job.


Freundliche Texas Troopers bewachen das Capitol


Governor W. Bush in der Ahnengalerie im Capitol.
Er war von 1995 bis 2000 Governor von Texas, gilt als charismatisch und die qualitative Verbesserung des Schulsystems wird ihm hoch angerechnet.


Recycling: Papier und Plastik in der grünen Box werden freiwillig und auf eigene Kosten getrennt abgeholt. Dafür zahlt Tommie 3$ im Monat.


Freemusic in der "Welthauptstadt der Freemusic" an einer Bushaltestelle.


Elvisschrein der Kollegen in Tommies Firma.


Joggen in Austin: Immer und überall.